«Ich leiste mir das jetzt einfach»

Der Koch, die Schrift und ihr Liebhaber: Roland Stieger, Mitbegründer des Grafikbüros TGG, hat in acht Jahren die Schrift Alena entworfen. Ein Gespräch über gutes Essen, schöne und lesbare Schriften, eckige und runde i-Punkte und die grossartigen drei Prozent des Lebens.

Valeria Heintges
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Roland Stieger mit Alena: «Ich wollte einen Namen mit A, damit sie im Menu weit oben angezeigt wird.» (Bilder: Ralph Ribi)

Roland Stieger mit Alena: «Ich wollte einen Namen mit A, damit sie im Menu weit oben angezeigt wird.» (Bilder: Ralph Ribi)

Herr Stieger, Sie haben in acht Jahren eine Schrift entworfen, Alena. Warum hat es so lang gedauert?

Roland Stieger: Ich sass nicht ständig daran. Nur nachts, am Wochenende, an freien Tagen. Begonnen hat das Ganze, weil ich einen FontLab-Kurs machen wollte – damals das Programm, um Schriften zu digitalisieren. Der St. Galler Typograph Jost Hochuli hatte von einer Schrift erzählt, die niemals fertig geworden war. Ich hatte keine Zeit mehr, selbst etwas zu entwerfen. Er sagte, mit dieser Schrift wolle er nichts mehr zu tun haben. Also fragte ich, ob ich den Holzschnitt haben dürfe.

Warum schneidet man im 21. Jahrhundert eine Schrift in Holz?

Stieger: Für die schöne Holzstruktur beim Druck. Im Grunde ist das eine meditative Arbeit. Wo der Sinn ist? Schwere Frage.

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Roland Stieger redet leise, zurückhaltend, unaufdringlich. Aber unbeirrbar, er folgt seinen Gedanken, die mäandern, von einem Punkt zum nächsten. Er schweift nicht ab, sondern ist immer bei seinem Thema: Das Entstehen der neuen Schrift Alena, ihre Schönheit und Lesbarkeit. «Durch diese acht Jahre Auseinandersetzung bin ich intensivst in dieses Thema eingetaucht», wird er später sagen.

Wie sieht Ihre neue Schrift aus?

Stieger: Hochulis Grossbuchstaben gehen zurück auf die Proportionen römischer Inschriften vor fast 2000 Jahren, die Kleinbuchstaben auf die Humanistika, eine Spätform ihrer Handschrift, die wäre so um 1500 entstanden. Beide Formen verwenden wir heute noch. Mal ging es weg, etwa in der gotischen Fraktur, dann kam man wieder darauf zurück. Das ist sehr faszinierend.

Wie haben Sie Hochulis Vorlage genutzt?

Stieger: Ich wollte nicht etwas Neues erfinden – kann man eh nicht bei einer Schrift. Das ist wie beim Kochen: 90 Prozent, vielleicht 97, sind Zutaten und ihre Qualität. Die kann man anders kombinieren, andere Gewürze nehmen. Das macht aus, ob man findet: «Hm, super!» – oder «Bah!» Was ist der Anteil Roland an Alena? Zwei, drei Prozent. Wie beim Kochen.

Und was war die Motivation für das Erfinden einer Schrift?

Stieger: Ich wollte unbedingt eine Schrift machen. Ich bin seit vielen Jahren total fasziniert von den Formen von Schrift.

Es gibt doch schon so viele.

Stieger: Ich arbeite gerne mit vielen verschiedenen Schriften. Man könnte auch sagen: Es gibt genügend Kunst, die reicht auf alle Zeit hinaus. Trotzdem entsteht immer mehr. Aber natürlich wollte ich auch wissen, ob ich das hinkriege, ob ich genügend Biss habe. Ich habe Alena primär für mich gemacht. Es ist ein Superluxus, sich selbst eine Schrift zu machen.

Roland Stieger erzählt von der Kindheit in Kobelwald, der Zwergenschule dort und wie er begeistert den Schriftzug von der elterlichen Elvis-Schallplatte zeichnete, bis er merkte: Der ist schon tot, der Elvis. Dann kamen die Beatles dran, bis er merkte: Die gibt es gar nicht mehr. Egal. Die Liebe zur Schrift überdauerte alle Moden. Stieger lernte Schriftsetzer bei der «Rheintalischen Volkszeitung» – «eine gute Basis, aber ein bisschen technisch». Dann stösst er auf Bücher über Typographie-Design, auch von Jost Hochuli. Da weiss er: «Ich will mich mit Schrift und Typographie befassen.» Schliesslich folgt, ein wenig kleinlaut, der Satz: «Jetzt habe ich wahnsinnig lange ausgeholt.»

Das macht nichts. Aber sagen Sie: Wie ging das weiter mit Alena?

Stieger: Ich arbeitete an Hochulis Schrift, obwohl der das keine gute Idee fand. Aber eben: Wie beim Kochen – es gibt gute Zutaten, in dem Fall: gute Formen. Die muss und kann man nicht entscheidend verändern.

Aber ein Koch ist man deshalb noch lange nicht.

Stieger: Ja, genau. Das war die grosse Erfahrung! Ich stiess auf einen Weiterbildungskurs, in Typedesign. 2007 entstand die Idee, 2008 ging der Lehrgang los, da hatte ich schon erste Skizzen. Aber ich merkte schnell: Vieles in der Ursprungsschrift ist nicht eindeutig. Ich wollte unbedingt eine Schriftfamilie, also mit normaler Schrift, aber auch kursiver und fetter Variante.

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Er stösst auf unendlich viele Detailfragen. Serife oder nicht? Kleines e mit kleinem oder grossem Kopf? Die Enden eckig oder rund? Ein Tropfen am Ende des kleinen a? Die i-Punkte – eckig oder rund? Und überhaupt – das B sieht eigentümlich aus...

Stieger: Ich merkte: Alles, was ich mache, ist Interpretation. Ich muss selbst entscheiden, ich kann nicht bei Hochulis Original bleiben. Nach einem Jahr hatte ich eine Grundversion der normalen Schrift und nach einem weiteren eine kursive und eine fette Variante mit je 254 Zeichen. Nach vier Jahren stand das Grobkonzept. Der Feinschliff dauerte noch einmal vier.

Wie viele Zeichen haben Sie jetzt?

Stieger: 1032 Glyphen. Mit Pfeilen, Pipapo, Zahlen, Brüchen, allen Akzenten, auch fürs Vietnamesische. Das mal vier, mit Regular, Kursiv, Fett, Extrafett – also insgesamt etwa 4000 Zeichen.

4000 Zeichen? Für eine Schrift?

Stieger: Durchschnittlich, sagt man, braucht man eine Stunde für ein Zeichen. Das gäbe Arbeit für zwei Jahre. Oder acht Jahre mit 20-Prozent-Pensum. So kann ich mir selbst erklären, warum ich so lange gebraucht habe.

Haben Sie ein Patent auf Alena?

Stieger: Könnte ich haben, aber ich will nicht. Wenn die jemand klaut – dann bin ich ganz stolz.

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Eine Ortsgeschichte von Teufen wurde in Alena gesetzt. Das Buch überzeugt, Alena wirkt klar, stimmig, sachlich, gut lesbar, auch bei schnellem Überfliegen. Zitate sind kursiv gesetzt und heben sich vom Rest deutlich ab, dominieren aber nicht.

Stieger: Als ich anfing, meine Schrift zu entwerfen, ging ein riesengrosses Universum auf. Wäre mit Schrift Geld zu verdienen, könnte ich mich damit beschäftigen, ununterbrochen. Ich leiste mir das jetzt einfach. Wo wäre die Freude am Leben, wenn es nur ums Essen selbst ginge?

Wer will schon von Astronautennahrung leben müssen.

Stieger: Eben. Furchtbare Vorstellung. Essen ist für mich ein Grund zu leben.

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Roland Stieger schwärmt, von Wiener Schnitzeln und den grossartigen drei Prozent, die das Leben lebenswert machen. Beim Essen. Und bei der Schrift.

Der Teufel steckt im Detail: Die verschiedenen Formen von Alenas a. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Der Teufel steckt im Detail: Die verschiedenen Formen von Alenas a. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))