Interview

Starautor Joël Dicker: «Ich wollte eine starke Heldin»

Literatur oder bloss Unterhaltung? Für Joël Dicker ist das die falsche Frage, vielmehr sollte die ­Kritik sagen: Lesen ist toll! Jetzt erscheint sein neuer Roman, der in Frankreich bereits die Bestsellerliste anführte.

Interview: Anne-Sophie Scholl
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«Fast alle meine Figuren haben etwas erlebt, das sie gebrochen hat», sagt der Autor. (Bild: Agence Bestimage)

«Fast alle meine Figuren haben etwas erlebt, das sie gebrochen hat», sagt der Autor. (Bild: Agence Bestimage)

Es ist ein unscheinbares Café an einer lärmigen Strassenecke in Genf. Mit den zwei alten Damen an einem der fünf Tischchen spricht der Kellner Spanisch. Nein, er kannte den jungen Mann in Jeans und Parka nicht, der hier eine Stunde lang interviewt und fotografiert wurde, sagt er später. Er habe seinen Kollegen gefragt, dann rasch gegoogelt. Dass Joël Dicker Bestsellerautor und mit seinen 32 Jahren einer der 100 reichsten jungen Schweizer ist, merkt man ihm immer noch in keiner Weise an.

Schlafen Sie ruhig, so kurz bevor Ihr Roman «Das Verschwinden der Stéphanie Mailer» auf Deutsch erscheint?

Joël Dicker: (lacht verlegen) Bei der französischen Erstausgabe gab es eine Namensverwechslung. Das wurde aber sofort korrigiert. Jetzt läuft alles gut.

Der Name des Mörders war vertauscht. Bei 300 000 Exemplaren?

Die genaue Zahl kenne ich nicht. Es waren einige Tausend. Aber nur beim ersten Druckdurchlauf der ersten Auflage. Zum Glück!

Im neuen Buch sind Sie zum Krimiplot zurückgekehrt, wie bei ihrem Erfolgsroman «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert». Warum?

Mir gefällt es, auf etwas zurückzukommen und mich darin weiterzuentwickeln. Gleichzeitig ist der Krimiaspekt für mich beschränkt.

Zentral ist auch der neue Blick auf das Vergangene.

Das ist das grosse Thema. Es geht um Wiedergutmachung und darum, sich selbst zu akzeptieren. Fast alle meine Figuren haben etwas erlebt, das sie gebrochen hat. Sie funktionieren nicht richtig in ihrem Leben.

Was tun Sie, um beim Schreiben nicht die Übersicht zu verlieren?

Ich schreibe die Geschichte so, wie Sie sie lesen. Die Geschichte entwickelt sich nach und nach. Ich habe keine Übersicht und keinen Plan zum Voraus.

Sie wussten zu Beginn nicht, wer den Mord begangen hat?

Nein. Wenn ich die Geschichte schon kennen würde, bräuchte ich den Roman nicht mehr zu schreiben.

Jurist und Starautor Joël Dicker ist auch Markenträger für Uhren, Autos und Airlines. Eine gute Alternative zu den Kardashians, findet er. (Bild: Sebastien Nogier/EPA, Cannes, 7. April 2018)

Jurist und Starautor Joël Dicker ist auch Markenträger für Uhren, Autos und Airlines. Eine gute Alternative zu den Kardashians, findet er. (Bild: Sebastien Nogier/EPA, Cannes, 7. April 2018)

Ihr Manuskript war doppelt so lang. Was haben Sie gekürzt?

Es gab rund zehn weitere Figuren und noch mehr überraschende Wendungen. Es ist so, wie wenn man bei einem Essen zu viele Gerichte kocht, ab einem gewissen Moment ist es einfach zu viel.

Eine Figur, die Polizistin Anna Kanner, stand am Anfang Ihres Romans. Was hat Sie an ihr interessiert?

Ich wollte eine starke weibliche Hauptfigur haben. Ich wollte sehen, ob mir das gelingt.

Worin liegt ihre Stärke?

Sie gibt nicht auf. Ein Nein akzeptiert sie nicht als Antwort. Sie macht weiter.

Als Frau trifft sie auf viel Widerstand im Polizeikorps.

Die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen wird eines der grossen Themen der nächsten Jahre sein.

Sie sind 32 Jahre alt. Wie erleben Sie das in ihrer Generation?

Ich kenne Frauen, die mit Männern zusammenarbeiten und dieselbe Arbeit machen, sie haben denselben Status, sogar dieselben Aufgaben, Verpflichtungen, die gleiche Verantwortung aber sie haben nicht denselben Titel und nicht dasselbe Gehalt. Da sind wir noch nicht weiter gekommen.

Können Männer in Ihrem Umfeld es auch noch nicht akzeptieren, wenn Frauen stärker im Schweinwerferlicht stehen als sie selber?

Für mich zumindest ist es nicht so. Aber ich wollte von dieser Ambivalenz sprechen. Gewisse Männer haben es immer noch nötig, wichtiger zu sein als die Frau, stärker wahrgenommen zu werden, einen Beruf zu haben, bei dem sie mehr verdienen.

Manche Kritiker sehen in Ihren Bücher nur Unterhaltung. Wie stehen Sie dazu?

Was ist Literatur?

Das will ich von Ihnen wissen.

Wenn mich die Leute das fragen, frage ich zurück: Was ist Literatur? Oft können sie nicht antworten. Aber oft findet man ein Buch zunächst toll, und wenn es plötzlich Erfolg hat, dann findet man das verdächtig. André Gide verringerte die offiziellen Verkaufszahlen, sobald seine Bücher sich zu gut verkauften, weil das suspekt war. Diese Vorstellung haben die Idioten des Nouveau Roman nach dem Krieg erfunden. Aber die wahre Literatur innerhalb der französischen Literatur sind für mich die grossen Romanciers: Alexandre Dumas, Émile Zola, Victor Hugo. Sie haben die grösstmögliche Zahl Leser begeistert. Meine Bücher begeistern rund um die Welt Uniprofessoren bis Gelegenheitsleser. Literatur ist das, was Sie dazu bringt, in eine Geschichte einzutauchen und zu hoffen, dass Sie nicht unterbrochen werden. Literatur ist stärker als das Leben, sie bringt Sie aus Ihrer Sterblichkeit heraus und verleiht kreative Kraft. Ich glaube, meine Bücher erfüllen all diese Kriterien.

Sie sind als Markenträger für Uhren, Autos und Swiss aufgetreten. Das hat man ihnen vorgeworfen.

Es hiess, ein Schriftsteller mache das nicht. Aber hat man es nicht satt, Leute, die nicht unbedingt Leser sind oder Intellektuelle, immer mit Fussballspielern anzusprechen? Noch vor nicht allzu langer Zeit waren die Vorbilder Piloten, Astronauten, Physiker, Nobelpreisträger. Heute sind das die Kardashians oder die Ronaldos. Will man solche Vorbilder für die kommende Generation? Hat man nicht Lust, den Jungen zu sagen: Lesen ist angesagt, Lesen ist toll, ein Schriftsteller, das ist cool.

Ihre Bücher spielen alle in den USA, was ist daran schweizerisch?

Ich bin mir nicht sicher, wie weit die Identität des Buches mit der Identität der Person übereinstimmt. Roger Federer wirft man nicht vor, dass er fast alle Turniere im Ausland spielt. In der Literatur gibt es den schöpferischen Bezug, das ist schon anders. Aber ich sehe das Internationale auch als Zeichen meiner Generation, die leicht reisen kann. Diese Freiheit ist der Freiheit der Literatur ähnlich. Ich glaube, schweizerisch ist der Schweizer Geist, die Erfindungskraft, die Unabhängigkeit und das Arbeitsethos.

Was bedeuten die USA für Sie?

Als Kind habe ich viel Zeit dort verbracht, ich bin viel herumgestrolcht, spielte im Wald, erfand Geschichten. Das Erfinden von Geschichten war sehr wichtig, das ist dort verankert.

«Harry Quebert» wurde verfilmt. Hat Ihnen die Umsetzung etwas für Ihr Schreiben gebracht?

Im Film können die Figuren sich über eine Szene von mehreren Minuten hinweg anschauen, ohne dass ein Wort gewechselt wird. Die Szene funktioniert nur über die stille Interaktion. Das hat mir sehr gefallen. Aber ich weiss nicht, wie ich das in die Literatur übertragen kann. Beim Schreiben muss man es schreiben, wenn eine Figur nichts sagt. Im Buch gibt es keine Stille.

Im Buch findet sich die Wahrheit in einem Theaterstück, in der journalistischen Recherche und in Büchern. Glauben Sie, dass in der Kunst Wahrheit steckt?

Es ist die Wahrheit des Lesers. Die Kunst im Allgemeinen ist etwas sehr Analytisches. Wenn Sie ein Bild betrachten, erweckt es etwas in Ihnen, eine Erinnerung aus der Kindheit zum Beispiel, eine Angst. Wenn Sie dort verweilen und versuchen, zu verstehen, was Sie empfinden und warum, gibt das einen sehr interessanten Austausch darüber, wer Sie sind. Darin liegt die Kraft der Kunst: in der Möglichkeit, einen Dialog mit sich selbst zu schaffen.

Lebenslügen in einer amerikanischen Kleinstadt

Joël Dickers neuer Roman «Das Verschwinden der Stephanie Mailer» handelt von einem Mordfall in der US-amerikanischen Kleinstadt Orphea, der durch die Recherchen einer Journalistin zwanzig Jahre später neu aufgerollt wird. In immer wieder überraschenden Volten geraten nach und nach fast alle Bewohner der Kleinstadt mit ihren Lebenslügen ins Visier. Dickers Stärke ist der Plot und der grosse Bogen, die Verflechtung der Einzelschicksale gelingt ihm vor allem in der ersten Hälfte des Romans. Das französische Original war 2018 das meistverkaufte Buch in Frankreich.

Im Jahr 2012 landete der heute 32-jährige Genfer Joël Dicker mit «La vérité sur l’affaire Harry Quebert» einen Überraschungserfolg. Das Buch wurde mit dem Grand Prix du Roman der Académie Française ausgezeichnet. Es ist in über 30 Sprachen übersetzt, die Verfilmung von Jean-Jacques Annaud wurde Ende Jahr auf dem Sender RTS ausgestrahlt. «Harry Quebert« war der sechste Roman des studierten Juristen und der zweite, für den er einen Verlag fand. (ASS)

Joel Dicker liest am 20. 4. im Kaufleuten, Zürich