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«Im Auge der Literaten»: Autorin Anna Stern lässt sich von der Pandemie zu einem fiktiven inneren Monolog inspirieren

Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller schildern in dieser Rubrik ihre Sicht auf die Coronakrise. Diese Woche teilt Anna Stern die Gedanken einer von ihr erdachten Protagonistin.

Anna Stern
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Anna Stern, 30, ist Schriftstellerin und Doktorandin an der ETH Zürich, wo sie an antibiotikaresistenten Bakterien forscht.

Anna Stern, 30, ist Schriftstellerin und Doktorandin an der ETH Zürich, wo sie an antibiotikaresistenten Bakterien forscht.

Bild: zvg

regen.

man hat es ja gewusst. eigentlich. hat gewusst, dass es irgendwann so kommen wird.

es regnet. seit zwei verdammten wochen regnet es. hannah dreht sich um, zieht sich die decke über den kopf, steckt sich die finger in die ohren. dieser verdammte regen, dieses verfluchte trommeln die ganze zeit.

routine ist jetzt wichtig. tagwache um fünf uhr zweiundreissig. dann raus, laufen, einfach durch den wald, im schutz der dunkelheit. man muss, man kann, irgendwie braucht der tag struktur. sonst geht das nicht. geht alles nicht mehr.

vier wochen, hat der hr-mann gesagt, ich will sie hier die nächsten vier wochen nicht sehen, frau fabian, mindestens. sie brauche die freie zeit nicht, ihr gehe es gut, sie arbeite gern: hannahs protest nützte nichts. die klinik überlebe auch einen monat ohne sie; mindestens. beschissene überzeit. human resources zum teufel. human remains viel mehr, hinterwäldlerischer reaktionär, haarloser rattenfurzer. was soll sie vier wochen lang, was bloss.

routine also. radio zur vollen stunde, volle aufmerksamkeit. muss vorbereitet sein, immer, muss wissen, was kommt. für den ernstfall planen, sich gedanken machen zu möglichen fluchtwegen. es kann alles, es kann jederzeit. man weiss nie.

was bloss. vier wochen regen, wie es aussieht. vier wochen regen am meer, was will man im sommer mehr. hannah flucht: darin hat sie es in diesen wochen zur meisterschaft gebracht. andere backen in den ferien brot, steigen auf berge, retten flüchtlinge aus dem meer; hannah flucht. man kann nicht alles, sagt sie sich, man kann nicht alles haben, sagt sie laut. es klopft, und gabriel kommt ins zimmer, stellt das tablett auf den nachttisch, brot, marmelade, ein glas orangensaft, fragt, was hast du gesagt. man kann nicht alles haben, habe ich gesagt, und grad jetzt, zum beispiel, habe ich keinen hunger.

frühstück irgendwann: mitunter fehlt unter den umständen der appetit. und: im laden sind die regale ohnehin alle leer. auch: man weiss nie, wann wieder bomben fallen. oder ob nicht plötzlich das licht und die hitze: es gibt keinen schutz, es gibt kein gegenmittel, man kann nicht einfach. nicht einfach so.

ihr bruder schüttelt den kopf, sagt jedoch nichts: hat in den letzten zwei wochen gelernt, dass das nichts bringt. hannah setzt sich im bett auf, gabriel lehnt sich gegen die wand. hannah trinkt einen schluck saft und fragt, und, was habt ihr heute für pläne.

routine, sonst geht das nicht. jeder tag hat so unglaublich viele stunden. zuerst: pflanzen giessen. tomaten und habañeros auf dem fenstersims. draussen: flieder. tulpen. vergissmeinnicht. und das gras trocken wie stroh, kein regen, nirgends, seit wochen nur wolken und wind und risse im boden. alles wird staub.

es war gabriels idee: warum nicht ans meer fahren, warum nicht in die pension, in der sie als kinder schon die sommer verbracht hatten. die madame hätte gewiss freude, mona und felix würde es bestimmt gefallen, meinte er, oder glaubst du nicht. kann sein, hat hannah gesagt, kommst du mit, ich schaff das nicht allein.

wird staub und sie kann nicht, kann nichts dagegen tun. kann die augen schliessen und alles, doch was hilft das, hilft das nichts. wie soll es auch, ist ja alles immer noch da, der staub, die bomben, der lärm die ganze zeit. von den wänden blicken augen, schwarze ränder, sirren in der luft.

gar nichts schafft sie. seit sie angekommen sind, in der pension, am meer, liegt hannah im bett, kann nicht, kann einfach nicht mehr. was ihr fehlt. frag nicht, sagt sie. oder: weiss nicht: oder: alles. gabriel und die madame kümmern sich um die kinder, da sind zum glück der strand und der hafen und das fischereimuseum, ob mit, ob ohne regen; kümmern sich auch um hannah, soweit diese das zulässt.

es gibt natürlich noch die tiere, die tiere helfen. der bär und die raubkatzen; die vögel und das krokodil im teich.

anfangs war noch sophie da, doch sie ist wieder zurückgefahren: es kommen nicht alle in den genuss von vier wochen sommerferien. an guten tagen hüpfen mona und felix nach dem mittagessen zu hannah ins bett, und sie schauen sich gemeinsam bilderbücher an oder spielen uno. dann wieder kann hannah nicht: die kinder liegen neben ihr, der fernseher läuft.

trotz allem: routine hilft nur bedingt. auch der gedanke: man hat es ja gewusst. eigentlich.

gabriel sagt, der neffe der madame hat ein boot, wir fahren heute zur insel hinaus. im regen, fragt hannah. im regen, sagt ihr bruder und nickt. vergiss die sonnencrème nicht, sagt hannah und dreht sich zur wand.

es bleibt: der staub.

Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben in dieser Rubrik über ihre Gedanken in der Coronakrise.

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