«Ihr hättet anders können»

Mitdenken, anders denken, anders handeln in kritischen Situationen – Forumtheater bezieht das Publikum mit ein. Lebendig war die Premiere «zOFF@net» vorgestern am Theater Bilitz.

Dieter Langhart
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Leonie (Christina Benz) wird von ihrer besten Freundin Rahel (Anja Tobler) im Netz gemobbt, weil sie ihr den Freund ausgespannt haben soll. (Bild: Theater Bilitz/Lukas Fleischer)

Leonie (Christina Benz) wird von ihrer besten Freundin Rahel (Anja Tobler) im Netz gemobbt, weil sie ihr den Freund ausgespannt haben soll. (Bild: Theater Bilitz/Lukas Fleischer)

WEINFELDEN. «Wer von Ihnen erwartet Frau Schramm?», fragt Ingrid Isler ins Publikum. Es ist 20.15 Uhr, die Präsidentin des Gönnervereins Pro Bilitz möchte pünktlich beginnen. «Sie kommt gleich», sagen ihre Freundinnen. 20.18 Uhr, Frau Schramm ist da und setzt sich – und bekommt den ersten Applaus im ausverkauften Theaterhaus Thurgau.

Noch mehr Zwischenapplaus wird es geben an der Premiere des neuen Stücks «zOFF@net» – für jene vier Zuschauer, die sich trauen, auf die Bühne zu treten und der Handlung eine neue Wendung zu geben. Denn Forumtheater bedeutet Mitdenken und Mitverantwortung.

Lawine der Entrüstung

Das Profitheater Bilitz macht primär Theater für Kinder und Jugendliche, doch ihre Forumstücke gibt es auch in einer Fassung für Erwachsene. Und stets greifen sie Themen auf, die unter den Nägeln brennen: Alkohol («Kids+Alk»), Gewalt («gwaltsAngscht/gwaltsErwach(s)e»), Familie und Erziehung («Live: Familiy life»). Und jetzt Cybermobbing, denn Leonie geht es dreckig, seit Rahel, ihre beste Freundin, eine Lawine der Entrüstung und Verachtung im Netz losgetreten hat.

Schlicht die Bühne mit Quadern, die sich zu Stühlen, Betten, Kästen oder Trennwänden verschieben lassen. Wandelbar die vier Spieler in sechs Rollen: Christina Benz, Agnes Caduff, Anja Tobler, Roland Lötscher. Und im Publikum sitzen zahlreiche Jugendliche, die teils mitgemacht haben für die Videoaufnahmen.

Lösungsvarianten erproben

Das Stück beginnt mit einer realistischen Filmaufnahme – und mit dem Schluss. Leonie ist in einer psychiatrischen Klinik: Diagnose PTBS, Posttraumatische Belastungsstörung. Leonies Vater, die Lehrerin und Rahel machen einander Vorwürfe, bis Leonie ruft: «Ihr hättet alle anders können!» Denn genau darum geht es in «zOFF@net».

Das Stück blendet an den Anfang zurück, rollt die ganze Geschichte in kurzen, überblickbaren Szenen auf. Wenn das Geschehen aus dem Ruder zu laufen droht, tritt ein Spieler aus dem Stück, unterbricht es mit «Stop!» und fragt die Zuschauer: «Habt ihr Ideen oder Tips für die Spieler?» Fragt sie, was sie anders gesagt oder anders gemacht hätten als Leonie oder Rahel oder Sevi (den Leonie angeblich ihrer Freundin ausgespannt hat), als Mutter oder Vater oder Lehrerin.

Rege machen die Jugendlichen und Erwachsenen Vorschläge, für einen entscheiden sich die Moderatoren: «Magst du das gleich selber ausprobieren?» Nur eine Zuschauerin verlässt der Mut, dafür schlüpft ein Jugendlicher in die Rolle von Leonies Vaters. Herrlich, wie die andern Spieler in ihrer Rolle bleiben und die Ersatzspieler unmittelbar mit den Auswirkungen ihres Handelns konfrontieren.

Anregungen statt Rezepte

Die Moderatoren und Spieler diskutieren den neuen Verlauf der unterbrochenen Szene, denn es geht für die Zuschauer nicht darum, Theater zu spielen, sondern Verhalten zu trainieren: Bin ich zu lieb? Hake ich zu wenig nach? Stelle ich meine eigenen Bedürfnisse hintan? Das Stück «zOFF@net» will für die Gefahren im Umgang mit dem Internet sensibilisieren – mit Anstössen, nicht mit Rezepten.

Infos und Spieldaten: www.bilitz.ch