«Ich weiss nicht viel»

Der schottische Singer/Songwriter Paolo Nutini über seine dritte CD «Caustic Love», seine Suche nach sich selbst sowie Schmerz und Ekstase in der Liebe und als Künstler.

Reinhold Hönle
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Liebt Spontaneität und Abenteuer: Paolo Nutini. (Bild: pd)

Liebt Spontaneität und Abenteuer: Paolo Nutini. (Bild: pd)

Paolo Nutini, Sie sagten einmal, Sie hätten keine Ahnung, wer Sie sind. Wissen Sie es nun?

Paolo Nutini: Da bin ich mir nicht sicher… Es ist mir aber nicht mehr so ungemütlich, nicht zu wissen, wer ich bin – und ich geniesse es, dies noch herauszufinden. Ich verstehe immer besser, dass man nicht alle Herausforderungen voraussehen kann. Sie passieren und testen deine Moral und deine Leidensfähigkeit. Manchmal bin ich überrascht, wie ich mit Dingen umgehe, aber ich glaube, nicht zu wissen, wer ich bin. Ich weiss überhaupt nicht viel, wenn ich ehrlich bin.

Dafür wissen andere viel über Sie…

Nutini: Es ist interessant, auf die Strasse zu gehen und herauszufinden, was Leute, die mich nicht kennen, über mich denken. Wenn man sich nachts bei ein paar Gläsern Wein austauscht, entdeckst du, wie viele Vorurteile über dich existieren, was du für ein Typ sein sollst, wie gross oder was für ein Musiker. Ob ich bis jetzt wohl generell falsch dargestellt worden bin?

In «Better Man» singen Sie von einer Frau, die Sie zu einem besseren Mann machen könnte. Wo haben Sie noch Potenzial?

Nutini: Ich könnte ruhiger und beständiger sein, auch mal länger als einen Tag am gleichen Ort bleiben. Aber ich liebe Spontaneität und Abenteuer, sage auch gerne: «Zum Teufel mit all den Verpflichtungen! Folgen wir unserem Instinkt!» Das Wichtigste in einer Beziehung ist mir, dass man sich austauscht und ehrlich ist, aber auch impulsiv, unverantwortlich und romantisch. Man vergisst das, obwohl es der Teil ist, der Freude macht!

Ihre CD heisst «Ätzende Liebe», kennen Sie auch die andere Seite?

Nutini: Sich einer Person hinzugeben und von ihr besessen zu sein, klingt nicht nach einer klugen Idee, aber man tut es trotzdem und erlebt als Belohnung den besten Orgasmus. Oder das Herz wird gebrochen. Schmerz und Ekstase liegen in der Liebe nahe beieinander. Du bist ähnlich verletzlich wie ein Künstler, der sich mit persönlichen Liedern der Öffentlichkeit aussetzt.

Ihre Fans mussten fünf Jahre auf «Caustic Love» warten. Weshalb?

Nutini: Nach der «Sunny Side Up»-Tournée wollte ich etwas anderes machen: Leute treffen und Sachen lernen, von denen sie mehr versehen. Das war toll! Ich habe Mahlzeiten gekocht, ich hatte Spass und konnte mir fürs Songschreiben alle Zeit nehmen, das Album ist stetig gewachsen. Einige Lieder darauf sind nicht eingängig, aber es braucht Stücke, die für andere den Weg bereiten.

Wie hat sich diese Auswahl herauskristallisiert?

Nutini: Ich hatte tonnenweise Material, da das Schreiben zu meiner alltäglichen Realität geworden ist. Es dreht sich alles um die richtige Atmosphäre. Die Songs müssen sich auf einem Album ebenso zu einem stimmigen Ganzen fügen wie Szenen in einem Film. Manchmal muss man viel Geduld aufbringen.

Ist man bei Ihrer Plattenfirma nicht nervös geworden?

Nutini: Nein, seit ich begonnen habe, Geld für sie zu verdienen, spüre ich keinen Druck mehr. Ich kann anrufen und sagen, dass ich für eine Woche ein Studio brauche. Niemand weiss, was herauskommen wird. Trotzdem bezahlen sie anstandslos. Es ist super, nichts überstürzen zu müssen. Wenn ich mit dem Rücken zur Wand stehen würde und etwas liefern müsste, weil es um meine Karriere geht, würde das auch klappen, aber die Musik, die entstünde, wäre anders.

Welche Ziele setzen Sie sich selbst?

Nutini: Ich möchte mich weiterentwickeln und etwas erreichen, vor allem aber mich mit anderen Menschen austauschen, damit meine Musik nicht «inselartig» wirkt. Es ist allerdings nicht einfach, die CD nach all den Tagen im Studio den Wölfen draussen zum Frass vorzuwerfen, denn auf jede Person, die deine Musik liebt, wird auch eine kommen, der das Album nicht so gefällt.

Wer hat Sie zum Song «Looking For Something» inspiriert?

Nutini: Meine Mutter und die Ratschläge, die Mütter einem so geben. Na ja, einige, die keiner hören will, habe ich weggelassen! Ich war in Zugzwang, weil ich auf der letzten CD schon ein Lied für meinen Vater geschrieben hatte. Und nun wartet meine Schwester auf einen Song! Ich sollte wohl daran zu arbeiten beginnen…

Damit er fertig ist, wenn in acht Jahren Ihr neues Album erscheint?

Nutini: Man weiss nie! Vielleicht bringe ich das Dreifachalbum, das mir vorschwebt, auch erst in zehn Jahren heraus.

Paolo Nutini: Caustic Love (Warner).

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