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Interview

Sänger Ritschi und der 40. Geburtstag: «Ich zweifelte, haderte, wusste nicht mehr weiter»

Diese Woche hat Ritschi sein viertes Soloalbum «Patina» herausgebracht. Im Interview spricht der ehemalige Sänger von Plüsch über seine Familie, seine Midlife-Crisis und warum er die Musik fast aufgegeben hätte.
Stefan Künzli
Ritschi ist gerade 40 Jahre alt geworden. «Älterwerden ist nicht so leicht im Musikbusiness.» (Bild: PD)

Ritschi ist gerade 40 Jahre alt geworden. «Älterwerden ist nicht so leicht im Musikbusiness.» (Bild: PD)

Mundartsänger Ritschi hatte in Art und Aussehen immer etwas Bubenhaftes. Zum Interview erscheint er jetzt mit Brille, Glatze und neuen Falten. Am 7. März, einen Tag vor der Veröffentlichung seines neuen Albums «Patina», wurde er 40. Ritschi thematisiert das Älterwerden offensiv.

Verarbeiten Sie in «Patina» Ihre Midlife-Crisis?

Ritschi: Ich glaube eher, dass ich sie überwunden habe. Ich habe eine wunderbare Frau, tolle Kinder und kann das machen, was ich am liebsten mache. Nach so vielen Jahren darf ich immer noch Musiker sein. Das ist nicht selbstverständlich.

Offenbar hatten Sie eine Krise.

Ja, eine Zeit lang konnte ich mein Glück einfach nicht sehen. 2014, nach dem Release meines zweiten Soloalbums «Öpfelboum u Palme», war mir alles ein bisschen verleidet. Ich zweifelte, haderte und wusste nicht, wie weiter. Ich habe mich ernsthaft ­damit auseinandergesetzt, mit der Musik aufzuhören. Zum Glück habe ich mich anders entschieden.

Trotzdem: Gut die Hälfte der Songs handelt vom Älter­werden.

Klar, auch ich kann den Prozess der Alterung nicht aufhalten. Diese Themen beschäftigen mich, beschäftigen alle. Meine Themen sollen nachdenklich sein, die Leute berühren. Aber ich habe mich beim Songschreiben gut gefühlt, weshalb jeder Song hoffnungsvoll endet. Das Positive steht im Vordergrund. Es geht aufwärts. Ich würde es jedenfalls bedauern, wenn meine Songs so rüberkämen, als hätte ich ein Problem mit dem Älterwerden.

Sagen wir es so: Die Ambivalenz zwischen Ihrem Familienglück und dem Bedauern über den Verlust der Jugend und damit der Freiheit kommt in den Texten zum Ausdruck.

In «Umami» singe ich: «I wot meh, viel meh, als es Huus u ne Hund u ne Gartehaag.» All das erreicht zu haben, macht mich zwar stolz, es ist jedoch nicht das Ende vom Lied. Mein Glück liegt nicht nur im Materialistischen. Ich suche immer wieder nach neuen Herausforderungen. Die Komfortzone verlassen, etwas wagen, Grenzen suchen. Es geht darum, dass man, egal in welcher Situation, das Glück ständig suchen muss. Das Glück fällt einem nicht zu. Man muss etwas dafür tun.

«Meine Fans sind nicht auf Instagram und Twitter», meint Ritschi. (Bild: PD)

«Meine Fans sind nicht auf Instagram und Twitter», meint Ritschi. (Bild: PD)

Also die Glatze steht Ihnen gut.

Danke, gleichfalls. Aber in einem Geschäft wie dem Musikbusiness, wo die Jugend so gefeiert wird und man sich ständig zeigen muss, fällt das Älterwerden noch schwerer.

Ach was! Endlich sehen Sie aus wie ein richtiger Mann.

Das war ich schon lange, nur wollte das niemand sehen (lacht). Ich gehöre inzwischen zu den Älteren in der Musikszene, und in einigen Dingen sind die jungen Künstler natürlich fitter als ich.

Inwiefern?

Heute konsumieren die Leute Musik via Streamingplattformen. Es zählen nicht mehr Albumverkäufe, sondern gestreamte Songs und Klicks auf den sozialen Medien. Reichweite ist die Währung. Da kommt ein Künstler aus meiner Zeit oft kaum mehr mit. Mit 2800 Followern auf Insta­gram lässt sich da nicht viel reissen. Es zählt Sichtbarkeit, und das lässt sich für Künstler, die sich primär über Musik definieren, oft schwer umsetzen. Meine Fans sind weder auf Instagram noch auf Twitter. Sie sind mit mir älter geworden, sie streamen noch nicht, sie kaufen mein Album. Doch für die Radios zählt das nicht. Also finden meine neuen Songs im Radio kaum statt. Die neuen Mechanismen des Musikgeschäfts benachteiligen mich und meine Generation. Trotzdem bin ich überzeugt, dass ich es schaffen werde.

Sina und Kunz haben trotzdem die Spitze der Charts gestürmt. Das sollte für Sie auch möglich sein.

Klar, Platz 1 ist angepeilt. Ob es reicht, werden wir sehen. Aber was das Alter eben auch mit sich bringt, ist eine gewisse Nonchalance. Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen.

Die neue Ära ist für Mundartkünstler besonders hart, weil der Markt so klein ist. Wie reagieren Sie auf diese Situation? Wie sieht das Geschäftsmodell Ritschi 2.0 aus?

Auch Kleinvieh macht Mist (lacht). Ich habe viele Talente und immer einen Weg gefunden. Zudem habe ich mich mehr als früher auf Nebenprojekte eingelassen, in denen mein Songwriting gefragt ist. Im Sommer starte ich mit Songwriting für ein Musical.

Ritschi arbeitet an einem Musical von Marco Rima mit. (Bild: Reto Martin)

Ritschi arbeitet an einem Musical von Marco Rima mit. (Bild: Reto Martin)

Aha! Was für ein Musical?

Ein Musical von Marco Rima. Viel kann man noch nicht sagen. Aber Marco denkt gross und will mich als Songschreiber an Bord haben.

Erhalten Sie viele Tantiemen?

Im Zeitalter vom Streaming sind auch die weniger geworden. Aber für schöne Ferien reicht es alleweil. Um beim Geschäftsmodell zu bleiben: Ich verlasse mich da lieber auf Dinge, die ich weiss. Ich mache vieles selber. Grafische Arbeiten, Videos schneiden. Daneben habe ich einen Auto-Sponsor, der mich seit Jahren unterstützt, und mache auch daheim viele Handwerksarbeiten selber. Dadurch spare ich Geld. Nur wenige Schweizer Musiker können nur vom Musikmachen leben. Ich kann das und fühle mich privilegiert.

Wie sieht Ihr Familienmodell aus?

Zwei Tage pro Woche arbeitet meine Frau, und ich bin ich für die Kinder da. Montag und Dienstag sind meine Papitage. Wir sind eine moderne Familie. Da meine Frau arbeitet, muss ich mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie ich mehr verdienen kann. Sie kommt mal raus, und ich sehe die Kinder aufwachsen – eine Win-win-Situation. Deshalb schmerzt mich auch die 4 vor der 0 nicht.

Mit Bollywood-Touch

Andreas Ritschard, genannt Ritschi, absolvierte eine Lehre als Schreiner. Parallel dazu gründete er mit 18 Jahren 1997 mit seinen Interlakner Freunden die Mundartband Plüsch. Mehr als zwanzig Jahre ist er nun im Geschäft. Auf seinem neuen Album «Patina» versucht er gar nicht erst, hip und modern zu klingen. Neu ist nur der orientalische Bollywood-Touch in «Nume für ei Nacht». Stattdessen besinnt er sich auf seine Stärken und erzählt in zwölf meist groovenden Popsongs Geschichten aus einem Leben, das sein eigenes sein könnte. «Patina» wirkt sehr persönlich. Man spürt den bald 40-Jährigen, wenn er die Probleme des Älterwerdens thematisiert. So mag man ihn: offen, ehrlich, authentisch. (sk)

Haben Sie den Entscheid, bei Plüsch aufzuhören, je bereut?

Dass es Plüsch nicht mehr gibt, ist kein Entscheid, den man bereuen könnte. Die Mitglieder haben sich auseinandergelebt. Es wäre für niemanden gut gewesen, so weiterzumachen. Und wie sagt man doch? «Wer nicht bereit ist, loszulassen, hat auch nicht die Hände frei für Neues.» Was ich in den letzten zehn Jahren mit meiner Musik erlebt habe, möchte ich nicht missen. Und wer sagt, dass es nicht wieder einmal ein Plüsch-Konzert geben wird? Plüsch hat sich schliesslich nie aufgelöst.

Nächste Konzerte: 14.3. Schüür Luzern; 30.3. Fabriggli Buchs (SG). Weitere Termine unter www.ritschi.ch

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