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«Im Auge der Literaten» mit Ivna Žic: Wenn mitten in der Coronakrise die Erde bebt

Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller schildern in dieser Rubrik ihre Sicht auf die Coronakrise. Diese Woche berichtet Ivna Žic, wie sie die Quarantänezeit in Kroatien, der Heimat ihrer Eltern, erlebt hat.

Ivna Žic
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Die kroatisch-schweizerische Autorin Ivna Žic hat soeben den Anna-Seghers-Preis erhalten.

Die kroatisch-schweizerische Autorin Ivna Žic hat soeben den Anna-Seghers-Preis erhalten. 

Bild: Keystone

Diese Tage verbringe ich in Mali Brgud, Kroatien, inmitten von Hügeln zwischen dem Meer und der slowenischen Grenze. Dieser Ort, ein Pausenort, ein Zwischenort nach einem Erdbeben und während dieser Zeit, die andauert, ist ein Zufall, eine Geschichte ohne Plan.

Mali Brgud.
Kleiner Berg-ud?
Mali Bergöd
Kleines Einöd?
Kleines Ende vom Dorf.
Kleines Ende?

Kleiner Anfang?

Als der Lockdown sich ankündigte, war ich gerade in Zagreb. Zu Besuch bei den Eltern. Und ich blieb in Zagreb. Etwas in mir verwehrte sich gegen die Rückkehr in die sogenannten eigenen vier Wände. Immer mehr musste ich darüber nachdenken, wer mit wem wo geblieben war. Oder noch schnell davongefahren war. Aus welcher Wohnung, welcher Stadt, in welche andere – um mit jemandem zu sein, um weit weg von jemandem zu sein, um ja nicht allein zu sein. Wer eine Wahl oder vielleicht ein gutes Bauchgefühl hatte, und wer diese eine, vorläufig letzte Fahrt: verpasste.

Ich zählte mich innerlich manchmal zu den Letzteren, auch wenn ich wusste, dass dieses Verpassen ein bewusstes war, dass mich etwas dort hielt, wo ich gerade war. Als könnte ich mich nicht entscheiden zwischen vielleicht Wien, vielleicht Zürich, vielleicht Roscoe. Vielleicht Kroatien? Ich entschied mich, einfach zu bleiben.

Ich richtete mich ein, wie wir es alle taten. Von Tag zu Tag justierend, noch Glück gehabt und die letzten Bücher aus der Bücherei ausgeliehen, am nächsten Tag war alles zu, die Strassenbahn stand still, nur die Bücherbestellung aus dem Internet kam noch an.

Was nicht mehr ankam: Die Triestine-Karten, die mein Vater und ich bestellten, als wir an jenem Samstag merkten, dass wir nun wirklich viel Zeit zusammen und in der Wohnung verbringen würden. Oder doch: Die Karten kamen zwei Tage später an, doch sie konnten nicht mehr zugestellt werden, da waren wir schon weg, in Mali Brgud.

In der Nacht nach der Kartenbestellung, auf die wir uns alle freuten und die eine Art von Gemütlichkeit versprachen, bebte in Zagreb die Erde, morgens um 6 Uhr 24. Sie bebte zwei Mal hintereinander mit einer Magnitude von 5,4 auf der Richterskala.

Ein Knall von solcher Lautstärke, ein Beben von solcher Kraft, dass es den Tiefschlaf ohne Vorwarnung gewaltvoll unterbrach – ich weiss nicht mehr, wie ich Brille und sogar eine Decke geschnappt habe, ich erinnere es nicht – ich erinnere nur den lautesten Ruf meines Namens von meiner Mutter, quer durch die Wohnung in diesen Knall hinein, den ich je gehört habe. Wir rannten durch das Treppenhaus, drei Stockwerke hinunter durch den Altbau, und standen mit allen Menschen vor dem Haus im Park, der tags zuvor, ja nur Stunden zuvor menschenleer gewesen war.

Es war genau in der Nacht wieder eiskalt geworden, und es war früh, und alle trugen Pyjamas und Gesichtsmasken und Mäntel und versuchten im Schock, Abstand zu wahren, und waren zugleich so sehr über die Nähe und Sichtbarkeit der anderen menschlichen Körper froh.

Während vom Virus innerlich alles bebt, aus dem Takt gekommen ist, kommt mit dem Erdbeben die Erfahrung dazu, wie fein die Wände sind, die uns umgeben, wie fragil das scheinbar Sicherste, Liebste ist, jener Ort, an dem wir uns gerade alle aufhalten sollten: das eigene Zuhause. Oder eines der eigenen Zuhause. Der Schutzraum, in dem wir bleiben sollen. Der Stadt Zagreb hat das Erdbeben die viel grösseren Schäden gebracht als das Virus. Die erschütterten Wände und für gefährdet erklärten Gebäude werden noch Monate des Wiederaufbaus brauchen.

Fast zwei Monate sind seit dem Beben vergangen. Kleine Nachbeben versetzen die Stadt weiter in Unruhe, wenn sie kontinuierlich, aber nicht vorhersehbar durch die Erde jagen.

Wir hatten uns nur Minuten nach dem Beben ins Auto gesetzt und waren Richtung Meer gefahren, aus der Stadt hinaus, weg vom Epizentrum: Dorthin, wo es sicher schien. Richtung Süden, Richtung Meer. Die ungeplante Reise endete an diesem zufälligen Ort, Mali Brgud, der mittlerweile alle linearen oder kausalen Gedanken zu der Frage: Wo möchte ich eigentlich gerade sein?, aufgelöst hat.

Ich schaue hinaus. Ich bin in Kroatien. Es sind nun gute sieben Wochen, dass ich hier bin. Seit dem Wegzug der Eltern in die Schweiz, vor 30 Jahren, war ich noch nie so lange am Stück hier gewesen. Die Schulferien waren stets zu kurz, die Arbeit zu hektisch, das Leben zu voll.

Und ich bleibe hier. Ich weiss nicht genau warum. Doch nun bleibe ich, wo ich sonst immer abreise.

Mali Brgud: ein wenig Erdung?
Mali Brgud: ein wenig Geduld?
Mali Brgud: Zeit haben?
Mali Brgud: hier sein.

Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben in dieser Rubrik über ihre Gedanken in der Coronakrise.

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