«Ich liebe mein Orchester»

Dirigent David Zinman feiert am Sonntag seinen 75. Geburtstag. Die Arbeit mit «seinem» Tonhalle-Orchester Zürich hält den New Yorker jung, ist von gegenseitigem Respekt geprägt und noch lange nicht zu Ende. Philippe Reichen

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David Zinman fühlt sich als Teil seines Tonhalle-Orchesters. (Bild: Priska Ketterer)

David Zinman fühlt sich als Teil seines Tonhalle-Orchesters. (Bild: Priska Ketterer)

David Zinman bittet, das Gespräch in seiner Wohnung im Zürcher Seefeldquartier statt in seinem Büro in der Tonhalle zu führen. Auf seinem Arbeitstisch liegen Partituren für sein Geburtstagskonzert: Musik von Antonio Vivaldi bis Charles Ives. Das Konzert ist seit Tagen ausverkauft. Trotz vollem Terminkalender wirkt Zinman entspannt.

Herr Zinman, als ich einem Musiker erzählte, Sie würden 75 Jahre alt, konnte er das kaum glauben. Geht es Ihnen genauso?

David Zinman: Ich fühle mich nicht wie 75, klar. Mein Hirn ist 25jährig, physisch spüre ist das Alter eher. Was mich jung hält, ist die Arbeit mit jungen Menschen. Zürich ist die letzte Station vor meiner Pensionierung.

Pensionierung?

Zinman: Damit meine ich, dass ich ab 2014, wenn mein Vertrag ich Zürich ausläuft, nicht mehr Chefdirigent eines Orchesters sein werde. Aber ich werde natürlich weiter dirigieren – hoffentlich auch in Zürich.

Sie arbeiten gerne mit jungen Dirigenten, vor kurzem gaben Sie in Zürich einen Meisterkurs. Sind Sie mit dem Nachwuchs zufrieden?

Zinman: Der Kurs fand zum zweitenmal statt, das Niveau war höher. Die Teilnehmer waren sehr unterschiedlich. Da gab es jemand, der ein wundervoller Musiker ist, aber seine Dirigiertechnik war nicht gut; ein anderer war rhythmisch, aber nicht musikalisch.

Wie reagierten Sie?

Zinman: Ich zeigte, wie es besser gemacht werden kann. Das macht eine Menge Spass.

Sie sind sehr direkt zu den jungen Leuten, oft auch ziemlich ironisch.

Zinman: Oh yes, ich muss sie zum Denken bringen. Manchmal muss man ironisch sein. Es ist meine Art zu unterrichten.

Als junger Mann waren sie Assistent von Pierre Monteux, einem der ganz Grossen seiner Zeit. Welche Unterschiede gibt es von damals zu heute?

Zinman: Als ich begann, sah man keine Dirigenten am Fernsehen, man musste in Konzertsäle gehen, um bei Konzerten oder Proben dabei zu sein. Toscanini sah ich in der Carnegie Hall zum erstenmal – von ganz weitem. Jetzt kann man auf YouTube die besten Dirigenten aus nächster Nähe beobachten: einen Toscanini, Bruno Walter oder Carlos Kleiber. Und es gibt Tonaufnahmen von allem.

YouTube macht aus Musikern Dirigenten?

Zinman: Natürlich braucht es mehr dazu. Aber die Medien helfen jungen Leuten, jede Art Musik kennenzulernen. Was mir bis heute nützt, sind meine Erfahrungen als Orchestermusiker. Ich habe genau gesehen, wie Dirigenten auf mich wirken, was gut ist und was im Orchester nicht ankommt.

Jeder Dirigent träumt von der grossen Karriere. Was braucht es dazu?

Zinman: Talent und harte Arbeit. Man muss jedes Stück internalisieren, dann kommt es automatisch aus einem heraus. Ich habe viele Werke in meinem Kopf, wie jene vier Stücke, die ich an einem Neujahrskonzert in China dirigiert habe. Sie schwirren noch immer in mir herum. Ich könnte sie jetzt dirigieren und singen (lacht und beginnt zu singen).

Sie sind seit 16 Jahren Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich. Das ist eine lange Zeit.

Zinman: Es scheint mir, als wäre ich es seit gestern.

Warum?

Zinman: Ich liebe mein Orchester, das Publikum, die Stadt. Es war nie ein Kampf. Meine Beziehung zum Orchester ist einzigartig. Wir schauten immer nach vorne, planten Aufnahmen, Tournées, Konzerte.

Welches Geheimnis gibt es, ein Orchester über eine so lange Zeit zu Höchstleistungen zu animieren?

Zinman: Du musst das Orchester respektieren und das Orchester dich. Und die Musiker müssen spüren, dass man alles zusammen tut. Ich bin nicht einfach der Boss, ich bin ein Teil des Orchesters. Es ist wie in einer Ehe, man muss mit dem Guten und Schlechten leben.

Aber nochmals, wie treibt man Berufsmusiker jeden Tag an ihre Grenzen?

Zinman: Es gibt Dinge, die müssen stimmen: Rhythmus, Intonation, Klangbalance, sich ins Ganze hineingeben. Da muss ich insistieren. Ohne das funktioniert ein Orchester nicht. Ganz wichtig ist, dass es keinen «rancor» gibt.

Rancor – nie gehört.

Zinman: (schlägt im Wörterbuch nach). Keinen Groll, keine Verbitterung.

Ich gebe zu: Vor dem Interview war ich nervös, weil Sie bei den Proben äusserst wortkarg sind. Jetzt sprudeln Sie geradezu.

Zinman: Es ist sehr wichtig, nicht zu sprechen.

Warum das?

Zinman: Weil Musiker Musik spielen wollen. Sie möchten den Dirigenten nicht reden hören. Meine Idee ist, möglichst wenig zu reden. Das habe ich von Pierre Monteux. Er sagte: «Es ist wichtig, nicht mehr als zehn Worte zu sprechen.»

Im September dirigieren Sie in St. Gallen Gustav Mahlers Fünfte Sinfonie.

Zinman: Ich hoffe, die Bühne ist renoviert.

Ist sie. Natürlich haben Sie Mahlers Fünfte internalisiert, trotzdem muss jeder Abend mit dieser Sinfonie eine Art Challenge sein.

Zinman: Es ist eine der schwierigsten, ich würde sogar sagen die schwierigste Sinfonie Mahlers. Es gibt so viele Kontraste. Das Scherzo im Dreivierteltakt ist technisch äusserst schwierig, das Adagietto wunderschön. Die Fünfte entdecke ich immer neu und bin nie wirklich zufrieden. Ich denke nach jeder Aufführung: Was könnte ich besser machen? Es gibt so viele Details. Als ich jung war, konnte ich sie nie so dirigieren, wie ich mir das vorstellte: Das war frustrierend und ist heute, dank der Erfahrung, natürlich anders.