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«Ich muss ihnen schreiben»: Wie aus innigen Mails ein berührender Roman entstand

Die Ostschweizer Peter Gross und Helga S. Giger sind zusammen 157 Jahre alt. Jetzt haben sie einen heiteren, tröstlichen Mailroman geschrieben: über junge Liebe am Lebensabend.
Bettina Kugler
Zusammen sind sie 157 Jahre alt: Das Autorenduo Helga S. Giger und Peter Gross. (Bild: Carmen Wüest)

Zusammen sind sie 157 Jahre alt: Das Autorenduo Helga S. Giger und Peter Gross. (Bild: Carmen Wüest)

Ratlos wie ein Teenager steht Celine vor dem Kleiderschrank, als sie Thomas zum ersten Mal in seiner Wohnung besuchen will und plant, über Nacht zu bleiben. Sie schämt sich für ihre Gedanken: Wie organisieren wir die Badezimmerbenutzung? Was, wenn er schnarcht – oder ich? Celine hat die besten Jahre längst hinter sich, zudem eine Scheidung, zu der sie sich nach Jahrzehnten wachsender Entfremdung durchgerungen hat.

Geistig hellwach, vielseitig interessiert, macht sich Celine gleichwohl keine Illusionen: Das Alter, der «letzte Lebensabschnittspartner», begleitet sie überall hin. Auch zu Thomas, ihrem späten Geliebten, erdacht und souffliert von Peter Gross. Geht es um Fragen des Älterwerdens in der Leistungs- und Multioptionsgesellschaft, geniesst der ehemalige HSG-Professor Expertenstatus.

Seit seiner Emeritierung 2006 hat der St.Galler eine Reihe von Büchern zum Thema veröffentlicht, in denen er wagte, vom «Glücksfall Alter» zu sprechen: der Chance, einen immensen Wissens- und Erfahrungsschatz zum Nutzen der Gesellschaft einzubringen und das eigene Leben zu überdenken.

Lebenssonate, letzter Satz: Zart, innig, zweistimmig

Berührend hat der Soziologe 2015 auch das Sterben seiner Frau Ursula reflektiert, den letzten gemeinsamen Lebensabschnitt und den anhaltenden Schmerz, den es auszuhalten gilt, wenn die Welt «mit scharfen Zähnen zubeisst». Früher, so Peter Gross, sei das Leben oft eine «Sonate ohne Schlusssatz» gewesen, wenn Menschen in jungen Jahren jäh dahingerafft wurden. Diesem Finalsatz widmet er sich seit Jahren in diversen Tonlagen; nun im literarischen Duett mit der Flawilerin Helga S. Giger.

«Ich muss Ihnen schreiben», so beginnt der Mailwechsel zweier Menschen am Lebensabend. Höflich wie behutsam ergreift ein pensionierter Museumsdirektor am Laptop die Initiative, nimmt Kontakt auf zu der Künstlerin, die ihn gerade an einer Vernissage tief beeindruckt hat.

Tatsächlich antwortet Celine; es entfaltet sich ein reger, tiefsinniger Austausch zwischen den beiden, über Lektüren, Musik und Kunst, über Filme (vor allem jene, in denen die Erotik des Alters im Zentrum steht) und Vorträge. Aber auch über ihren Alltag und die grossen Fragen, die sich umso dringlicher stellen, je kürzer die verbleibende Lebenszeit ist.

Bald bremst Gebrechlichkeit die Liebe

Immer länger werden die Mails, zuweilen gibt es krankheitshalber Pausen. Die Korrespondenz wird zum Vermächtnis der beiden, denn Thomas ist old school genug, die Mails auszudrucken, wieder und wieder zu lesen und seiner Tochter als Testament zu hinterlassen.

Als Roman sind sie weltoffene, gebildete Plauderei, zugleich eine literarische Zusammenfassung und Fortsetzung der Erkenntnisse beider Autoren über das Alter, durchaus humorvoll und selbstironisch – und erkennbar in der Region und der Gegenwart verankert. Das Buch ist ein bedächtig komponierter, zunächst leichtfüssiger, immer melancholischer werdender Schlusssatz zweier Sonaten: heiter und tröstlich in seiner Zweistimmigkeit.

Helga S. Giger, Peter Gross: Ich muss Ihnen schreiben. Orte, 116 S., Fr. 28.-

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