«Ich warte immer noch»: Der St.Galler Grafikdesigner Hoseyn Zadeh hat sich künstlerisch mit dem Warten auseinandergesetzt – er hat viel Erfahrung damit

Seine Installation ist im «Kabinenwechsel» zu sehen, einem Miniausstellungsraum, der in einer ausrangierten Telefonkabine bei der St.Galler St.Leonhard-Brücke untergebracht ist.

Christina Genova
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Hoseyn Zadeh beim «Kabinenwechsel».

Hoseyn Zadeh beim «Kabinenwechsel».

Bild: Nik Roth (St.Gallen, 7. Juli 2020)

Von weitem sieht es so aus, als würde es schweben, das Wort, das im «Kabinenwechsel» von der Decke hängt. Die ausrangierte Telefonkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen ist ein Miniausstellungsraum mit monatlich wechselnden Exponaten. Für die meisten Passanten, die daran vorbeigehen, ist das Wort nicht entzifferbar.

Viel Warten hat dieser Raum ertragen müssen. / Warten auf ein Wort, einen Anruf, ein Lachen, einen Atemzug / Ausharren auf erwartete Leute / Das dunkle, schwere Gewicht des Wartens, immer noch spürbar in diesem Raum.

Viel Warten hat dieser Raum ertragen müssen. / Warten auf ein Wort, einen Anruf, ein Lachen, einen Atemzug / Ausharren auf erwartete Leute / Das dunkle, schwere Gewicht des Wartens, immer noch spürbar in diesem Raum.

Bild: Nik Roth

Der Grafikdesigner Hoseyn Zadeh hat es in persischer Sprache und Schrift in schwarz eingefärbtes Styropor geschnitten. Der 38-Jährige, der in Teheran aufgewachsen ist, hat dafür seinen Lieblingsschrift Nazanin verwendet. Sie wurde vom Typografen Hossein Abdollah Haghighi entworfen und wird für die meisten iranischen Zeitungen und Zeitschriften benutzt. Die Übersetzung des Wortes hängt an der Kabinentür, zusammen mit einem kurzen Gedicht. Zadeh schreibt über «das dunkle, schwere Gewicht des Wartens», das immer noch in diesem Raum spürbar sei – das schwebende Wort bildet den Gegensatz dazu.

Acht Jahre Wartezeit

Zadeh spielt auf die frühere Funktion der Kabine an, wo Anrufe sehnlichst erwartet oder voller Erwartungen getätigt wurden. Der Standort mit Sicht auf das Schienengeflecht und den Hauptbahnhof weckt Erinnerungen an das Warten auf Züge oder ankommende Reisende. Zadeh sagt:

«Wir Menschen warten alle auf etwas, manchmal lange, manchmal kurz.»

Neben dieser universellen Lesart kann man die Installation in der Telefonkabine auch autobiografisch deuten, denn Zadeh kennt das Warten. Fast acht Jahre lebte er als Flüchtling in der Schweiz. Erst seit vergangenem Herbst, seit er die Aufenthaltsbewilligung B erhalten hat, ist sein Status geklärt. Heute arbeitet er in einem Integrationsprojekt.

Über die schwierige Zeit des Wartens spricht er nicht gerne, lieber schaut er vorwärts. Noch überschatten die langen Jahre der Ungewissheit sein Leben, etwas Grösseres zu planen, wagt er noch nicht, er ist vorsichtig geworden. Doch der Grafiker möchte sich künstlerisch weiterentwickeln, hat vor, sich für jurierte Gruppenausstellung zu bewerben.

«Kabinenwechsel» heisst der Miniausstellungsraum, der in einer ausrangierten Telefonkabine untergebracht ist.

«Kabinenwechsel» heisst der Miniausstellungsraum, der in einer ausrangierten Telefonkabine untergebracht ist.

Bild: Nik Roth

Über so manches Tief hat Hoseyn Zadeh die Lyrik geholfen, zum Beispiel des Exiliraners Reza Baraheni: «Ich habe sie über Monate wieder und wieder gehört.» Gedichte, die ihm wichtig sind, setzt er auch künstlerisch um, in dem er die Gefühle, die sie bei ihm auslösen, in deren grafische und typografische Gestaltung einfliessen lässt. «Poesiegrafien» nennt er diese Arbeiten, Beispiele finden sich auf seiner Website. Wichtig ist für Zadeh seine Muttersprache Farsi, in welcher er redet, denkt und schreibt. Farsi bedeutet für ihn Heimat, die Sprache begleitet ihn überallhin:

«Unter meinen Füssen ist Iran.»

Mittlerweile bewegt sich der Grafiker auch gekonnt zwischen den Kulturen: Er spricht ausgezeichnet Hochdeutsch, ist in der Kulturszene gut vernetzt und fühlt sich zu Hause in St.Gallen. Doch Zadeh sagt auch: «Ich warte immer noch.» Zum Beispiel auf ein Wiedersehen mit seinen Eltern, die er seit neun Jahren nicht gesehen hat.

Hoseyn Zadeh will seine künstlerische Seite weiterentwickeln.

Hoseyn Zadeh will seine künstlerische Seite weiterentwickeln.

Bild: Nik Roth

Sa, 18.7., ab 19 Uhr, Apéro beim «Kabinenwechsel», Geltenwilenstrasse 2, St. Gallen; hoseyn.ch

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