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«Ich werde zu einem alten Depp» - Ein Skandalautor auf der Suche nach der ewigen Jugend

Frédéric Beigbeders schreibt in «Endlos leben» über die Unsterblichkeit und ihren Preis. Ein Gespräch über ­höllische Schmerzen und die Liebe zu Robotern.
Interview: Stefan Brändle, Paris
Berühmt geworden mit dem Skandalroman «39.90»: Frédéric Beigbeder. (Bild: Stephane Grangier/Getty)

Berühmt geworden mit dem Skandalroman «39.90»: Frédéric Beigbeder. (Bild: Stephane Grangier/Getty)

Frédéric Beigbeder hat für den Termin das «Flore» ausgewählt, das Café der Pariser Schickeria. Vor Ort fällt seine Platzwahl auf ein Tischchen neben dem Eingang. Damit alle den Skandal­autor und Pariser Dandy sehen? Nein, weil dies den Blick auf die Süssigkeiten ermöglicht. Beig­beder bestellt ein Eclair. Berühmt wurde der 53-Jährige mit seinem Roman «39.90», in dem er aus dem zynischen Innenleben der Werbebranche berichtete. In seinem neuen Buch «Endlos leben» widmet er sich dem körperlichen Verfall und wie man ihn aufhalten kann. Mit seiner Tochter ­begibt er sich auf eine Reise und lotet mit Experten die Frage nach der ewigen Jugend aus.

Frédéric Beigbeder, ein Arzt attestiert Ihnen gute Gene in Ihrem neuen Buch. Damit können Sie ein Alter von 120 Jahren erreichen, oder?

Leider genügt das Erbgut nicht für ein langes Leben. Für mein Buch habe ich selbst einen Gesundheits­-Check-up gemacht. Die Resultate waren ziemlich gut, nur meine Leber ist etwas fett. Kein Wunder, nach all dem, was da schon durchgesickert ist.

Wenn Sie Ihre Exzesse etwas eindämmen, könnten Sie das Jahr 2050 erreichen. «Dann sollte das Problem des Todes gelöst sein», sagt ein Bioforscher in Ihrem Buch. Alles eine Frage der Technik?

Das denkt der Hauptakteur meines Buches zuerst. Er glaubt nicht an Gott, der Tod ist für ihn ein Problem mit einer technischen Lösung: Wenn man die Krankheiten in den Griff kriege, regle man auch die Todesfrage, vor der wir eine Heidenangst haben.

Haben Sie Ihre Stammzellen zwecks späterer Wiederverwendung eingefroren?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn das ist in Frankreich strikt verboten. Und zudem sehr teuer. Man entnimmt der Haut am Arm Stammzellen und bewahrt sie bei unter minus 180 Grad auf. Bis man sie eines Tages zur Zellschaffung braucht. Ich habe auch meine DNA sequenziert; in einer Detox-Klinik habe ich mein Blut per Laserstrahl reinigen lassen. Auf die Eingabe von «jungem Blut», wie es in den USA möglich ist, habe ich hingegen verzichtet, da die Herkunft des Blutes nicht klar ist. Auch so fühlte ich mich bei meinen Recherchen wie das menschliche Versuchskaninchen in «Las Vegas Parano».

Den Blutlaser liessen Sie sich in der österreichischen Nobelklinik in Maria Wörth in die Adern stecken.

Das leuchtete schön bunt unter der Haut, und nachher fühlt man sich ziemlich aufgekratzt. Die ­Österreicher und die Schweizer sind bei diesen Verjüngungs­kuren sehr weit.

Sind letztlich all diese Bestrebungen durch die Angst vor dem Tod motiviert?

Ich habe höllische Angst vor dem Krankwerden und den Schmerzen. Heute etwas weniger vor dem Tod. Vielleicht auch, weil ich heute als Vater auf gewisse Weise bereits unsterblich bin – nämlich durch die Weitergabe des Lebens. Wenn man Leben schenkt, kann man den Tod besiegen.

Schon in Ihrem «französischen Roman» hatten Sie geschrieben, seitdem Sie Vater seien, wollten Sie nicht mehr jung sterben.

Vorher war ich fasziniert vom Gedanken gewesen, jung zu sterben. Die romantische Idee habe ich in der Tat aufgegeben, seitdem ich zwei Mädchen und einen Jungen habe. Meine siebenjährige Tochter fragte mich einmal, ob es stimme, dass ich sterben werde wie die Pflanzen und die Tiere. Ich vermochte das nicht zuzugeben. Dafür habe ich sie auf meine Reise durch die medizinischen Fortschritte mitgenommen.

Die radikalsten Verfechter der Lebensverlängerung, etwa der Molekularbiologe André Choulika und George Church, scheinen Sie am meisten fasziniert zu haben.

Ja, schon. Aber das Gute an einem Roman ist, dass er sich entwickelt. Am Anfang ist die Hauptfigur hin von der Idee der Körperverjüngung; nach den dreijährigen Recherchen merkt sie aber, dass die Unsterblichkeit ihren Preis hat – den Verzicht auf die Menschlichkeit, wie bei Goethes Faust.

In Ihrem Buch stellt der Roboter Pepper eine Gretchenfrage: Ist Unsterblichkeit überhaupt wünschbar?

Pepper stellt in meinem Buch die intelligentesten Fragen. Er ist ein bisschen wie R2D2 in «Star Wars», ich mochte ihn sehr. Allerdings entwickelte er sich während des Schreibens. Er wurde sexuell besessen, ein wenig Fascho. So ist künstliche Intelligenz: Die Roboter nehmen rasch die Eigenheiten des Umfeldes an, je nachdem, welche Fragen ihnen die Leute stellen. In der Hand von Übeltätern wird die Maschine schnell verrückt.

Und die Unsterblichkeit?

Nicht die Unsterblichkeit ist ­erstrebenswert, sondern ein längeres Leben. Unter Umständen. Wenn man mit 122 Jahren in einem sehr verbrauchten Körper vegetiert, nein danke. Mit meinem jetzigen Körper wäre ich eher einverstanden, sehr lange zu leben. Epikur sagte zwar, das Gute am Tod sei, dass er uns verpflichte, das Leben zu geniessen. Aber ich würde gerne zwanzig Jahre länger leben. Mit 80 kann man das Leben geniessen! Mehr lesen, mehr Filme schauen, Sex mit möglichst vielen Leuten …

Oder in Zukunft mit Robotern? Pepper ist doch kess.

Pepper ist in vielen Altersheimen ein Star. Er wurde auf Emotionen, Empathie und menschliche Regungen programmiert, er kann scherzen, macht Komplimente und sagt Dinge wie «Ich will nicht ohne dich leben». Wenn es Liebe mit einer Software gibt, wie Spike Jonze im Film «Her» zeigte, oder wenn sich Leute auf Facebook ­ineinander verlieben; wenn Liebe also vom Körper und Sex getrennt ist und über das Hirn abläuft, dann wird auch Roboterliebe möglich sein.

Beeinflusst die künstliche Intelligenz unsere Sexualität?

Ich denke schon. Man verfolge nur die monströse Entwicklung der sozialen Medien, mit Apps, wo man sexuell verfügbare Partner geolokalisieren kann. Vor zwanzig Jahren musste Mann eine Frau noch mühselig in einer Bar oder einem Café ansprechen. Wenn ich daran denke, dass in Paris eine Bar mit lebensechten Puppen in Latex, sogenannten «Love Dolls», geöffnet hat …

… dann denken Sie nostalgisch an die guten alten Zeiten zurück?

Ich gehöre jedenfalls zu den Widerstandskämpfern gegen die sozialen Medien und die Menschmaschinen. Wie es scheint, werde ich mit zunehmendem Alter reaktionär, zu einem alten Depp, der die Welt nicht mehr versteht.

Kommt davon: Wie Sie in Ihrem Buch schreiben, wird man mit 30 an Hochzeiten, mit 50 nur noch an Beerdigungen eingeladen.

Es ist noch schlimmer: Ich meide das die sozialen Netzwerke, ich mache keine Selfies, dafür lese ich Bücher und Zeitungen auf Papier, schaue Filme im Kino. Wie der letzte Dinosaurier!

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