Ich, Mittelteil des Wortes «Nichts»

Lesbar Literatur

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Andreas Maier:Die Universität. Suhrkamp, 145 S., Fr. 29.–

Schmal, übersichtlich, aufs Wesentliche konzentriert: Die Einzelbände der Romanreihe, die Andreas Maier vor Jahren mit «Das Zimmer» begonnen hat, sehen nicht nach einem autobiografischen Mammutprojekt aus, gar einem Pendant zu Marcel Prousts «Recherche». Der Eindruck täuscht. Zwar lässt sich jeder Teil für sich lesen. Dennoch entwickelt der präzise, scheinbar naive Blick auf das Elternhaus, die Strasse, die Kleinstadt und ihre Umgebung einen derartigen Sog, dass man die «Ortsumgehung» komplett mitmachen wird – oder eben gar nicht. Im neuen Roman ist Maiers Ich-Erzähler Andreas Ende der 1980er-Jahre in Frankfurt angekommen. Er hat sich für ein Studium der Philosophie, Musikwissenschaft und Germanistik eingeschrieben; am meisten Energie aber wendet er weiterhin für das Selbststudium auf. Das Ich und seine Nichtigkeit müssen sich nun im akademischen Umfeld beweisen – Scheitern ist programmiert. Ein grandioses Beobachtungsfeld tut sich mit dem Studentenjob in der häuslichen Altenpflege auf: Andreas wird zum Dienst bei Adornos leicht verrückter Witwe Gretel eingeteilt. Formal umgeht Maier elegant die Genres Heimat- und Entwicklungsroman und zeichnet federleicht ein Zeitporträt.

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Jens Sparschuh: Das Leben

kostet viel Zeit. Kiepenheuer &

Witsch, 384 S., Fr. 29.–

Glücklich ist, wer vergisst

Ein Haus, seine Bewohner und ihre Lebensgeschichten – das hat schon Honoré de Balzac im 19. Jahrhundert zu brillanten Zeitromanen inspiriert. Jens Sparschuh, noch in der DDR aufgewachsen, steht als Romancier in dieser Tradition. Im Gegensatz zu Balzac aber hat er Humor: einen leisen, für Absurditäten empfänglichen wie einst Loriot. Die Seniorenresidenz, in der sein neuer Romanheld (und «Held» muss man bei Sparschuh-Romanen immer in Anführungszeichen denken) Titus Brose als Memoirenschreiber gegen Honorar ein- und ausgeht, heisst «Altes Fährhaus» – schon darin steckt eine gute Portion Sarkasmus. Tag für Tag konfrontiert mit Belanglosigkeiten, die sich zu einem Lebenslauf reihen, stürzt Brose sich in ein Rechercheabenteuer auf den Spuren des Dichters Adelbert von Chamisso. Raffiniert verwebt Sparschuh die Fäden; mit Witz erzählt er vom Sinn und Todernst des Lebens.

Bettina Kugler