«Ich hoffe, dass noch alles gut wird»

Das Spiel ist, vorerst, aus, das Theater Konstanz verabschiedet sich in die Sommerpause. Wir haben bei Intendant Christoph Nix noch einmal nachgefragt – immerhin schmückte Revolutionsheld Che Guevara während der vergangenen Spielzeit die Fassade der einstigen Jesuitenschule.

Brigitte Elsner-Heller
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Der Leitspruch der kubanischen Revolution war das Motto der auslaufenden Spielzeit. (Bild: pd)

Der Leitspruch der kubanischen Revolution war das Motto der auslaufenden Spielzeit. (Bild: pd)

Die Spielzeit stand unter dem Motto «¡Hasta la victoria siempre!», dem Leitspruch der kubanischen Revolution. Es sei nie zu spät, von der Revolution zu träumen, hatten Sie dazu geäussert. Sind Sie für das Konstanzer Theater und seine Besucher denn nun tatsächlich auf der Strasse des Sieges unterwegs gewesen?

Christoph Nix: Ich suche Geschichten, denke in Bildern und hoffe immer, dass noch alles gut wird. Von der Revolution zu träumen, heisst doch erst einmal, sich an grundsätzliche Werte zu erinnern, an Geschwisterlichkeit oder Gerechtigkeit, die Liebe zum Nächsten oder zu Gott zum Beispiel, so dass neben dem belanglosen «Geblubber» in Talk-shows wenigstens das Theater noch wirkliche Inhalte produziert.

Also siegen die Inhalte?

Nix: Wer wirklich offen Inhalte verhandelt und diskutiert, spielt nicht auf Sieg, sondern will etwas bewegen oder anstossen. Mit Kuba lagen wir zeitlich genau richtig, denn kurz nachdem wir dort waren, hat Papst Franziskus den gordischen Knoten zwischen Kuba und Amerika zerschlagen, und endlich ist Frank Steinmeier nach Havanna geflogen. Dennoch: Ich glaube weder an den Sieg des Theaters über die Dummheit noch an den der Revolution über die Macht des Geldes.

Sie konnten mit ihrer Hinwendung zu Amerika auch die USA und Lateinamerika aufeinanderprallen lassen. Interessant war die zeitliche Parallele zwischen dem Kennedy-Stück «Boston Princes» und «Che – die Möglichkeit einer Revolution», Annette C. Daubners Auftragsstück. Liegt hier, besonders bei Daubner, ein «Sieg» nicht gerade in einer nüchternen Haltung?

Nix: Frau Daubner hat uns in der Tat einen nüchternen Che-Guevara-Text geschrieben. Es ist bitter, wenn Helden sterben. Was mir aber etwas gefehlt hatte, war der Bezug zu aktuellen Revolutionstheorien. Die gibt es ja, bei den Postdemokratikern zum Beispiel. Dafür erzählte «Boston Princes» Zeitgeschichte mit Blick auf das Menschliche hinter den Kulissen der Politik. Insofern wurden durch die beiden Stücke die klassischen Zuordnungen spannend vertauscht – die USA wurden auf einmal sinnlich dargestellt und die kubanischen Revolutionshelden recht nüchtern.

Neben «Boston Princes» ist vor allem die Johnny-Cash-Erzählung «It takes one to know me» als musikalische Produktion aufgefallen und beim Publikum angekommen. Geht es weiter mit dem Schwerpunkt Musiktheater?

Nix: Na klar, wir eröffnen schliesslich mit «Orpheus in der Unterwelt», also mit dem alten Anarchisten Jacques Offenbach, und danach mit «Fremd bin ich eingezogen…» gleich eine Winterreise mit Büchner und Schubert – das klingt doch toll, oder?

«Hundert Jahre Einsamkeit» und «Brokeback Mountain», zwei herausragende Stoffe, sind nicht auf die Bühne gekommen. Wieso nicht?

Nix: Tragisch. García Márquez hatte uns seinen Text noch zugesagt, und dann ist er gestorben. Die Erben sahen das anders als der Autor, sie wollten seinen Roman nicht auf der Bühne sehen, und so kam dann noch eine Absage. Ebenso bei «Brokeback Mountain». Anne Proulx hatte uns schriftlich zugesagt und ihre Zusage dann wieder zurückgezogen, nachdem sie fand, dass die Aufführung der Oper über ihre Novelle in London so schrecklich war. Auch ein persönlicher Brief der Regisseurin Anja Panse hat daran nichts mehr geändert; die schriftliche Zusage wurde zurückgezogen. Das ist ärgerlich.

Empfindliche Lücken.

Wir haben mit Isabel Allendes «Geisterhaus» und Tracy Letts «Verwanzt» spannenden Ersatz von grossem Format gefunden.

In der Vergangenheit hatten Sie die Spielzeit jeweils nach einem Motto ausgerichtet, für 2015/16 verzichteten Sie darauf. «Wir sind der Meinung, es ist wichtig, dass das Theater sich auf seine eigene Aufgabe konzentriert», schrieben Sie dazu in einem Rundbrief, in dem Sie die Besucher auf die «grossen Theaterstoffe» einschwören. Was genau verstehen Sie unter den «eigenen Aufgaben» des Theaters?

Nix: Wer meine Arbeit in Konstanz seit beinahe zehn Jahren verfolgt, wird bemerkt haben, dass ich das Haus ästhetisch erst einmal geöffnet habe. Will sagen: Filmstoffe, Romane, freie Projekte ins Programm genommen habe – und zwar immer auf der Matrix theatraler Vorgänge. Jetzt will ich wieder stärker szenisch denken, vermeintlich konservativer, den Dialog pflegen, Theatertexte auf die Bühne holen, die sonst vergessen werden.

Theater wird tendenziell wieder politischer. Wie soll es in Konstanz weitergehen – «klassisch» oder doch wieder einmal «revolutionär»?

Nix: Klassisch-revolutionär werden wir auf dem Theater die alten Fragen stellen, denn: In Gefahr und grösster Not bringt der Mittelweg den Tod.

Christoph Nix Intendant am Theater Konstanz seit der Spielzeit 2006/07 (Bild: pd)

Christoph Nix Intendant am Theater Konstanz seit der Spielzeit 2006/07 (Bild: pd)

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