«Ich mache dicke Bücher dünn»

Nicolas Mahler hat den Preis der Literaturhäuser bekommen. Der Österreicher zieht die Essenz aus Werken von Thomas Bernhard oder Robert Musil und dampft in Cartoons die Alltagshölle auf lakonisch-knappe Bilder ein.

Valeria Heintges
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Im Thomas-Bernhard-Schimpf-Sound: Nicolas Mahlers Graphic Novel «Alte Meister» im Suhrkamp-Verlag. (Bild: Suhrkamp-Verlag)

Im Thomas-Bernhard-Schimpf-Sound: Nicolas Mahlers Graphic Novel «Alte Meister» im Suhrkamp-Verlag. (Bild: Suhrkamp-Verlag)

Wer alles liest, hat nichts begriffen, sagt Reger. Viel wichtiger sei es, sich ein Detail herauszupicken, «von welchem wir dann auf das Ganze kommen». Reger, eine Figur aus Thomas Bernhards Roman «Alte Meister», setzt sich jeden zweiten Tag ins Kunsthistorische Museum Wien in den Bordone-Saal, gegenüber von Tintorettos Gemälde «Weissbärtiger Mann». Aber er geht nicht wegen Bordone hin und nicht wegen Tintoretto, sondern «wegen des idealen Lichteinflusses auf mein Gemütsvermögen».

Reger gehört zu den Bernhard-Figuren, die unaufhörlich vor sich hin monologisieren und schimpfen, auf die Welt und die Kunst und all die anderen Widerwärtigkeiten. Der 45jährige österreichische Comiczeichner Nicolas Mahler hat nach «Der Weltverbesserer» auch «Alte Meister» in eine sehr komische Graphic Novel verwandelt. «Ich mache dicke Bücher dünn», sagte er, «aus dem Roman eine Novelle». Und zeigt – ganz im Sinne Regers – am Detail das grosse Ganze.

Ironisch, lakonisch, intelligent

Alle Mahler-Bücher sind von einem starken Rhythmus durchdrungen, etwa dem typischen, wütenden Bernhard-Sound. Mahler schafft es dabei nicht nur, Bilder für die Erzählung zu finden. Vielmehr kommentiert er zudem ironisch, lakonisch und sehr oft sehr intelligent den Originaltext und schafft so ein dem Klassiker verpflichtetes, aber doch eigenständiges Werk.

Obwohl Reger im Roman beinahe die ganze Zeit vor dem Gemälde sitzt, gelingt es Mahler, die Szene immer wieder gekonnt zu variieren. In Mahlers Panels sitzt der kleine, dicke Mann im schwarzen Mantel und Hut von hinten gesehen vor dem riesigen Gemälde, das von einer gelben Kordel abgeschirmt wird, auf einer Tafel erklärt und von einem dicken gelben Rahmen begrenzt.

Bilder wie im Daumenkino

Wenn Reger behauptet, auch die genialsten Künstler hätten höchstens Details ihrer Bilder genial gemalt, sieht man nur ein Detail des Werkes. Oder Mahler spielt ironisch mit der Monotonie im Leben des alten Herrn: Wenn Reger krakeelt, dass er in Büchern oft Hunderte Seiten überblättert, zeichnet Mahler nebeneinander nur den rechten Rand seines Panels, mit einem Teil des gelben Bandes und einem Teil der Erklärtafel – es sieht aus, als würde man per Daumenkino das Buch durchblättern.

Mahler hat es mit diesem humorigen, aber auch sehr respektvollen Umgang mit den grossen Meistern in die internationale Klasse der Comiczeichner geschafft – obwohl die frankophonen und amerikanischen Künstler diesen Kreis sehr hermetisch beherrschen. Mahlers Werke werden übersetzt, 2010 gewann er den Max-und-Moritz-Preis als «Bester deutschsprachiger Comic-Künstler».

Mahler selbst sieht seine geographisch bedingte Aussenseiterrolle positiv: «Es gab für mich keine Orientierung an einer bestimmten Szene», sagt der Autodidakt. Seinem ursprünglichen Ziel der «funny comics» bleibt er vor allem in Cartoons treu, die er in Zeitungen wie «Der Standard», «Titanic», der NZZ am Sonntag und gesammelt in der Zürcher Edition Moderne publiziert.

Seinen unverkennbaren Stil der Männlein und Weiblein mit überlangen Nasen und überlangen oder extrem gedrungenen Körpern pflegt er auch in den Graphic Novels, die im renommierten Suhrkamp-Verlag vorliegen. Mahlers Strich ist immer schnörkellos, zuweilen regelrecht gestrichelt, und seine Werke in Schwarz-Weiss gehalten manchmal mit einer Zusatzfarbe. Diese und auch die Schrift setzt er sehr bewusst ein, arbeitet in Bernhards «Alten Meistern» mit einer kursiven oder in «Der Weltverbesserer» mit einer Schnürli-Variante, die das Gesagte auf einen Schlag wie gesäuselt erscheinen lässt. In «Lulu und das schwarze Quadrat» variiert Mahler die Schrift mit Kapitälchen. Das passt perfekt zur Idee, Wedekinds Lulu-Tragödien «Erdgeist» und «Büchse der Pandora» mit Kasimir Malewitschs minimalistischem Bild «Das Schwarze Quadrat» zu kreuzen.

Eine solche Kreuzung praktiziert Mahler auch in «Alice in Sussex». Darin verschneidet er Lewis Carrolls «Alice im Wunderland» mit der surrealistischen Erzählung H. C. Artmanns «Frankenstein in Sussex».

Innovative und kunstvolle Form

In diesem Jahr bekam Mahler den Preis der Literaturhäuser. Die Jury lobt ihn als Autor, «der sich in innovativer Form mit der Literatur auseinandersetzt und in sehr eigenständigen und kunstvollen Formen der Vermittlung das Publikum dafür zu gewinnen weiss.» Tatsächlich ist ein einfacherer Einstieg in etwa Musils «Mann ohne Eigenschaften» als mit Mahlers Comic einfach nicht denkbar.

Lesung 6.5., 19.30 Uhr, Literaturhaus Zürich, 7.5., 19 Uhr, Literaturhaus Basel, www.mahlermuseum.at

Aus Nicolas Mahlers «Smalltalk-Hölle», Edition Moderne Zürich. (Bild: Edition Moderne)

Aus Nicolas Mahlers «Smalltalk-Hölle», Edition Moderne Zürich. (Bild: Edition Moderne)

Nicolas Mahler Comiczeichner, Illustrator (Bild: Suhrkamp-Verlag)

Nicolas Mahler Comiczeichner, Illustrator (Bild: Suhrkamp-Verlag)

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