Ich oder auch nicht

 «O ich T» lautet der Titel der neuen Ausstellung in der Galerie Kirchgasse in Steckborn. Sprache, Farbe und Form dienen dem Künstler Philipp Schwalb zur Inszenierung seiner Selbstbefragung.

Christina Peege
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Philipp Schwalb vor einem seiner ausgestellten Werke in der Galerie Kirchgasse in Steckborn. (Bild: Andrea Stalder)

Philipp Schwalb vor einem seiner ausgestellten Werke in der Galerie Kirchgasse in Steckborn. (Bild: Andrea Stalder)

Zu entscheiden, ob man Philipp Schwalbs Werke lesen oder anschauen soll, fällt schwer. «O ich T» lautet der Titel der neuen – inzwischen zweiten – Ausstellung des Künstlers in der Galerie Kirchgasse. Ausgesprochen wird der Titel «o icht». Ein Sprachgebilde, so der Künstler anlässlich der Vernissage am Samstag, beim Leser oder der Betrachterin ganz eigene Sprachbilder hervorrufen soll. O ich Wicht – assoziiert man vielleicht angesichts der Figuren Schwalbs. Aber bloss n-icht in Schubladen denken: Ich kann man herauslesen – wie es wird – oder auch nicht. Sprache ist bei Schwalb bildhaft und lebt vom Paradox – ich – nicht –Selbstvergewisserung und Selbstbefragung. Widersprüche sind der Schlüssel zu Schwalbs Werken, die ihre Komplexität nur preisgeben, wenn ihre Widersprüche nicht zerredet, sondern als Spannungsfeld zwischen Elementen der Pop- und Comic- und Streetart-kultur einerseits und Bezugnahmen auf die «hohe» Kunst und ihre Theorien andererseits auslotet.

Auch diese Ausstellung präsentiert wiederum keine «Verkaufspräsentation» neuester Werke, sondern lediglich vier thematisch verbundene Positionen. Die für Galerieausstellungen ungewöhnliche Reduktion auf einen klaren Schwerpunkt ist geglückt, erlaubt sie doch eine vertiefte Auseinandersetzung mit den einzelnen Werken und der Arbeitsweise des Künstlers, der 1984 in Filderstadt geboren ist und heute in Genf lebt und arbeitet. Gleichzeitig erlauben die kleinen Galerieräumlichkeiten eine zumindest teilweise Gesamtschau auf die Werke, die mehrheitlich erst in diesem Jahr entstanden sind.

Forschungsbericht aus dem Reich der Farbe

Landschafts- und Figurenbilder mit dem Leitmotiv Klimazonen werden durch das namengebende Werk «O ich T» ergänzt. Letzteres ist eine Selbstbefragung des Künstlers – welches die Quellen seiner Farben sind und welches das Muster ist, wie die Farben strukturiert werden. Spannend ist das Bild als Forschungsbericht zum Thema Farbe und System einerseits, andererseits funktioniert die Leinwand, die vorn und hinten bemalt ist, als Raumtrenner, um den man herumgehen kann. Auf dem Weg von der einen zur anderen Seite sieht man durch das Gewebe hindurch, denkt also mit der Farbe auch den möglichen «Code» mit, der mit seinen Dreiecken und anderen Formen die Farbe in eine neue Sinnebene verschiebt. Je nach Position des Betrachters sind die einen Zeichen oder Farbelemente da – oder eben n-icht.

Ziemlich nackt und verwirrend grün

Die «Klimazonen» stammen aus diesem Jahr. Die Zonen errät man über die Aktivitäten der Figuren. Diese, in ihrer meist rosa-fleischigen und haarigen Nacktheit sowie grossen Ohren und einer Art drittem Auge auf der Stirn eine Referenz an Graffiti, frönen verschiedenen, «ortstypischen» Aktivitäten. Ein Eisfischer hat seine Angel ausgeworfen, ein Helikopterpilot kreist mit seinem Gerät über den Wipfeln des Urwalds, ein grosses braunes Zelt dominiert die Wüstenszene. «Alles voll wEisglanz oder Wie die Entdeckung neuer Energiequellen im Farbigen Grund der Pole lag» lautet der Text zur gut zwei Quadratmeter messenden Leinwand. «wEis»s ist der Hintergrund – die Figuren auf diesem Hintergrund sind isolierte Gebilde, die einer Tätigkeit nachgehen. Ihre Geschlechtlichkeit wirkt sehr direkt und fast schon comichaft aufdringlich. Die Farbigkeit dagegen – weiss, braun, grün – produziert einen Gegenstand (ein Zelt, eine Pflanze) und erforscht im Sinne der Kunstgeschichte die Wirkung der Farbe auf den Betrachter, etwa die «Kälte» von Weiss.

Anwesend und abwesend zugleich

In allen drei Bildern der Klimazone taucht eine Figur auf, die gebannt auf den Bildschirm ihres Smartphones starrt. Sie ist im Bild anwesend, aber auch irgendwie abwesend, mit einer virtuellen Realität mindestens so eng verbunden wie mit der Welt, in der sie der Maler gesetzt hat. Farben und Figuren, Texte und Szenen thematisieren Anwesenheit und Abwesenheit. Die Klimazonen zeugen von einer konstanten Selbstbefragung des Künstlers – er ist -ich und nicht, er wird und wird dauernd ein anderer. «O» ist ein Ausruf der Überraschung über eine neu entstandene Facette eines kaleidoskopartig gedachten Ichs. So zeugt die Ausstellung auch von der sich wandelnden Identitäten, einer Ich-Werdung. Der Maler treibt eine Kluft zwischen die figurative Eindeutigkeit einerseits und die Komplexität der Farbigkeit andererseits, zwischen das eindeutige Ich und dessen komplexe Neukonstruktion. Der Widerspruch, der im Ausstellungstitel angekündigt wird, hat hier bis in den letzten Pinselstrich Methode.

Galerie Kirchgasse, Steckborn. Bis 30.3. Do/Fr 11–18, Sa 10–17 Uhr. kirchgasse.com