«Ich wollte Menschen wie Du und ich zeigen»: Der St.Galler Filmemacher Thomas Lüchinger erzählt, wie Menschen einen Neuanfang wagten

Der St.Galler Filmemacher Thomas Lüchinger erzählt in seinem neuen Dokfilm «Paths of Life» aus dem Leben von vier Menschen, die vom Schicksal aus der Bahn geworfen einen Neuanfang wagten und heute andere in ähnlicher Situation unterstützen.

Irene Genhart
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Wohin führt dich der Weg? Thomas Lüchinger weitet in «Paths of Life» den Blick vom Privaten auf das Grosse und die Natur.

Wohin führt dich der Weg? Thomas Lüchinger weitet in «Paths of Life» den Blick vom Privaten auf das Grosse und die Natur.

Bild: PD

Mehr oder weniger kennt das wohl jeder: Eines Tages stellt man fest, dass etwas nicht mehr stimmt. Dass die Situation, in der man sich befindet, nicht mehr auszuhalten ist. Der Weg, den man geht, in die Irre führt und einer Korrektur bedarf.

Der St.Galler Filmemacher Thomas Lüchinger erzählt in seinem neuen Dokfilm «Paths of Life» aus dem Leben von vier Menschen, die vom Schicksal aus der Bahn geworfen einen Neuanfang wagten und heute andere in ähnlicher Situation unterstützen. Lüchinger sagt:

«Ich wollte in ‹Paths of Life› nicht aussergewöhnliche Menschen zeigen, sondern Menschen wie du und ich, Menschen, die kreative Wege gesucht haben, um mit ihren Krisen umzugehen.»

Ihnen brach der Boden unter den Füssen weg

Einer seiner Protagonisten ist der heute 65-jährige Alexander Lauterwasser. Er reiste 1971 als junger Mann mit seinem VW-Bus via Österreich, das damalige Jugoslawien, die Türkei, Persien, Afghanistan und Pakistan bis nach Indien. Hier aber stellte er fest, dass «jeder Europäer, der herumtaperte, einer zu viel war», und es kein alternativer Lebensentwurf sein konnte, in eine noch heile fremde Welt zu gehen, das Vorgefundene geniessend für sich in Anspruch zu nehmen und dabei zu zerstören.

Lauterwasser kehrte um. Fuhr zurück nach Überlingen an den Bodensee, begann Philosophie zu studieren und sich mit der abendländischen Kultur auseinanderzusetzen.

Die Rückkehr fiel ihm nicht leicht, er fühlte sich in den ersten Wochen in seiner Heimat beengt. Heute führt er Patienten in der Auseinandersetzung mit Literatur und Kunst zur Selbstreflexion und setzt sich als Künstler mit Klang und Schall auseinander. Lauterwasser fällte die Entscheidung aus freiem Willen, und das trifft auf die anderen Protagonisten von «Paths of Life» nur bedingt zu.

Sólveig Jónsdóttir, Aviva Gold und Marcus Pan haben als international tätiges Fotomodell, junge Frau und Mutter, der heimatlichen Scholle tief verbundener 30-Jähriger, Situationen erlebt, in denen ihnen «der Boden unter den Füssen wegbrach», sie durch äussere Umstände in die Krise geworfen wurden.

Die Isländerin Sólveig Jónsdóttir arbeitet heute als Naturcoach. Die heute 80-jährige Kunsttherapeutin Aviva Gold schickt ihre Klienten in ihrem Retreat in Arizona malend auf ihre persönlichen «Heldenreisen». Und Marcus Pan, der sich gezwungen sah, mit nichts als einem Seesack voller Kleider und einigen Büchern sein österreichisches Heimatdorf zu verlassen, baut in der Umgebung des Zürichsees eine Permakultur-Akademie auf.

Ein bildlich starker, bedächtiger Film

Thomas Lüchinger hat seine Protagonisten besucht. In ihren Ateliers, Zuhause, unterwegs in der Natur, die beiden Mütter auch in der Begegnung mit ihren Kindern. Er hat die vier Lebensgeschichten assoziativ verflochten, weitet den Blick ausgehend vom Privaten auf das Grosse, die Umgebung und Natur. Die verschneite Winterlandschaft Islands, die staubigen Weiten Texas, Pans Naturgärten oder Lauterwassers Wasserklangbilder und die Schildkröten, die ihn durchs Leben begleiten.

«Paths of Life» ist bildlich stark, in der zuweilen esoterisch angehauchten klanglichen Mischung superb. Ein in seinem Fortschreiten bedächtiger Film, der von einer dem Menschen innewohnenden Fähigkeit zur Veränderung berichtet und im Rückschluss darauf, dass, was dem Einzelnen möglich ist, es auch der Gesellschaft sein sol­lte, in der heute klimakritischen Zeit nicht nur zum (um-)Denken anregt, sondern auch Hoffnung vermittelt.

Hinweis: Thomas Lüchinger ist an folgenden Vorführungen anwesend: 5.3.2020, 20Uhr, Kinok St.Gallen; 13.3.2020, 19.30Uhr, Kino Rosental Heiden; 15.3.202, 11Uhr Cameo Winterthur; 20.3.2020, 19.30Uhr, Passerelle Wattwil; 22.3.2020, 17.15Uhr, Madlen Heerbrugg.

Wie man 180 Stunden Film destilliert

Filmemacher Thomas Lüchinger und Cutter Samuel Kellenberger sitzen viele Stunden nahe nebeneinander, den Blick auf zwei Monitore gerichtet. Sie gewähren Einblick in einen spannenden Prozess beim Filmemachen: Den Schnitt zum Dokumentarfilm «Being There – da sein».
Andreas Stock