Ihr Herz schlug für die Zukurzgekommenen

Der letzte Roman der 2015 verstorbenen englischen Schriftstellerin Ruth Rendell ist jetzt posthum auf Deutsch herausgekommen: «Kindes Kind» vergleicht die Lebensdramen von Schwulen und unverheirateten Müttern, erschienen ist er unter dem Pseudonym Barbara Vine.

Rolf Hürzeler
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Ruth Rendell (Bild: ap)

Ruth Rendell (Bild: ap)

Sie war winzig – und wirkte todernst. Etwas verloren sass die Schriftstellerin Ruth Rendell in einem mondänen Ledersessel in ihrem mondänen Stadthaus im Quartier von Maida Vale, dort wo London für viele am schönsten ist. Trotz der Verletzlichkeit war Rendell ein Willensbündel, dem sich niemand entgegenstellen mochte.

Zuerst kommt die Politik

So jedenfalls erschien die verstorbene Bestsellerautorin dem Besucher bei einer Begegnung vor ein paar Jahren. Bevor die Schriftstellerin auf ihre Bücher zu sprechen kam, holte sie zu politischen Betrachtungen aus. Als Mitglied des ehrenwerten House of Lords, des britischen Oberhauses, fühlte sie sich verpflichtet, sich für all die Wehrlosen in London einzusetzen. Es sei eine Schande, dass es in dieser Stadt immer wieder zu rassistischen Übergriffen komme: «Rassismus ist schlimmer als Sexismus», konstatierte sie.

Geadelt von der Queen

Ruth Rendell, man ahnt es, stand ein Leben lang der linken Labour Party nahe. Die Queen adelte sie auf Antrag des einstigen Premierministers Tony Blair, so dass die Autorin im Oberhaus Einsitz nehmen konnte. Die Schriftstellerin war die Lieblingsautorin von Cherie Blair, der Ehefrau von Tony.

Im vergangenen Frühjahr ist die Baroness Rendell of Babergh, wie sie nach dem Adelsschlag hiess, im Alter von 85 Jahren verstorben. Jetzt ist ihr letzter Roman «Kindes Kind» auf deutsch erschienen, den sie unter dem Pseudonym Barbara Vine schrieb. Der Roman handelt von vier Schicksalsgeschichten über zwei Generationen. Im Mittelpunkt stehen Frauen, die ungewollt schwanger wurden, sowie schwule Männer, die zusehends die Kontrolle über ihr Leben verlieren, weil sie unter der gesellschaftlichen Repression leiden.

Ruth Rendell hat die Handlung zu einem Psychokrimi verdichtet, mit der Doktorandin Grace als Protagonistin, die sich vom schwulen Lover ihres Bruders schwängern lässt. Sie stösst gleichzeitig auf die Aufzeichnungen eines verstorbenen Geschwisterpaars in ihrer Familie aus den Dreissigerjahren, das eine fatale Lebensgemeinschaft eingeht: Er ist schwul; seine paranoide Schwester ist die überforderte Mutter eines unehelichen Kindes. In Grossbritannien war die Homosexualität erst in der Nachkriegszeit legal, und unverheiratete Mütter waren noch damals in der englischen Provinz stigmatisiert.

Legendäre Romane

Die ungemein produktive Schriftstellerin Ruth Rendell hat legendäre Romane geschrieben wie «Urteil in Stein», in dem sie im ersten Satz gleich Täter und Motiv verrät: «Eunice Parchman ermordete die Familie Coverdale, weil sie nicht lesen und schreiben konnte.» Dennoch steigert sich die Spannung des Lesers ins schier Unerträgliche: Eunice' Leben war eine einzige Panik, dass jemand ihrem Analphabetentum auf die Schliche kommen könnte.

Wexford, «das bin ich»

Rendell schrieb neben einigen Sachbüchern drei Reihen von Romanen. Am populärsten waren ihre Krimis mit dem stets gut meinenden Inspektor Wexford, der sich in einem fiktiven Provinznest unermüdlich für eine bessere Welt einsetzte und vor allem gegen rassistische Vorurteile ankämpfte: «Das bin ich», bekannte Rendell.

Dann schrieb sie Kriminalromane von aussergewöhnlicher Qualität wie «Der Duft des Bösen»: die packende Geschichte einer Antiquarin, die immer stärker den Verdacht hegt, einer ihrer Untermieter könnte ein Serienmörder sein.

Ruth Rendells dritte Reihe sind die Barbara-Vine-Romane von anspruchsvoller literarischer Qualität, wie eben «Kindes Kind». Dieses Buch ist zwar bestimmt nicht eines ihrer besten. Aber die greise Schriftstellerin erzählt noch einmal eine Geschichte von grosser psychologischer Dichte.

Schauplatz London

Ihr Privatleben schirmte Ruth Rendell von der Öffentlichkeit ab. Bekannt ist nur, dass sie zweimal mit dem gleichen Mann verheiratet war, ihr gemeinsamer Sohn lebt in den USA. Was man in ihren Romanen besonders gut kennenlernen kann, ist die Metropole von London. Nach einem Roman wie «König Salomons Teppich» fühlt man sich wie ein Einheimischer.

Ruth Rendell: Kindes Kind, Diogenes 2015, 363 S., Fr. 33.90

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