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Interview

Rapper Oddisee: «Ich verstehe mich als Journalisten»

Der US-amerikanische Rapper Oddisee performte diese Woche am Kulturfestival St. Gallen. Im Interview spricht der 33-Jährige über Polizeigewalt gegen Schwarze, Hip-Hop als Lügenkultur und sagt, weshalb alle Menschen ihre Privilegien ausnutzen.
Philipp Bürkler
Der US-Rapper Oddisee will Menschen zum Denken anregen. Am Donnerstag trat er am Kulturfestival St. Gallen auf. (Bild: Philipp Bürkler)

Der US-Rapper Oddisee will Menschen zum Denken anregen. Am Donnerstag trat er am Kulturfestival St. Gallen auf. (Bild: Philipp Bürkler)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Im Song «You Grew Up» beschreiben Sie die Zeit während Ihrer Kindheit in der US-Hauptstadt Washington. Gleichzeitig schlagen Sie eine Brücke zur gegenwärtigen Polizeigewalt an Schwarzen.

Die News sind täglich voll mit Meldungen von Polizeigewalt gegen Schwarze. Gleichzeitig beschreibe ich meine eigenen Erfahrungen. Mein erster Kumpel als Kind war weiss. Nachdem ich mit meinen Eltern umgezogen bin, hatten wir zwar noch jahrelang Kontakt, aber ich merkte, unsere Interessen gingen immer mehr auseinander. Wir hörten zunehmend unterschiedliche Musik oder kleideten uns anders. Ich überlegte mir, was wohl aus ihm geworden ist. Im Zusammenhang mit der Polizeigewalt fragte ich mich, was wohl in der Kindheit solcher Polizisten geschah und weshalb sie heute Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe erschiessen. Warum reagieren sie so verängstigt und ziehen gleich die Waffe? Es machte mich nachdenklich über meinen damaligen Freund. Wo ist er heute? Hatte er dieselbe Kindheit wie die Polizisten, die Angst vor Schwarzen haben?

In der zweiten Strophe geht es um einen islamischen Jugendlichen aus dem Sudan, der sich radikalisiert und für Isis zum Terroristen wird.

Ich habe von dem sudanesischen Jugendlichen in der britischen Zeitung «Guardian» gelesen. Ich kenne sogar eine Familie, die seine Familie kennt. Ich war erstaunt und dachte, wow, wie kann das sein? Sudanesen sind nicht bekannt für Terrorismus. Was lief in seiner Kindheit falsch? Als Gesellschaft schauen wir zwar auf die einzelnen Verbrechen und sind schockiert. Gleichzeitig stellen wir uns aber nicht die Frage, weshalb Menschen zu so etwas fähig sind.

In Ihren Songs geht es auch um Privilegien, die Menschen haben oder nicht haben.

Niemand kann etwas dafür, in welche soziale Schicht er hineingeboren wird. Ausnutzen tun ihre Privilegien jedoch alle. Auch ärmere Schichten ziehen ihren Vorteil aus den noch ärmeren Schichten. Ich trage jetzt wahrscheinlich ein T-Shirt, für das ich im Ausverkauf wenig Geld bezahlt habe. Hergestellt wurde es in einem Entwicklungsland von einer Person, die praktisch nichts verdient. Insofern ziehe auch ich einen Vorteil gegenüber einem ärmeren Menschen, der für wenig Geld arbeitet. Das Problem ist, dass wir uns im Alltag dieser Tatsache nicht bewusst sind.

Jeder will letztendlich sozial aufsteigen und strebt nach mehr Privilegien. Auch Reiche wollen immer mehr.

Ihr aktuelles Album heisst «The Iceberg». Ist das eine Metapher zum Zustand der Welt, vergleichbar mit der Titanic, die auf den Eisberg zusteuert?

Ich möchte Leute anregen, tiefer zu graben und nicht nur an der Oberfläche zu kratzen. Menschen müssen verstehen, weshalb die Welt so ist, wie sie ist. Viele geben sich schnell zufrieden, mit der ersten Geschichte, die man ihnen erzählt. Die Fähigkeit, kritisch zu denken, ist uns abhanden gekommen. Der Mangel an kritischem Denken führt zu Islamophobie, Homphobie oder anderen Arten von Diskriminierung. Es führt auch zu Fehlinformation. So werden Statistiken manipuliert, die suggerieren, Vergewaltigungen oder Verbrechen hätten wegen der Flüchtlinge zugenommen. Und die Menschen glauben es.

Hip-Hop lastet oft das Image von Fake, Affektiertheit und dem Streben nach materiellen Statussymbolen an. Alles ist Glamour: grosse Autos, Geld und hübsche Frauen. Wie sehen Sie das?

Realität ist relativ. Es gibt verschiedene Formen von Hip-Hop. Jeder von uns hört jene Musik, die seiner eigenen Haltung oder seinen eigenen Prinzipien entspricht. Die Fans von Künstlern, die ich als wenig authentisch empfinde, würden mich wahrscheinlich auch als Fake bezeichnen, da sie meine Prinzipien nicht verstehen. Die sagen vielleicht, ich sei nicht authentisch, weil ich zu wenig über die Probleme auf der Strasse rappe. Oder weil ich nicht primär singe, um reich zu werden. Ein anderer gilt als unecht, weil er für Weisse rappt.

Hat Hip-Hop ein Realitäts­problem?

Definitiv. Rap-Künstler haben über Jahre hinweg die Lüge verkauft, dass alles, worüber sie singen, real sei. Vor allem Künstler, die reich und berühmt wurden, haben dieses Problem. Nehmen wir Jay-Z. Er ist mittlerweile Ende 40. In den Achtzigerjahren verkaufte er Kokain und Crack und verdiente damit Geld. Erste musikalische Erfolge feierte er Mitte der Neunzigerjahre. Seither verdient er noch mehr Geld. Er ist in seinem Leben mittlerweile länger reich als er ursprünglich arm war. Dennoch singt er bis heute noch immer über Armut.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Künstler mit politischen Botschaften?

Ich sehe mich nicht nur als Künstler, sondern als Journalisten. Ich stelle in meinen Lyrics nicht meine Meinung in den Vordergrund, sondern werfe vor allem Fragen auf. Ich möchte die Menschen zum Denken anregen.

In «Rain Dance» geht es um die Kluft zwischen den Generationen. Ihre Eltern sähen es lieber, ihr Sohn hätte einen Harvard-Abschluss anstatt einer Rap-Karriere.

Der Sudan, wo mein Vater herkommt, ist ein Land, das seine Leute extrem zu Universitätsabschlüssen drängt. Bis vor einigen Jahren konnte man nur als Ingenieur, Wissenschafter oder Anwalt gut leben. Für meinen Vater war es deshalb selbstverständlich, dass auch ich einen dieser Berufe ausüben würde.

Im Gegensatz zu meinem Vater wuchs ich aber in den USA auf und hatte ganz andere Möglichkeiten.

In den USA ist es möglich, sich auch als Musiker, Künstler oder Journalist zu verwirklichen und davon leben zu können. Als klar wurde, ich werde Musiker und kein Wissenschafter, dachten alle in der Familie, ich sei verrückt. Tatsächlich war ich nie an einer Universität.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Ihre Eltern von Ihrem Erfolg etwas mitbekommen?

Bevor es Facebook gab, war musikalischer Erfolg nur messbar, indem man als Künstler auf MTV oder am Radio gespielt wurde. Durch Social Media ist es einfacher, eine Fangemeinde aufzubauen. Meine Eltern sehen sofort, wie viele Followers, also Fans ich habe. Das hat sie dann etwas beruhigt, und sie wussten, ich bin auf dem richtigen Weg.

Oddisee – The Iceberg , oddisee.co

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