«Ich singe mein Leben»

Am Theater St. Gallen bestreitet die berühmte Sopranistin Edita Gruberová heute ein Programm mit Arien von Gaetano Donizetti und Vincenzo Bellini. Im Gespräch nach der Probe ist sie bescheiden-bodenständig.

Rolf App
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«Ich finde es schön, wenn ich das Publikum sehe»: Edita Gruberová, Sopranistin der Extraklasse, die heute in St. Gallen singt. (Bild: Ky/Uli Deck)

«Ich finde es schön, wenn ich das Publikum sehe»: Edita Gruberová, Sopranistin der Extraklasse, die heute in St. Gallen singt. (Bild: Ky/Uli Deck)

ST. GALLEN. Das Sinfonieorchester St. Gallen hat gerade die Ouverture zu Gioachino Rossinis «Il barbiere di Siviglia» beendet, da steht Edita Gruberová unvermittelt da auf der Bühne des Theaters St. Gallen. Nickt kurz ins Orchester, und beginnt zu singen. Die Arie der Linda aus Gaetano Donizettis Oper «Linda di Chamonix». Drei Stunden wird die Probe zu jenem Programm dauern, das sie heute bestreitet.

«Man darf nicht brüllen»

Nicht alles singt die berühmte Sopranistin voll aus, denn sie muss ihre Stimme schonen. Doch ab und an kann man hören, was Edita Gruberová kann. Wenn ihre Stimme sich federleicht in die Höhe schwingt, wenn sie in langen Linien weiterklingt, wenn sie Verzierungen anbringt oder Koloraturen meistert. Da kann dann zartestes Pianissmino aufblühen – und plötzlich geht es kraftvoll, aber absichtsvoll dosiert weiter.

«Je lauter die andern singen, umso leiser werde ich», hat sie einmal erklärt. «Man darf nicht brüllen», wird sie später in ihrer Garderobe sagen. Und obwohl sie seit 47 Jahren auf allen Bühnen der Welt die grossen Rollen singt, geht von dieser Sopranistin der Extraklasse so gar nichts Primadonnenhaftes aus. In der Probe ist sie die präzise Handwerkerin, und nachher, im Gespräch, antwortet sie auf den Einwurf, ob sie nicht allzu selbstkritisch sei: «Aber das muss man doch sein! Nur ordentliche Arbeit befriedigt einen.»

Immer noch: Die Anspannung

Und zwar auch dann, wenn sie etwas hundertmal gesungen hat. Auch da wird sie die Anspannung nicht los, die jedem Auftritt vorausgeht. Der Tag des Konzerts, er ist ein verlorener Tag. Schwierig wird auch die Zeit danach. Nur schwer findet Edita Gruberová nach einem Konzert in den Schlaf, «und am nächsten Tag sind die Batterien leer». Dann geht sie in den Garten ihres Hauses in der Nähe von Zürich, arbeitet dort ein wenig, «das tut gut». Und schon geht es weiter, in die Vorbereitung fürs nächste Konzert. Die 68-Jährige kommt nicht zur Ruhe, «sogar in die Ferien nehme ich Noten mit», sagt sie. Die Musik lässt sie nicht los.

Wenn der Vorhang sich hebt und das Licht im Zuschauerraum erlischt, entfaltet sich jene Magie, von der der St. Galler Opernchef Peter Heilker glaubt, dass sie eine Spezialität Edita Gruberovás ist. «Ich brauche das Publikum», sagt sie selber. «Ich finde es schön, wenn ich es sehe.» Und sie erklärt, dass es da einen Kreis von Menschen gebe, der ihr sehr treu folgt, ihre Konzerte besucht und ihr auch manchmal Privates anvertraut.

«Es ist die Musik»

Sichtlich gerührt erzählt Edita Gruberová von einer älteren, kranken Frau, die noch auf dem Weg in den Operationssaal über Kopfhörer eine ihrer CDs hört. Oder von einer Krankenschwester, die sagt, sie erlebe im Alltag so viel Schreckliches. Doch wenn sie im Konzert sitze, dann sei alles wie weggewischt. Obwohl sie sagt: «Ich singe mein Leben, die Höhen und Tiefen», ist Edita Gruberová weit davon entfernt, ihre Wirkung sich selber zuzuschreiben. «Es ist ja die Musik, die durch mich spricht. Ich lebe die Musik, Bellini und Donizetti sind meine göttlichen Genies.» Womit sie einerseits recht hat. Aber andererseits auch nicht. Denn die Menschen hängen ja an ihr. Es ist ihre Stimme, die an ihre Herzen rührt.

Singen ist Schwerarbeit

Doch man täusche sich nicht: Hinter der Leichtigkeit steckt harte Arbeit. Das Singen, hat sie einmal erklärt, beruhe auf der Koordination des gesamten Körpers. «Das beginnt bei der Zwischenrippe, geht über die Bauchmuskulatur bis zu den Zehen. Ausserdem muss man die Muskeln des Unterkiefers technisch richtig beherrschen. Man trainiert vom Scheitel bis in die Zehenspitze, um in die Stimme zu kommen. Das Singen von hohen, lang gehaltenen Tönen kommt dem Hochstemmen von Gewichten gleich.»

Ein unerwarteter Neubeginn

Lange hat sie selber geglaubt, dass sie dafür die perfekte Technik hat. Dann, vor etwa zehn Jahren, hat sie gespürt, dass etwas fehlt. Eine Stimmbildnerin in München ist ihr empfohlen worden. Und die hat gesagt: «Das ist alles schön und gut, was Sie machen. Nur ein bisschen daneben. Das hat mich umgehauen.» So hat sie neu angefangen – mit jener Gründlichkeit, die sie gerade bei der Probe gezeigt hat.