«Ich küsse deinen Erdbeermund»

Der Schweizer Sänger Dagobert singt auf seinem dritten Album ironiefrei und pathetisch von der Liebe. Dabei kombiniert er einmal mehr erfolgreich Pop mit Schlager.

Michael Graber
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Lange glaubte man ja, dieser ­Dagobert meine das ironisch mit seinem Schlager. Vielleicht hoffte man es auch. Doch allerspätestens mit dem jetzigen dritten ­Album «Welt ohne Zeit» ist es ­offensichtlich: Das ist keine Masche. Der schlagert wirklich.

Natürlich: Er ist weit weg von der Inhaltsleere vieler Schlagersternchentexte, aber auch bei Dagobert geht es eigentlich nur um die Liebe. Diesmal explizit. «Welt ohne Zeit» sei ein Konzeptalbum über ebendieses Gefühl, lässt er verlauten. Jeder Song erzähle eine real erlebte Geschichte, sagt er – aber das ­behauptet einer, der auch schon behauptet hat, dass er fünf Jahre in den Bergen gewohnt und sich nur von Reis ernährt habe.

Dagobert dichtet Sachen wie: «Ich wünsch mir so sehr, du wärst hinter mir her.» Oder: «Die Wärme deiner heissglühenden Sinnlichkeit half mir durch die kalte, dunkle Winterzeit.» Noch ein Beispiel: «Wenn wir nicht zueinanderfinden, muss jemand die Welt neu erfinden.»

Dazu schrummelt mal leise eine Gitarre, dann wummert ein feiner Synthie-Beat, und einmal erinnert der Aargauer, der heute im Berliner Exil lebt, sogar an den Österreicher Falco.

Musikalisch ist Lukas Jäger, wie Dagobert bürgerlich heisst, poppiger geworden. Schlageresk sind vor allem seine Texte. Dabei zeichnet ihn aus, dass ihm Filter abgehen. Was anderen Musikern zu kitschig, zu pathetisch oder schlicht zu schlicht wäre, singt Dagobert einfach. «Uhhhhh – Gib deinen Körper her. Uhhhhhh – Wir brauchen sonst gar nix mehr. Denn wir haben uns. Ich küsse deinen Erdbeermund, bis runter zu den Zehen. Was wird mit uns geschehen?», haucht er.

Den Literaturnobelpreis wird er dafür kaum gewinnen, aber Dagobert will die Menschen direkt erreichen und keine lyrischen Umwege gehen. Dabei entsteht vieles, was man im Kern als etwas naiv beschreiben könnte, aber genau so entstehen auch kleine Perlen wie: «All die Probleme entstehen, weil Menschen sich niemals zufrieden geben.»

Dagobert, von der NZZ zu einem der stilvollsten Schweizer Männer gekürt, habe die «Ironie überwunden», schrieb eine ­Zeitung. Das trifft es. Auf Dauer wirkt Ironie ermüdend. Dagobert gibt aber jedem seiner Sätze die notwendige Ernsthaftigkeit mit auf den Weg. «Ich teile mit dir ­alles, was geht, mein ganzes Erlebnispaket», trällert er. Und wieder wippt man komischerweise mit, wieder schunkelt man mit, wieder gefällt es. Vielleicht ist Schlager – wenn er von einem wie Dagobert kommt – gar nicht schlimm.

Dagobert: Welt ohne Zeit (Limmat­records). Live: 15. März Hirschen­eck, Basel, 16. März M4Music – Moods, Zürich.

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