«Ich kann keine Schönwetter-Songs schreiben»: Neue melancholische Lieder von Yes I'm Very Tired Now aus St.Gallen

Der Spassgesellschaft ist das Feiern vorerst vergangen. In Zeiten von Corona braucht es musikalische Alternativen. Das neue Album «100 Years» des St.Galler Musikers Marc Frischknecht alias Yes I'm Very Tired Now ist so eine Alternative.

Roger Berhalter
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«In 100 Jahren sieht alles besser aus», sagt der St.Galler Musiker Marc Frischknecht.

«In 100 Jahren sieht alles besser aus», sagt der St.Galler Musiker Marc Frischknecht.

Bild: PD/Ladina Bischof

Sein Künstlername klingt wie ein Slogan zur aktuellen Lage. Wie ein Kommentar zur fragilen Situation zwischen Lockdown und drohender zweiter Welle. Yes I’m Very Tired Now, «Ja, ich bin jetzt sehr müde», so nennt sich der St.Galler Musiker Marc Frischknecht. Ja, viele sind des Virus überdrüssig und coronamüde, man mag es nicht mehr hören und kann es doch nicht verdrängen.

Schon immer klang Frischknechts Musik wie ein Gegenprojekt zur herrschenden Spassgesellschaft. Jetzt, da dieser Spassgesellschaft das Feiern vorerst vergangen ist, scheint eine solche musikalische Alternative dringlicher denn je.

Veröffentlichung erst jetzt statt schon im Frühling

Das neue, dritte Album «100 Years» kommt deshalb gerade richtig. Die melancholische Stimmung der Dark-Pop-Songs zieht einen in ihren Bann. «Ich werde die Melancholie nicht los», sagt Frischknecht. «Ich kann nun einmal keine Schönwetter-Songs schreiben.» Darüber singt er auch im Lied «I Tried A Summer»:

«Ich habe versucht, unbeschwert zu sein, doch es hat nicht funktioniert.»

Statt Sommerleichtigkeit nun also Coronamüdigkeit und Schwermut. Dabei sind die elf Songs keine Reaktion auf die Pandemie, sie sind schon lange vorher entstanden. Seit einem Jahr sei das Album fertig, sagt Frischknecht. Im Frühling hätte «100 Years» erscheinen sollen, doch wegen Corona hat er die Veröffentlichung verschoben.

Was soll ich tun mit der Zeit, die mir noch bleibt?

Ab 28. August ist das Album nun aber erhältlich, einen Tag später steht Frischknecht mit seiner Band in Wil wieder einmal auf der Bühne, und am 11. September wird «100 Years» in der St.Galler Grabenhalle getauft.

Von den elf Songs ist «Geronimo» vielleicht der typischste für Yes I’m Very Tired Now. Ein reduziertes Lied mit nur ein paar Gitarrentönen und Frischknechts dunkel raunender Stimme, die grosse Fragen stellt: Was bleibt, wenn ich nicht mehr da bin? Was soll ich tun mit der Zeit, die mir noch bleibt?

«100 Years» handelt von der Vergänglichkeit, immer wieder. «Die Zahl 100 ist epochal. In 100 Jahren sieht alles anders aus», sagt Frischknecht und klingt optimistisch.

Auf dem Album finden sich nicht nur intime Momente. Manche Lieder heben auch ab, beginnen zu fliegen und klingen dann fast nach Stadionpop. «From Here Till Dawn» zum Beispiel, mit 1980er-Synthesizern, langen Hallfahnen und wuchtigen Drums. Frischknecht sagt:

«Mir ist die Dramaturgie wichtig, vor allem live. Ich mag es, ein Lied grosszumachen und dann wieder zusammenbrechen zu lassen.»

Dies tut er auch in «We Are A Part Of All», einer Hymne auf jenes Gemeinschaftsgefühl, das im Widerstand entsteht.

«Ich habe eine grosse Wertschätzung für Leute, die standhaft bleiben und sich wehren», sagt der 39-Jährige mit Verweis auf die jüngsten Demonstrationen in Weissrussland und Hongkong. Will er mit seiner Musik die Welt verändern? Frischknecht winkt ab:

«Nein, so viel Macht hat Musik nicht. Sie kann aber die Leute in dem bestärken, was sie schon denken. Musik kann dir sagen: Du bist auf dem richtigen Weg.»

Wie immer stammen alle Songs aus Frischknechts Feder (mit Ausnahme des David-Bowie-­Covers «The Man Who Sold The World»). Yes I’m Very Tired Now ist sein Soloprojekt, bei dem er keine Kompromisse macht. Zunächst spielt Frischknecht alle Instrumente selber ein und macht Rohversionen seiner Songs. Später im Studio feilt er mit seinem Bassisten und Produzenten Lukas Speissegger an den Liedern, manches spielen sie neu ein.

Konzerte in Deutschland stehen auf der Kippe

Für die Konzerte wird Yes I’m Very Tired Now dann zum Quartett. Jetzt hofft Frischknecht, dass die Tour zum neuen Album auch stattfinden kann. Die zwei in Deutschland geplanten Konzerte stehen wegen Corona auf der Kippe.

Album «100 Years» ab 28. August hier erhältlich;
Live: 29. August, «SoundSofa»-Festival, Wil;
11.September., Grabenhalle, St.Gallen (Albumtaufe mit Törs);
4. Dezember, Treppenhaus, Rorschach