Iggy und seine Handlanger

Rock Iggy Pop sprengt mit seinen The Stooges alle Grenzen, stand schon zigmal nahe am Abgrund und röhrt auf dem neuen Album immer noch, als wäre er nicht 66 oder wollte wenigstens 666 Jahre alt werden. Das Album heisst übrigens «Ready To Die». Von wegen.

Albert Kuhn
Drucken
Teilen
66 und oben ohne: Iggy Pop zeigt seinen Oberkörper noch immer mit Stolz, trotz aller Schwielen. (Bild: imago)

66 und oben ohne: Iggy Pop zeigt seinen Oberkörper noch immer mit Stolz, trotz aller Schwielen. (Bild: imago)

Man fragt sich, in welcher Sparte dieses seltsame Individuum besprochen werden sollte. Ein Anhänger der Eurythmie? Luftsurfer? Hardcore Yogi? Einer mit Tourette-Syndrom? Epilepsie? Oder einer, der dauernd Beinahe-Selbstmord verübt?

James Osterberg, Einzelkind, geboren am 21. April 1947, aufgewachsen in einem Trailer Park in Ypsilanti, Michigan, südlich der Universität Ann Arbor. Die Stadt ist seit 1972 bekannt für ihr jährliches Jazz- und Bluesfestival. Eine liberale, freakige Ecke der USA. Iggy war ein wohlerzogener, vielversprechender Schüler, begann aber langsam auszurasten. Er fährt nach Michigan an ein Konzert der Doors und ist hin und weg von der exaltierten Performance von Jim Morrison.

Verrückter Affe auf der Bühne

Iggys Band, die Stooges – deutsch: Handlanger – waren animalisch, purer Mid-Western white Trash aus Detroit. Alle konnten ein Instrument spielen, einigermassen. Hatten lange Haare, die sie – Ehrensache – nicht wuschen. Iggy schwört, dass Ron Asheton, der 2009 verstorbene Stooges-Gitarrist, auch nach dem Duschen irgendwie immer noch dreckig aussah.

In der High-School-Zeit spielte Iggy Schlagzeug bei der Bluesband The Iguanas, später bei The Prime Movers. Er war ein verrückter Drummer und trommelte auf Kartons, Kisten und allem Möglichen herum. Die lärmende Truppe wurde bekannt und berüchtigt, erhielt einen Vertrag mit der Bedingung, dass die Band Songs spielen müsse. Produzent war John Cale von Velvet Underground. Also wechselte Iggy – widerwillig – ans Mikrophon. Die Rolle als Frontmann interpretierte er völlig um, tollte wie ein verrückter Affe auf der Bühne rum, gab Tiergeräusche von sich, kotzte, rollte sich in Scherben, sprang als erster Frontmann kopfvoran ins Publikum und erfand damit das Stage-Diving.

Lester Bangs, einer der verrücktesten Musikjournalisten, könnte man als Iggy Pop des Musikjournalismus bezeichnen. Als er noch lebte, meinte er: «Iggy und die Stooges sind vielleicht die grösste Rockband der Welt.» Warum nur vielleicht? Weil die Stooges in ihren besten und schlimmstem Zeiten eine gewisse Würde behielten? Das Glück hatten, mehrmals gerade noch davongekommen zu sein? Vor allem Iggy stand jahrzehntelang nicht nur am Rand der Bühne, sondern auch mehrfach am Rand des Abgrunds.

Überschaut man diese jahrzehntelange Freakshow from Hell, ist fast erstaunlich, dass nur Dave Alexander, erster Bassist der Stooges, an exzessivem Alkoholkonsum stirbt. Alexander, genannt Xander, hinterlässt vier prägende Stooges-Songs: «1970», «Little Doll», «Dirt» und das psychedelische, von Velvet Underground angehauchte «We Will Fall».

Iggys Leben A, B und C

Privat, in seiner geräumigen Hütte am Fluss, kann Iggy relaxen. Er sammelt Voodoo Kunst und winkt den Nachbarn auf der andern Flussseite zu, alles Harley Freaks, die zum Gruss in die Luft ballern. Iggy kommt klar mit denen. Das ist Iggys Leben C. Das Leben B sind Songwriting und Studioaufnahmen. Und Leben A die Touren und die Bühne. Denn James Osterberg, 66, hat ein neues Album aufgenommen, es heisst zynischerweise «Ready To Die» und man kann sich den grölenden Radau vorstellen, als Iggy seinen überlebenden Kumpels den Albumtitel bekanntgab.

Sich kompromisslos selber zu verheizen, kann zu unglaublichen Resultaten führen. Es sieht ganz so aus, als würde Iggy seinen letzten Atemzug unbedingt auf der Bühne aushauchen wollen. Und auf keinen Fall in so demütigenden Gefilden wie Spital, Alters- oder Pflegeheim enden. Seinen nackten Oberkörper, mit all seinen Schwielen und Striemen, zeigt der Sänger mit Stolz.

Aus dem Laptop brüllt «Burn», der erste Song des neuen Stooges-Albums. Iggy singt mit beinahe höhnischer Gelassenheit über dem exzellenten Krach – wie ein Adler, der majestätisch über ein perfekt inszeniertes Tohuwabohu schwebt. Im zweiten Song, kein bisschen leiser, dröhnt «Sex and Money», dazu trötet der weisshaarige Steve Mackay am Tenorsax, und verführerische Frauenstimmen machen sich lustig. «Job» ist einer dieser grandios liederlichen Leck-mich-am-Arsch-Songs, wie frisch aus der allerersten Stooges-Phase herausgeschnitten. Grandios.

Will Iggy 666 werden?

In «Gun» realisiert man, wie diese Band leichtfüssig bleierne Schwere produziert. Dahinter steckt immer James Williamson, der in der mittleren Stooges-Phase Iggy etwas sortiert hat und den Stooges-Attacken Melodie und Raffinesse verliehen hat. Eine grosse Überraschung ist «Unfriendly World», ein akustischer, intimer Song. Mit dem freundlich mahnenden Refrain: «Hang on to your Girl, 'cos this is an unfriendly World.»

Der Titelsong geht etwas unter, dafür prescht «DD's» auf Teufel komm raus. Die Stimme des 66-Jährigen ist phantastisch – will Iggy 666 Jahre alt werden? Die Band ist atemlos: «Dirty Deal» ist simpler Bluesrock, nicht bahnbrechend, aber die Stimme gibt die nötigen Kicks, der Song ist im Kasten. «Beat that Guy» hat sozusagen den Überblick, Iggy segelt über einem respektablen Midtemposong und Williamson parallel zum Sänger. Zum mahnenden Schluss geht es um den Tod, logisch. «Where is the Life we started» singt Iggy, ganz nah am Mikrophon. Eine Beerdigungstrommel wird gerührt und Iggy fragt sich, ob dies nun die letzte Türe sei, die sich ihm öffnet. Sorry, wenn das nicht rührend ist….

Aktuelle Nachrichten