ILLUSTRATION: Farben des Lebens

Ihre Bilder erschliessen die Bibel jenen, die noch nicht lesen können. Zu religiös sollten sie aber nicht wirken, findet die Künstlerin Barbara Nascimbeni.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
Der Wicht bietet dem Riesen die Stirn – in ungewöhnlicher Perspektive dargestellt. (Bild: Barbara Nascimbeni/Gabriel Verlag)

Der Wicht bietet dem Riesen die Stirn – in ungewöhnlicher Perspektive dargestellt. (Bild: Barbara Nascimbeni/Gabriel Verlag)

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

«Wer ist denn dieser Wicht?» Goliat, erster Krieger der Philister, ein riesengrosser Kerl, hält sich den Bauch vor Lachen, als ein Kind ihm zum Zweikampf gegenübertritt: der Hirtenbub David, später König von Israel. Goliat kann es nicht fassen; der Kleine wird ihn mit List besiegen. Dramatisch und spannend, in lebhaften Dialogen vergegenwärtigt Martina Steinkühler die Geschichte von David und Goliat in ihrer 2015 erschienenen «Neuen Erzählbibel für Kinder».

Die ganzseitige Illustration von Barbara Nascimbeni zeigt David mit Lämmchen und Steinschleuder von hinten, perspektivisch vergrössert – Goliat hingegen als Zwerg. «Diese Idee musste ich beim Verlag erst durchsetzen», erinnert sich die Künstlerin, «auf den ersten Blick ist das nicht einleuchtend. Aber mir war wichtig zu zeigen, dass David der Stärkere von beiden ist, durch seine Klugheit.» Ein schönes Beispiel dafür, wie sie als Illustratorin die biblischen Geschichten interpretiert. Ihre Bilder sprechen eine eigene Sprache, über die Erzählung hinaus. Sie verdoppeln den Text nicht, sondern loten ihn aus.

Eigene Zugänge statt Ehrfurcht vor der grossen Tradition

Die Bibel ist nicht der erste religiöse Text, den Barbara Nascimbeni illustriert hat. Die 1969 in Italien geborene, heute in Hamburg und Südfrankreich lebende Künstlerin ist international tätig. In Frankreich erschienen von ihr Bücher wie «Les visages de Dieu» und «L’encyclo catho», mit dem deutschen Theologen Rainer Oberthür hat sie ein Bilderbuch zum «Vater unser» und die Geschichte «Zusammen» herausgebracht, mit Martina Steinkühler eine Sammlung von Kindergebeten («Für dich bin ich immer da», Gabriel Verlag). Dabei steht Barbara Nascimbeni «der Kirche und allem drumherum» ziemlich kritisch gegenüber, wie sie sagt. «Ich bin in die Sparte der religiösen Bücher eher zufällig reingerutscht. Deshalb halte ich als Illustratorin Distanz zur Tradition und Gottesverehrung.»

Lieber sucht sie eigene Zugänge, macht in ihren Bildern eine Kraft des Lebens sichtbar, ihren Glauben an die Menschheit, die Natur. Sie wählt leuchtende Farben, stattet die Bilder mit Tieren, Pflanzen als eine kleine Welt für sich aus. Nahe sind ihr die Themen Frieden im Gegensatz zu Krieg, Armut und Reichtum, innerliche Stärke gegen körperliche Kraft und Gewalt – wie im Beispiel von David und Goliat. Was sie zeigt, leuchtet Noch-nicht-Lesern intuitiv ein.

Es beginnt mit Abraham und Sara

Wichtig war der Künstlerin, dass die Bilder beim ersten Blättern nicht zu offensichtlich religiös wirken, zu «fromm». «Ich richte mich mit meinen Büchern an alle Kinder, ob sie in einer gläubigen Familie aufwachsen oder nicht.» Geschichten der Bibel, Gebete wie das «Vater unser» gehören für viele Eltern zum kulturellen Schatz, den sie ihren Kindern zugänglich machen möchten – an sie hat die Illustratorin bei der Wahl ihrer Gestaltungsmittel gedacht. Ungewöhnlich ist auch der Zugang der Autorin Martina Steinkühler. Sie erzählt nicht in der gewohnten Reihenfolge; sie beginnt mit Abraham und Sara. Aller Anfang, die Schöpfung, kommt erst auf Seite 100. Die Kapitel sind eher thematisch gefasst. Sie beginnen mit kleinen Einleitungen, Einladungen in die Texte – mit Blick auf die leuchtenden Bilder verfasst.