Ihre Musik lässt sich in keine Stilschublade stecken – Agnes Obel veröffentlicht neues Album

Die dänische Songschreiberin Agnes Obel widmet ihr neues Album einem selten besungenen Thema: der Kurzsichtigkeit.

Hanspeter Künzler
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Die 39-jährige Sängerin Agnes Obel mag Eulen.

Die 39-jährige Sängerin Agnes Obel mag Eulen.

Bild: Universal

Eine Konversation mit der 39-jährigen Agnes Obel kann unerwartete Haken schlagen. So kommen wir im Büro der Plattenfirma in London auf Eulen zu sprechen. Auf ihrem neuen Album ist ein Stück mit dem Titel «Parliament Of Owls» zu finden. Auf Promo-Fotos blicken sie und eine Eule direkt in die Kamera, die Eule mit dunkelgelben, sie mit eisigen, blauen Augen. «Ich mag Eulen», erklärt sie nun mit einem leicht belustigten Unterton.

«Ich glaube, es ist wegen der Augen. Sie blicken uns an, als wüssten sie etwas. Sie repräsentieren das Tier in uns. Eine Natur, von der wir vorgeben, sie unter Kontrolle zu haben. In Wirklichkeit sind wir weit entfernt davon.» Dann erklärt sie die Überlegungen, die in dem Stück über das Eulenparlament stecken. «Mir gefiel das Bild einer Schar von Vögeln, die dich alle mit riesigen Augen beobachten.» Manchmal habe sie das Gefühl, selber über mehr als ein Augenpaar zu verfügen: «Dann betrachte ich mich durch die Augen von jemand anders. Wir sind nicht nur eine einzige Person. Wir sind viele Personen, alle mit eigenen Geschichten und eigenen Augen.»

Im kreativen Umfeld von Berlin taute sie auf

Agnes Obel spielte als Kind in einer Band und erlernte früh den Umgang mit dem Tonstudio. Aber erst als sie 26-jährig von Kopenhagen nach Berlin zog, blühte sie auf. Die Musiker, mit denen sie in Dänemark zusammen war, seien tolle Menschen gewesen, talentiert, ambitiös und zielorientiert. «Aber irgendwie stimmte das für mich nicht», sagt sie. In Berlin lernte sie Künstler aus der elektronischen Experimentalszene kennen. «Bei ihnen gab es keine Karriereziele im kommerziellen Sinn. Für sie drehte sich alles um das Experiment und die kreative Arbeit. Diese Haltung stimmte für mich.» Vier Jahre später erschien das eigenwillige, selbstproduzierte Début «Philharmonics», das sich in Dänemark, Belgien und Frankreich in Platinmengen verkaufte.

In eine Stilschublade passte es nicht. Ihre Glockenstimme war eingebettet in Musik, die irgendwo zwischen klassischer Kammermusik, Neuer Musik und folkigen Klängen angesiedelt war.

«In Dänemark war ich in Rockbands gewesen, hatte Popsongs gespielt»

, erzählt sie: «Wenn ich allein war, setzte ich mich ans Klavier und spielte ohne jeden Gedanken an das, was daraus werden könnte. Ich fand darin eine Ruhe, die ich sonst nicht kannte.» In Berlin hatte sie keine Band mehr. Niemand hat sich mit Stildefinitionen aufgehalten. «So fing ich an, diese Stücke auch tatsächlich aufzunehmen.»

«Myopia», ihr viertes Album, ist wiederum in Eigenarbeit entstanden. Die Cellistin Christina Koropecki und der Geiger John Corban – beide seit langem im Umfeld der Sängerin – haben zusätzliche Parts beigesteuert, die Obel mit allerhand Studiotricks in Lieder und Instrumentalstücke verwoben hat, von denen eine ausserordentlich abgeklärte Ruhe ausgeht. Wie aber erklärt sie den Titel, «Myopia» (Kurzsichtigkeit)? «Mein letztes Album handelte davon, wie Technologie unsere Wahrnehmung verdreht», erklärt sie. «Bei der Arbeit an diesen Stücken erkannte ich plötzlich, dass meine eigenen zwei Augen, mein Gehirn und mein Geist, die Realität genauso stark verdrehen.»

Tipp:
Agnes Obel: Myopia (Deutsche Grammophon/Universal)
Erscheint am 21.2.

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