Wer ist schuld am Ersten Weltkrieg? Gustav Meyrink muss einen Propagandaroman schreiben

Wie entzieht sich ein Schriftsteller der Kriegspropaganda? Christoph Poschenrieder erzählt die reale Groteske um den Satiriker Gustav Meyrink, der 1917 einen Roman schreiben soll, der den Freimaurern die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zuweisen soll. 

Hansruedi Kugler
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Der Schriftsteller Gustav Meyrink 1928. (Bild: Ullstein Bild via Getty Images)

Der Schriftsteller Gustav Meyrink 1928. (Bild: Ullstein Bild via Getty Images)

1919 war das Jahr der Münchner Räterepublik. Hundert Jahre ist das her, fast vergessen ist die unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg von Dichtern und Anarchisten wie Kurt Eisner, Erich Mühsam und Ernst Toller angeführte Revolution, die nach kurzer Zeit blutig niedergeschlagen worden ist.

Christoph Poschenrieder erinnert daran mit einem Roman, der mit charmantem Witz und biografischer Präzision einen Überraschungsfund thematisiert. Der Fund scheint so verrückt, dass man ihn für reine Erfindung halten müsste: Gegen Ende des Ersten Weltkriegs bekommt der Bestsellerautor, Satiriker, Okkultist und Kriegsgegner Gustav Meyrink vom Auswärtigen Amt in Berlin den Auftrag, einen Roman zu schreiben.

Darin soll er einen Sündenbock, einen Schuldigen für den Ausbruch dieses Krieges benennen – am liebsten die Freimaurer oder die Juden, oder gleich beide. Hauptsache, die Reichsregierung steht nach dem absehbar verlorenen Krieg zumindest im Roman mit weisser Weste da.

Barrikade von Revolutionären der Räterepublik am Gärtnerplatz in München im April 1919. (Foto: Akg-Images)

Barrikade von Revolutionären der Räterepublik am Gärtnerplatz in München im April 1919. (Foto: Akg-Images)

Weil Emotionalität Vorurteile bestätigen könne und suggestiver wirke als nackte Fakten, schaffe ein Roman im Volk die richtige Stimmung, argumentiert der zynische Auftraggeber in Berlin. Man merkt den Gegenwartskommentar: Das klingt schon sehr nach heutiger Fake-News-Methode.

Ein Heimatdichter wie Ludwig Ganghofer kommt für die Aufgabe nicht in Frage, weil er als zu parteiisch gilt. Aber wenn ein bekannter Kriegsgegner wie Meyrink, der die deutschen Militärs in der Satirezeitschrift «Simplicissimus» schon als «Vaterlandsaffen» verspottet hat, den Roman schreiben würde, wäre das viel glaubwürdiger. Eine halbe Million Auflage wird versprochen – und ein fürstliches Honorar.

«Ich möchte gerne vor der Revolution zu Hause sein»

Ein empörendes, aberwitziges Angebot also für einen Schriftsteller und Pazifisten, der sich mit angeborener Skepsis immer schon aus der Politik heraushalten wollte: Der grassierende Militarismus ist ihm ein Gräuel, und vor der Vereinnahmung durch befreundete revolutionäre Hitzköpfe wie Erich Mühsam flüchtet Meyrink in Poschenrieders Roman jeweils ins grossbürgerlich Private seiner Villa am Starnberger See mit Bonmots wie «Ich möchte gerne vor der Revolution zu Hause sein».

Das Angebot aber hat einen wahren Kern. Einen solchen Auftrag soll es tatsächlich gegeben haben. Mehrere Quellen berichten davon. Und Christoph Poschenrieder fügt zwischen den Romankapiteln eigene Recherchenotizen aus Archiven ein. Für Meyrink war das Angebot finanziell verlockend. Nach dem Bestseller «Der Golem» hatte er immer weniger Erfolg, dafür Geldsorgen – und überwindet schliesslich seinen verständlichen Schreibstau.

Allerdings gefiel Meyrinks Kriegsroman dem Auswärtigen Amt offenbar nicht: «Das Manuskript kommt in den Giftschrank», fährt im Roman der Reichsbeamte Hahn trotzig-zynisch fort: «Den Versuch war’s wert. Dass Romane die Welt verändern können, will ich dennoch fest glauben.» Historisch korrekt: Der Österreicher Friedrich Wichtl schrieb kurz darauf das Pamphlet «Weltfreimaurerei Weltrevolution Weltrepublik», das ab 1919 in vielen Auflagen bis in die Nazizeit erschien und noch heute in rechtsextremen Kreisen gelesen wird.

Mit Wichtl hatte das Deutsche Reich einen wohlfeilen Propagandisten gefunden. Dass er vom Auswärtigen Amt angestellt wurde, scheint zumindest möglich. Poschenrieder sagt denn auch: «Mich hat schon früh die Linie interessiert, die Fakt und Fiktion, Vertrauen und Zweifel trennt.»

Christoph Poschenrieder

Christoph Poschenrieder 

«Mich hat schon früh die Linie interessiert, die Fakt und Fiktion, Vertrauen und Zweifel trennt.»

Funkelnde Porträts mit satirischem Unterton

Ein solcher Roman könnte eine geschmacklose Burleske werden. Denn der Idealismus der anarchistischen Revolutionäre endete in einem Blutbad, angerichtet von nationalistischen Freicorps.

Umso beeindruckender, was der für kluge Gesellschaftsromane bekannte Poschenrieder mit feiner satirischer Klinge zusammenbringt: atmosphärische Revolutionsszenen, pointierte Dialoge, funkelnde Porträts, biografische Rückblenden in Meyrinks spektakuläres Leben zwischen Vaterlosigkeit, Bankrott, Okkultismus und Bestsellerautorschaft. Interessant ist die Reflexion auf das Verhältnis von Kunst und Politik zwischen Rebellion und Anpassung.

Poschenrieder schildert Gustav Meyrink als sympathisch-knorrigen Zauderer und Dandy mit Bonmots, die von Oscar Wilde stammen könnten: «Fleiss ist die Wurzel aller Hässlichkeit» oder «Der Schmerz brachte mich zum Schreiben. Der Rückenschmerz, nicht der Weltschmerz.» Nur schon dessen kuriose Biografie ist den Roman wert.

Meyrink ging als Dandy-Bankier in Prag bankrott, versuchte mit Alchemie Gold zu machen, heilte sein Rückenleiden mit Yoga und hielt okkulte Zirkel ab. So beginnt auch der Roman: Mit einer Totenbeschwörung am runden Tisch, in welcher eine Witwe ihren verstorbenen Mann bittet, das Versteck eines Pfandscheins für den Schmuck zu verraten. Dann: «Es klopft.» Ein einarmiger Bote steht vor der Tür. Mit diesem Slapstick beginnt eine amüsante, tiefgründige Satire.

Christoph Poschenrieder Der unsichtbare Roman. Roman, Diogenes, 271 Seiten.