«Ich will Debatten anstossen»

Der 32jährige, belgische Singer-Songwriter Milow hat sein drittes Album «Silver Linings» veröffentlicht. Ein Gespräch über das Prinzip Hoffnung, die Kontroversen um seinen Videoclip und seinen Umgang mit dem Tod.

Reinhold Hönle
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Sänger Milow interessiert sich für die innere Leere. (Bild: pd)

Sänger Milow interessiert sich für die innere Leere. (Bild: pd)

Milow, Sie haben auf Ihrer letzten Tournée über 400 000 Kilometer zurückgelegt. Schwärmen Sie immer noch vom Musikerleben?

Milow: Absolut. Das waren die glücklichsten Jahre meines Lebens! Ich habe so lange hart dafür gearbeitet und befürchtete schon, dass mein Traum nie in Erfüllung gehen wird. Einige Jahre hörte niemand meine Musik und seit 2009 sind es plötzlich so viele. Da musste ich mir gut überlegen, was ich auf dem neuen Album mit meinen Liedern aussagen und in welche Richtung ich mich musikalisch entwickeln will.

Und wie lief dieser Prozess ab?

Milow: Da ich mir bewusst war, dass mit der «North And South»-Tournée auch ein Kapitel zu Ende gegangen ist, wollte ich mir Zeit nehmen, um zu entdecken und zu erforschen, wohin mein Weg führen soll. Ich habe dann spontan einen Flug nach Los Angeles gebucht und offen gelassen, wann ich nach Belgien zurückkehren würde. Und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Weshalb?

Milow: Ich musste in Los Angeles aus meiner Komfortzone raus und bei null beginnen. Ich habe dort mit Leuten gearbeitet, die noch nie etwas von mir gehört hatten. Das bedeutet nicht, dass ich nicht stolz auf das war, was ich gemacht habe. Aber ich hielt es für gesund, mich nur auf neue Songs zu konzentrieren und mit neuer Perspektive zu arbeiten. Ich wollte nicht nochmals das gleiche Album machen, denn die ersten CDs haben reflektiert, wie ich damals war. Das neue Album soll zeigen, wer ich heute bin.

Haben Sie L. A. gewählt, weil Sie in Ihrer Jugend ein Austauschjahr in Kalifornien verbracht hatten?

Milow: Es war eine Rückkehr zu meinen Wurzeln: Die Zeit, die ich mit 17 dort verlebt habe, war prägend. Persönlich, weil ich mit meinen Ängsten konfrontiert war und neue Freude gewonnen habe. Künstlerisch, weil ich von der amerikanischen Musik beeinflusst wurde und meine Songs erstmals einem englischsprachigen Publikum präsentieren konnte. Die positiven Reaktionen verliehen mir Selbstvertrauen und liessen mich die universelle Kraft der Musik spüren.

Wofür steht der Albumtitel «Silberstreifen am Horizont»?

Milow: «Silver Linings» ist eine Entdeckungsreise über das Prinzip Hoffnung. Bei einigen Liedern sind sie deutlich zu sehen, bei anderen versteckt. Ich finde die Frage, wie wir mit unerwarteten Ereignissen umgehen, interessant, und bin auch immer froh, wenn ich einen Leitfaden für meine Alben habe.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie selbst schon konfrontiert?

Milow: Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich ein Teenager war, und vor sechs Jahren habe ich plötzlich meinen Vater verloren – er wurde nur 53 Jahre alt. Ausserdem habe ich mich ständig gefragt, ob das, was ich als Künstler mache, irgendwie zählt. Essenziell ist, ob man aufgibt oder optimistisch bleibt. Für mich ist ein Glas halbvoll und nicht halbleer.

Wie ist das vieldiskutierte Video zu «We Must Be Crazy» zu verstehen?

Milow: Ich möchte mit meinen Clips zum Nachdenken anregen, da der Text ausserhalb des angelsächsischen Raums neben der Melodie sonst nur selten wahrgenommen wird. Meine Idee war, dass der Mann für die Frau, deren Kinderwunsch nicht in Erfüllung gegangen ist, ein Roboterbaby baut, um sie zu trösten. Natürlich ist das keine wirkliche Lösung. Die heftigen Reaktionen auf meinen Tabubruch sagen jedoch mehr über die Absender aus als über mich.

Sie interessieren sich speziell dafür, ob die Wissenschaft alles verwirklichen soll, was möglich wäre?

Milow: Ja, es war kein Zufall, dass ich den 50-Cent-Song «Ayo Technology» gecovert hatte. Ich denke oft darüber nach, wie gut es ist, dass die Menschen einen gros-sen Teil der Leere, die sie empfinden, mit Technologie füllen. Manchmal muss man sich damit abfinden, dass man nicht alles haben kann. Weil man als Songschreiber mehr Zeit hat, sich darüber Gedanken zu machen als in anderen Berufen, und mehr Leute erreicht, versuche ich, Debatten anzustossen.

Wie entstand «You're Still Alive In My Head», die vielleicht schönste Ballade der CD?

Milow: 1983 hat mein Vater auf Holländisch ein Gedicht geschrieben, in dem er zu seinem Vater sprach, den er wie ich schon mit 26 Jahren verloren hatte. Er sagte, dass er lange genug weggewesen wäre und es Zeit für eine Rückkehr sei… Ich habe seine Worte ins Englische übersetzt und den Grundgedanken weitergesponnen, der meine Gefühle darüber reflektiert, dass die Männer in meiner Familie nicht alt werden. Da sich die Geschichte schon einmal wiederholt hat, bin ich nicht sicher, ob ich viel älter als Mitte 50 werde.

Wie gehen Sie damit um?

Milow: Ich könnte mich darauf fixieren, wie bedrohlich die Situation ist, aber ich versuche mein Leben stärker auszukosten. Nicht gerade, als ob jeder Tag der letzte sein könnte, aber ich versuche mehr im Jetzt zu leben. Ich will nicht warten, was mir das Schicksal bringt, und bereuen, was ich nicht versucht habe.

Milow: Silver Linings (Universal) Live: Heute, 11. April, am Zermatt Unplugged (Ausverkauft), Freitag, 11. Juli am Live At Sunset, Zürich

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