«Ihr Glotzaugen! Ihr Rotzlecker!»

Peter Handkes «Publikumsbeschimpfung» führte 1966 zu einem ordentlichen Theaterskandal. 50 Jahre später wird er in der St. Galler Kellerbühne gezeigt – was bleibt von dem Text, der die Mechanismen des Theaters hinterfragt?

Valeria Heintges
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Gekommen, um beschimpft zu werden: Schauspieler und Publikum in Handkes «Publikumsbeschimpfung» in der St. Galler Kellerbühne. (Bild: Ralph Ribi)

Gekommen, um beschimpft zu werden: Schauspieler und Publikum in Handkes «Publikumsbeschimpfung» in der St. Galler Kellerbühne. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Theater ist, wenn oben welche stehen, denen unten welche zuhören. Die oben spielen Rollen, die sich entwickeln und eine Geschichte erzählen. Die unten lehnen sich zurück, bewegen sich nicht und denken – im besten Fall – nach über das Gespielte. So funktioniert Theater.

Vierte Wand einreissen

So funktionierte Theater. Jahrhundertelang. Doch so funktioniert Theater oft nicht mehr. Spätestens seit den 60er-Jahren versuchen Regisseure, die «vierte Wand» zum Zuschauerraum aufzubrechen. Sie sprechen das Publikum an, animieren es zum Mitspielen und Mitreden. Die Schauspieler erweitern die Bühne, klettern über die Stuhlreihen hinweg. Sie entlarven ihr Spiel als Spiel, treten aus ihren Rollen, kommentieren ihre Figuren. Im Extremfall – der ist nicht selten – verlässt das Theater das angestammte Haus, sucht sich neue Spielräume, schickt das Publikum auf Spaziergänge in die Stadt oder sonstwo hin.

Das Publikum schimpft zurück

Im Juni 1966, zur Uraufführung von Peter Handkes «Publikumsbeschimpfung» im Frankfurter Theater am Turm, steckte diese Entwicklung noch in den Kinderschuhen. Die Uraufführung spaltete daher das Publikum; eine Hälfte buhte lautstark, die andere klatschte begeistert. Der 26jährige Österreicher Handke, der damals in Deutschland lebte, wurde auf einen Schlag bekannt. Doch schon die folgenden Aufführungen gingen im Tumult unter; die Zuschauer drehten den Spiess um, viele beschimpften die Schauspieler. Daraufhin liess Handke sein Werk verbieten, erst seit 1983 darf es wieder gespielt werden.

1966 war die Kellerbühne St. Gallen ein Jahr alt. 2015 begeht sie ihr 50-Jahr-Jubiläum – und beschenkt sich seit Mittwochabend mit der St. Galler Erstaufführung des Handke-Stücks. Das Anti-Stück ist ein skeptisches, sehr analytisches, ein wenig träumerisches und sogar ein bisschen mutiges Geschenk zum Geburtstag.

Analyse durch Zerstörung

Denn Handke erklärt sein Stück zum «Nicht-Stück». Er analysiert in scheinbar einfachen Sätzen das komplizierte Verhältnis zwischen Spielern und Zuschauern. Er analysiert, indem er zerstört. Jedenfalls theoretisch. Es gibt keine Handlung, keine Rollen, keine Entwicklung. Es gibt nur diese Sätze, die Handke «Vorrede» nennt und die er ohne Unterlass ans Publikum richtet: «Sie haben sich etwas erwartet», «Sie sitzen in Reihen. Sie bilden ein Muster.» «Sie denken nichts. Sie denken an nichts. Sie denken mit.»

Handke dreht die Aufgaben scheinbar um, lässt die Schauspieler das Publikum analysieren. Sie sprechen dem Theater, den Requisiten, dem Raum jede über ihren eigentlichen Zweck hinausgehende Bedeutung ab. «Diese Bretter bedeuten keine Welt.» «Die offene Seite zu Ihnen ist nicht die vierte Wand eines Hauses. Hier braucht die Welt nicht aufgeschnitten zu werden.» «Sie blenden uns nicht.»

Denn ja, natürlich: Am Ende wird das Publikum beschimpft. Grossteils mit Schimpfworten, die sich die Theaterleute selbst anhören müssen. «Ihr Charakterdarsteller», heisst es, oder «ihr vaterlandslosen Gesellen». Aber auch mit «Ihr Glotzaugen» in Anlehnung an Brechts Ausspruch «Glotzt nicht so romantisch!» oder «Ihr Rotzlecker!».

1966 bedeutete das Werk den radikalen Versuch, die Illusion des Theaters aufzubrechen. Doch ging der Versuch schief: Denn auch wenn sie das Publikum analysieren, bleiben die Schauspieler Schauspieler. Und werden nicht zum Publikum. Die Zerstörung ist selbst Illusion.

Beinahe Museumsschau

Und was bleibt davon im Jahre 2015? Beinahe eine Museumsschau. Vor allem dann, wenn sie wie unter der Regie von Matthias Peter mit zu viel Respekt, beinahe Demut gespielt wird. Die St. Galler Inszenierung setze, so steht es im Programmheft, «auf ein einvernehmliches, gemeinsames Reflektieren der Mechanismen des Theaters», hoffe auf «intellektuelles Vergnügen». Doch über dem Reflektieren hat Peter die Mittel des Theaters vergessen.

Er lässt seine vier Darsteller Kathrin Becker, Meret Bodamer, Julian Sigl und Hans Rudolf Spühler entweder chorisch oder einzeln sprechen und verändert darüber hinaus kaum den Rhythmus. Einmal fallen die vier in einen gottesdienstähnlichen Singsang, zuweilen halten sie Blätter mit gedruckten Sätzen vor die Brust. Dadurch aber wird der Text, ohnehin schon sprachlich wenig abwechslungsreich, regelrecht eintönig. Er rauscht an den Zuschauern vorbei, verliert seinen Furor, ohne etwas zu gewinnen, was er nicht auch bei einer Lesung oder stiller Lektüre bieten würde. Schade.

6., 11.–14. März, 20 Uhr; 8. März, 17 Uhr, Kellerbühne St. Gallen

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