Ideenlos, das aber sehr kreativ

Unter dem Titel «No idea» zeigt die Kunsthalle Wil Installationen des in Zürich lebenden Künstlers Matthias Rüegg. Der bittet seine Besucher, die Ausstellung nicht zu besuchen. Davon sollten sie sich aber nicht abschrecken lassen.

Carmen Baggio Rösler
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Matthias Rüegg, der in Zürich lebt, aber in Walenstadt geboren wurde, untergräbt in seiner Ausstellung in der Kunsthalle Wil eingeschliffene Seh- und Lesegewohnheiten. (Bild: Ralph Ribi)

Matthias Rüegg, der in Zürich lebt, aber in Walenstadt geboren wurde, untergräbt in seiner Ausstellung in der Kunsthalle Wil eingeschliffene Seh- und Lesegewohnheiten. (Bild: Ralph Ribi)

WIL. «Sorry» steht in grossen weissen Buchstaben an der dunklen Aussenwand der Kunsthalle Wil. Die luftige Verschalung aus waagrechten Latten wirkt wie ein liniertes Blatt, das nur darauf gewartet hat, einen solchen Schriftzug aufzunehmen.

Das Kreuz mit der Inspiration

Dieselbe zeitlose Serienschrift findet sich – ein bisschen kleiner – auch im Innern der Halle auf vier hohen Holzkonstruktionen. Für vier doppelt linierte Zeilen wäre Platz, doch auf der ersten Seite steht nur der eine Satz: «Please do not visit this exhibition». Nun kann diese Aufforderung nicht allzu ernst genommen werden, weil sie sich erst erschliesst, wenn der Leser die Ausstellung bereits besucht.

Auf den folgenden zwei Schauseiten informiert ein Ich-Erzähler in Distanz schaffendem Englisch, er habe mehr als ein Jahr lang nachgedacht und versucht, ein machbares und zusammenhängendes Kunstwerk zu entwickeln. Er habe aber keinen Bezugspunkt gefunden, um für diesen Raum ein passendes Kunstwerk zu schaffen.

Deshalb tue es ihm sehr leid – und damit nimmt er das Wort «sorry» von der Aussenwand auf – dass wir nun hier seien und es nicht wirklich etwas zu sehen gebe. Diesen Sätzen, die vom Ringen um künstlerische Inspiration künden, folgt auf der vierten Schauseite eine einzige Aussage: «I had absolutely no idea.»

Was auf Englisch konzis und eindeutig erscheint, löst sich in der Rückübersetzung teilweise auf und gipfelt im Satz: «Ich hatte überhaupt keine Ahnung.» Der Textinhalt steht indessen in starkem Kontrast zum hohen formalen Anspruch der Installation. Dieser zeigt sich etwa in der raumfüllenden Zurschaustellung des Textes, dem sorgfältigen Schriftsatz, gar in den vielen von Hand ausgesägten Buchstaben.

Stützen und Verstrebungen

Die Buchstaben bestehen aus demselben weiss bemalten Grobspan, der auch die Wände der Halle verkleidet. Der Text versteckt sich damit gleichsam vor dem Hallenhintergrund – obwohl er auf einem Stützenwald aus unbehandelten Dachlatten montiert ist, der extra für diese Botschaft geschaffen wurde. Die aufwendigen Verstrebungen, die wohl jedem Sturm trotzen könnten, sind in der Mitte der Halle zu einer sperrigen Raute zusammengeschoben. Sie drängen den Betrachter an den Rand und vergittern seinen Blick auf das leere Zentrum.

Wie bewusst Matthias Rüegg, der in Walenstadt geboren wurde und aufgewachsen ist, die Wirkung solcher Strukturen aufnimmt, zeigt sich in den Bildern und Filmsequenzen, die auf der Galerie gezeigt werden. Vier grosse Röhrenbildschirme stehen auf den Fussenden langer, hölzerner Liegen und zeigen eine bunte Abfolge von Fotos und kleinen Filmen aus Rüeggs Fundus.

Neben halbfertigen und verfallenden Gebäuden tauchen immer wieder Abschrankungen und Geländer auf, die wie abstrakte, skurrile Skulpturen wirken. Zudem findet sich das Bild von Plakatwänden, die von ähnlich verstrebten Konstruktionen getragen werden, wie die Buchstaben in der Halle. Die Stützen, die sich gegen den hellen Himmel abheben, stehlen den Plakaten die Schau.

Vom Zeigen und Verbergen

Matthias Rüegg lenkt den Blick auf scheinbar unwichtige, rein funktionale Strukturen und untergräbt eingeschliffene Seh- und Lesegewohnheiten. Was zunächst wie das Bekenntnis eines suchenden Künstlers wirkt, wird durch seine plakative Inszenierung zu Phrasen des Scheiterns reduziert. «I'm sorry, that you're here now and there's nothing really to see». Wer dennoch etwas sieht, hat jedenfalls nicht alles geglaubt, was ihm gesagt und gezeigt wurde.

Bis 17. Mai, Do–So 14–17 Uhr; Künstlergespräch Mi, 29.4., 19 Uhr