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Preisträger Jan und Aleida Assmann: Die Gegenwart im Blick

Indem sie ihr kulturelles Gedächtnis erforschen, sezieren Jan und Aleida Assmann auf einzigartige Weise unsere Zeit. Dafür bekommen sie jetzt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Rolf App
Verschieden, aber einander sehr nah: Während Jan Assmann das alte Ägypten erforscht, wendet sich seine Frau Aleida der Gegenwart zu. Und sie entwickeln etwas Gemeinsames. (Bild: Amélie Losier)

Verschieden, aber einander sehr nah: Während Jan Assmann das alte Ägypten erforscht, wendet sich seine Frau Aleida der Gegenwart zu. Und sie entwickeln etwas Gemeinsames. (Bild: Amélie Losier)

Was er und seine Frau Aleida in ihren getrennten Werken zusammen erschaffen haben, das vergleicht Jan Assmann im Gespräch mit einem Baum. Gemeinsam haben sie ihn vor vierzig Jahren gepflanzt, gemeinsam haben sie ihn gegossen, mal von der einen, mal von der andern Seite. Aus zwei Richtungen haben sie die Gegenwart in den Blick genommen, Jan Assmann von der Ägyptologie und damit von der Religions­geschichte her, Aleida als studierte Anglistin von den Literatur- und Kulturwissenschaften her.

Wobei da nicht etwa ein Plan dahinterstand. Es waren familiäre Bedingungen, die Regie führten. Als sie ihre Kinder bekam, musste Aleida die Universität Konstanz für zwölf Jahre verlassen, doch empfand sie dies nicht als einen Ausstieg aus der Wissenschaft. Sie nutzte die Zeit vielmehr, sich ausserhalb ihres Fachs weiterzubilden. So entstand der Assmannsche Arbeitskreis zum «kulturellen Gedächtnis». Und um beim Bild des Baumes zu bleiben: Jetzt sind beide, mittlerweile 71 (Aleida) und 80 Jahre alt, dabei, die Früchte zu ernten – auch in Gestalt von Preisen. Letzten November haben sie in Bern den Balzan-Wissenschaftspreis entgegengenommen, nächsten Sonntag erhalten sie in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Drei Erfahrungen prägen das Europa von heute

Nicht nur der einzelne Mensch, auch Gesellschaften haben ein Gedächtnis. Es speist sich aus vielen, zum Teil auch weit zurückliegenden Quellen. Und es verändert sich auch. Denn, sagt Aleida Assmann, «um etwas zu erinnern, muss sehr, sehr vieles vergessen werden. Was erinnert wird, muss gegen anderes durchgesetzt werden. Und: Gesellschaftliche Umbrüche führen zu einem Umbau des kulturellen Gedächtnisses.»

Das lässt sich gut illustrieren an dem, was Aleida Assmann die «trennende und verbindende Kraft von Erinnerungen in Europa» nennt. Drei schreckliche Erfahrungen sind es, die den Kontinent heute prägen: der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, die Erinnerung an den stalinistischen Gulag. Im Zeitalter des Kalten Krieges dominierte der Zweite Weltkrieg das Gedächtnis, bis sich zunächst in Deutschland, dann auf übernationaler Ebene eine Erinnerungskultur an den Holocaust etablierte. «Es ist paradox», sagt Aleida Assmann: «Je grösser der zeitliche Abstand, desto stärker ist die Erinnerung geworden.» Was sich aber erklären lässt aus dem Wechsel der Generationen. Solange Täter und Mitläufer das Sagen hatten, wurde diese Erinnerung an den Rand gedrängt. Was auf Dauer nicht funktionieren konnte.

Auf andere Weise prägen die Massentötungen und Zwangsarbeitslager der Stalin-Zeit. In ihr erkennen sich die osteuropäischen Staaten als Opfer wieder, so dass Europa «ein gespaltener Kontinent geblieben ist, was seine Erinnerungen angeht», wie es Janusz Reiter ausgedrückt hat, der ehemalige polnische Botschafter in Deutschland.

Aleida Assmann und die Kunst des sozialen Umgangs

Das Problem dabei ist: Das nationale Gedächtnis ist monologisch organisiert. «Was aber nottäte, das wäre ein dialogisches Erinnern», sagt Aleida Assmann. «Denn was geschieht, wenn sich mit einem stärkeren Zuzug von Migranten Bevölkerungen neu mischen, wenn zu den am Ort verwurzelten neue Erinnerungen hinzukommen?»

Ihr neuestes Buch über «Menschenrechte und Menschenpflichten» handelt denn auch «von der Kunst des sozialen Umgangs in einer Welt, die sich in den Wehen tiefgreifender Transformationen befindet». Sie erzählt darin auch von Anil Bhatti, einem Kollegen von der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu Delhi, der sich einige Zeit an der Universität Konstanz aufgehalten und Erfahrungen aus seiner Welt mitgebracht hat. Im Gespräch mit ihm hat sie realisiert, dass die neuen, plurikulturellen Gesellschaften die Aufgabe haben, sprachliche, religiöse oder kulturelle Differenz herunterzustufen und in Diversität zu verwandeln. «Es ist wichtiger, miteinander auszukommen», rät Bhatti, «als einander zu verstehen.»

Jan Assmann und die religiöse Sprache der Gewalt

Mit grosser Wachheit verfolgen die Assmanns, wie sich Vergangenes in der Gegenwart spiegelt – und sie manchmal auch kontaminiert. Jan Assmann tut dies aus grösserer Distanz, aus einer längst vergangenen Zeit heraus und von der Kultur Ägyptens her. Und landet oft genug mitten in der Gegenwart. Etwa wenn er fragt, woher die Neigung monotheistischer Religionen rührt, Andersgläubige mit Feuer, Schwert und Bomben zu bekämpfen.

Wer dabei zuerst an den Koran denkt, lese die Bibel. Es gibt da Passagen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Die biblische «Sprache der Gewalt» gehört zur radikalen Wende, die die Menschheit in der Hinwendung zum einen Gott vollzieht. Dass dieses sprachliche Dynamit heute noch zündet, hat nichts mit der Religion an sich zu tun. Denn, sagt Jan Assmann, «es zündet in den Händen nicht der Gläubigen, sondern der Fundamentalisten, denen es um politische Macht geht und die sich der religiösen Gewaltmotive bedienen».

Religion als Mittel zum politischen Kampf also. Oder auch: Religion als Weg, eine verunsicherte Gesellschaft zu spalten. Auch wenn Jan Assmann betont: «Wir wollen die Welt nicht verändern, sondern verstehen», so hat er doch ein anderes Bild von dieser Welt als die Fundamentalisten aller Couleur. Und was auch immer sich Nationalisten hüben und drüben einbilden mögen: Auch ihre Welt ist das Amalgam vieler Einflüsse. Die keineswegs an Landesgrenzen haltmachen.

Aleida Assmann: Menschen­rechte und Menschenpflichten. Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft, Picus

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