Theaterpremiere «Spekulanten» in St.Gallen: «Ich kriege keine Luft mehr»

Der Theaterautor Philippe Heule macht in seinem Stück das Rheintal zur zartbitteren Revue. Ein Open-Air-Vergnügen – schrill und dezent. Es ist Volkstheater im besten Sinne: pointiert und lebensnah.

Hansruedi Kugler
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Rührend und komisch: Hansjürg Müller und Kay Kysela als Judiths Ehemann und Liebhaber. (Bild: Tine Edel)

Rührend und komisch: Hansjürg Müller und Kay Kysela als Judiths Ehemann und Liebhaber. (Bild: Tine Edel)

Auch wenn man die Rheintaler gerne mit Klischees plagt: Raue Sprache, derbe Fasnacht, Hitzköpfe wegen des Föhns, politisch weiter rechts als der Rest des Landes. Die betrunkene Fasnächtlerin Emma rührt einem dennoch: «Wenn ich woanders einen Witz mache, dann schauen mich die Leute nur dumm an. Sie verstehen mich einfach nicht.» Anna hängt verzweifelt an ihrem Rheintal. Betrunken lallt sie im Fasnachtskostüm zu «Spiel mir das Lied vom Tod», mit schrillen, körperlangen Glitzerfäden behängt.

Anna Blumer, Kay Kysela und Marcus Schäfer. (Bild: Tine Edel)

Anna Blumer, Kay Kysela und Marcus Schäfer. (Bild: Tine Edel)

Hansjürg Müller, Birgit Bücker (Bild: Tine Edel)

Hansjürg Müller, Birgit Bücker (Bild: Tine Edel)

Damit hat man ein zentrales Element dieser vergnüglichen Revue benannt: Theaterautor Philippe Heule, der in seinem Stück «Spekulanten» auch Regie führt, stellt seine Antihelden als schrille Comicfiguren aus, die einem aber alle schnell ans Herz wachsen – weil sie rührend-menschliche Schwächen und Verzweiflungsanfälle haben: die aufbrausende Oma, die sich über die Betonierung ihrer Heimat zuerst in Rage redet und sich danach in den Tod ärgert; die manipulative, überhebliche Motivationstrainerin, die zu Hause mit ihrem Drill als Erzieherin kläglich scheitert; die hysterischen Erbschleicher, die sich um den Fernseher der Grosseltern raufen; die marionettenhaften Bauarbeiter mit roten Plastikeimern über dem Kopf mit ihren dummen Sprüchen (etwa: die Dreckluft komme aus Afrika, wo sie Pneus verbrennen).

Derbe Komik und zartes Seelendrama

Hier spannt das Theater seine Figuren zwischen Deppentum und rührend Gescheiterten auf – da hat es gleichermassen Platz für derbe Komik und zartes Seelenporträt. Etwa, wenn die Figuren aus ihren Wohnzimmern durch die Fenster schauen und dabei ihre Fassade bröckelt, die sie sich gezimmert haben. Dann hat man ein subtiles Kammerspiel-Drama vor sich, wie man es sonst von Yasmina Reza kennt. In Heules Stück röchelt die unterwürfige Emma auf Pflichtbesuch bei der Chefin: «Ich kriege keine Luft mehr.»

Birgit Bücker, Marcus Schäfer (Bild: Tine Edel)

Birgit Bücker, Marcus Schäfer (Bild: Tine Edel)

Dann wechselt er sofort den Ton von subtil zu derb: Ehebruch in Leopardenleggins mit dem Handwerker. Das Vogelgezwitscher aus den Lautsprechern des Theatercontainers zu Beginn des Abends versteht man deshalb als ironischen Kommentar. Denn Philippe Heule hat in seinen zehn Szenen kein Provinztheater über das Rheintal geschrieben, keinen Schwank, in welchem er sich über seine Heimat lustig machen würde, sondern eine Satire und ein ironisches Volkstheater, in dem sich das Lachen aus der Tragödie des Alltags ergibt. Kaum haucht die Oma das Leben aus, knattern die Presslufthämmer los.

Open-Air-Vergnügen auf Plastikstühlen

Der Theatercontainer, mobiler Experimentierraum von Intendant Jonas Knecht, wird hier mit seiner verglasten Front bestechend ausgespielt: Rollos gehen hoch und runter, die Figuren sind mal Voyeure, die ihre Nachbarn beobachten, mal reflektieren sie das Ausgestelltsein im Schaukasten – Sinnbild von Verlorenheit und Verletzlichkeit. Das Publikum schaut ihnen auf Plastikstühlen sitzend open-air zu. Das lockert die Stimmung im Publikum, und das nahe Quietschen der Züge gibt der Inszenierung einen rauen Charme realer Umwelt. Bei Regenwetter ist eine Pelerine empfehlenswert.

Eineinhalb Stunden, zehn Szenen, fünf Schauspieler (Birgit Bücker, Anna Blumer, Hansjürg Müller, Marcus Schäfer und Kay Kysela), die je in fünf Rollen schlüpfen: Ein grosses Vergnügen. Philippe Heules Episoden stehen zwar selbstständig als abgeschlossene Szenen, sind aber geschickt und dezent miteinander verbunden. Man mag über die überraschungsfreien Auflösungen einzelner Szenen leicht enttäuscht sein. Etwa bei der Rekonstruktion eines Familienmordes – Tätermotiv gekränkte Ehre. Aber die lockere Dramaturgie, die schrille Kostümierung und die pointierten Dialoge fügen sich zu einem sehr unterhaltsamen Mentalitätsbild nicht nur des Rheintals.

Hinweis bis 18.9., Lokremise St. Gallen, danach Tournee von Rorschach durchs Rheintal bis Chur.