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«Im Auge der Literaten»: Essayist Martin R. Dean erklärt im Selbstgespräch, warum das Leben unheimlich wird

Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller schildern in dieser Rubrik ihre Sicht auf die Coronakrise. Diese Woche sinniert Schriftsteller Martin R. Dean darüber, wieso man sich in Quarantänezeiten wie Kafka fühlt.

Martin R. Dean
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Martin R. Dean, 64, lebt als Schriftsteller und Essayist in Basel. 2019 erschien sein Roman «Warum wir zusammen sind».

Martin R. Dean, 64, lebt als Schriftsteller und Essayist in Basel. 2019 erschien sein Roman «Warum wir zusammen sind».

Bild: Maia Wackernagel

Wie geht es dir?

So weit gut, ich lebe in einem privilegierten Teil dieser Welt.

Bist du wegen der Quarantäne mehr allein als sonst?

Die Familie ist da, Freunde tauchen als digitale Schatten auf, zufällige Begegnungen bleiben aus.

Führst du deswegen oft Selbstgespräche?

Ja, aber das hat für einen Schriftsteller auch Vorteile. Nicht gesagte Worte machen einen geräumiger. So entstehen Geschichten. Ich kommuniziere intensiv mit der Natur. Neulich lag ich unter einem blühenden Apfelbaum; es war wie das Eintauchen in einen Kosmos und eines meiner schönsten Erlebnisse.

Wann hast du das Virus das erste Mal als ernsthafte Gefahr wahrgenommen?

Genau genommen habe ich das Virus bis heute nicht zu Gesicht bekommen. Das gefährliche Ding, das selber nicht einmal ein Organismus ist, hat ja eine Grösse von 20 bis 300 Nanometern und verfügt über Eigenschaften, die wir noch nicht alle kennen. Jede Katze ist uns vertrauter. Daran musste ich denken, als ich am Basler Münster vorbeispazierte und mein Blick auf den steinernen Georg fiel, der den Drachen tötet. Seit des heiligen Georgs Zeiten sind unsere natürlichen Feinde immer kleiner geworden. Unser neuester Feind ist so klein, dass er nicht mehr sichtbar ist; er steckt noch dazu in uns selber. Wenn ihm eine Ideologie eignet, dann die, dass es Wohlstandserkrankte tötet und es auf den männlichen Überschuss auf diesem Planeten abgesehen hat. Aus der Bedrohung durch äussere Feinde ist eine durch die innere Natur geworden. Das hat dystopisches Potenzial. Man wird in Zukunft die Hygienemassnahmen verschärfen, was paradoxerweise die Anfälligkeit für neue Viren steigert. Gemäss der Hygienehypothese nehmen Allergien und atopische Krankheiten bei steigender Sauberkeit zu. Einmal mehr werden wir der Dialektik der Zivilisation nicht entgehen. Das, was uns schützt, macht uns auch krank.

Stammt das Virus nicht von Fledermäusen, von denen es auf den Menschen gesprungen ist?

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, dass in China eine andere Ordnung herrscht zwischen Mensch und Tier. Die Unterteilung in Haus-, Wild- und Nutztiere verläuft dort anders. Alle lebten in Wuhan mit Menschen auf engstem Raum, was Zoonosen begünstigt. Das Virus entstammt also einer gestörten Ordnung zwischen Mensch und Tier. Kulturgeschichtlich rächt es sich, dass wir die Tiere nur noch unter dem Verwertungsaspekt sehen, ja, dass wir sie letztlich aus unserem Leben entfernt haben.

Wie verändert das Virus unser Verhältnis zur nahen Umwelt?

Wenn ich ängstlich wäre, müsste ich offene Münder ebenso wie Ablageflächen, Stützborde, Parkbänke und Haltestangen in Zügen und Trams meiden. Türklinken an öffentlichen oder halböffentlichen Orten wie Schulen gehören zu den gefährlichsten Dingen. Auch wenn man nicht ängstlich ist, wird unser Verhältnis zur Dingwelt insgesamt anders.

Du meinst, wir werden mehr putzen müssen?

Die Hygienisierung geht ja mit der Digitalisierung einher. Beides entfernt uns immer mehr von der Materie. Das Ideal der Zukunft könnte heissen: So wenig Dinge wie möglich berühren. Das tut uns nicht gut.

Aber die Krise entfernt uns auch vom Mitmenschen.

Was der tägliche Kontakt mit Menschen bedeutet, erfahren wir jetzt. Das Leben wird seltsam bis unheimlich, wenn die Berührungen fehlen. Vieles spielt sich wie hinter Glas ab, wofür die Begegnungen am Computerbildschirm zum Symbol geworden sind. Zuweilen ertappe ich mich dabei, selbst dem schönen Wetter nicht mehr zu trauen. In dieser Zeit der Quarantäne fühlt man sich ein wenig wie Kafka, der immer auf das Leben gewartet hat. Und als es endlich kam, wars vorbei.

Was gilt es in die Postcoronazeit hinüberzunehmen?

Das Bewusstsein, wie wichtig Berührungen für uns sind. Der Mensch ist ein Tier, das berührt und berührt werden will. Nicht mehr ganz neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung weisen darauf hin, dass Berührungen den Oxytocinlevel erhöhen, der uns widerstandsfähiger macht. Unsere Haut ist zentral für unsere Immunität. Dieses Paradox muss man allen Hygienebemühungen entgegenhalten. Es ist das Paradox unserer Kultur, dass uns gerade der eigene Fortschritt bedroht.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Wir sollten mit den Tieren und der Natur endlich anders umgehen lernen.

Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben in dieser Rubrik über ihre Gedanken in der Coronakrise.

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