Ich höre, wie du singst

Maya Olah
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SCHNEEFALL, SCHNEIEN, SCHNEEFLOCKEN, KAMIN, DACH, DAECHER, (Bild: Keystone)

SCHNEEFALL, SCHNEIEN, SCHNEEFLOCKEN, KAMIN, DACH, DAECHER, (Bild: Keystone)

Es ist kalt draussen, doch es liegt kein Schnee. Ich kann ihn riechen, er muss noch oben in den Wolken stecken. Ich ­recke den Kopf in Richtung Himmel, doch ich sehe keine Sterne. Meine Beine schlottern und deshalb renne ich los. Du kommst plötzlich von hinten angestürmt und überholst mich. Wie schnell dich deine Beine tragen können! Die ­Bommeln deiner Mütze flattern im Wind. Ich renne die Strasse bis zum Ende, strecke die Arme seitlich aus und stelle mir vor, ich sei ein Flugzeug. Manchmal kreuzt du meine Flugbahn, umkreist mich und machst dabei ­Motorengeräusche.

An der Kreuzung wende ich und schaue mich nach Mutter um. Sie steht ausserhalb des Strassenlaternenlichts, ihr grauer Mantel ist kaum zu erkennen. Doch ihr Schal ist ein roter Fleck und ich stelle mir vor, dieser sei ein Lichtsignal auf der Landebahn, und renne geradewegs darauf zu. Ich schreie, sie solle sich beeilen. «Zuerst willst du nicht gehen und jetzt kannst du es kaum erwarten, dort zu sein», schüttelt Mutter den Kopf, als ich bei ihr bin. Heute möchte sie sich nicht ärgern, sie schmunzelt sogar.

Ich mag es, wenn sie lächelt, sie tut es nicht oft. Ich überlege kurz, ob ich neben ihr hergehen soll. Doch du stehst mitten auf der unbefahrenen Strasse, ­ruderst mit beiden Armen und rufst, ich solle kommen. «Gleich!», schreie ich zurück und zu Mutter, die verdutzt schaut, sage ich schnell: «Wir warten vor der ­Kirche auf dich.» Ich sprinte wieder los und höre sie noch fragen: «Wer ist wir?» Ihre Frage hallt in meinen Ohren nach, während wir die Neigung hinabrasen. Ich habe ganz vergessen, dass sie dich gar nicht sehen kann.

 

Vor dem grossen Kirchentor stehe ich nun schon eine Weile. Ich hüpfe von einem Bein aufs andere. Du sagst: «Die Türschwelle ist ein Graben, in dem Feuer brennt», dann springst du darüber und wieder zurück. Wie hoch du deine Beine bringst, ohne viel Anlauf zu nehmen! Ich versuche es dir nachzumachen, doch ich schaffe es nicht ganz so weit. Die Leute, die hinein wollen, schütteln den Kopf. Einer grummelt: «Da hast du dir ja den passenden Platz zum Spielen ausgesucht.» Ein grosser Mann schiebt mich mit seinem Arm auf die Seite, dabei kommt mein Fuss dem Feuerschlund zu nahe. Sein Ärmel rutscht etwas nach hinten und ich sehe, seine Hände sind Pranken. Nun brennt mein Stiefel, die Flammen lecken schon am Hosenbein. «Löschen, löschen!», schreist du. Die steinernen Stufen vor der Kirche sause ich in einem Sprung hinunter und er­sticke das Feuer, indem ich meinen Schuh über den Kies des Vorplatzes ziehe. Es gibt dunkle Streifen auf dem Boden, sie sehen im Steinchenmeer aus wie die Wasserspur eines Schiffes bei Nacht.

Die Geräusche, die aus dem Bauch der Kirche kommen, sind nicht mehr zu hören. Jemand hat das Tor von innen geschlossen. Es ist plötzlich ganz dunkel und still auf dem Platz. Ich sehe mich nach dir um. Du stehst mit dem Gesicht zum Weihnachtsbaum, der in der Mitte der Fläche steht. Die riesige Tanne leuchtet prachtvoll vor sich hin. «Schau, ein Stern sitzt auf der Spitze!», rufst du und zeigst mit dem Finger auf das vergoldete Metall. Du blickst über die Schulter und sagst: «Den hol ich dir.» Dann läufst du zum Baum, greifst in die Zweige und kletterst bis zum Wipfel. Oben klemmst du den Stamm zwischen die Knie und nimmst mit beiden Händen den leuchtenden Stern. Bevor ich mich noch wundern kann, stehst du nach ein paar Griffen in die Äste wieder vor mir. Mit einem breiten Grinsen übergibst du mir den Stern. Er beleuchtet dein feines Gesicht mit der kleinen Nase und der Zahnlücke. Der glitzernde Komet liegt schwer in meinen Armen. Ich staune, wie du ihn so leicht vom Baum genommen hast. «Und was machen wir jetzt?», fragst du und trittst ein paar Kieselsteine weg. «Wo bleibt denn Mutter?», möchte ich wissen und schaue mich um. Da kommt sie ja, ich sehe ihren grauen Mantel und ihren roten Schal. Sie nickt mir zu, steigt die Treppe zur Kirche hinauf und sagt: «Lass doch den Stein draussen.» Ich ­blicke an mir herab und sehe statt des Sterns einen steinernen Brocken. Seine Kälte durchdringt den Stoff meiner ­Jackenärmel. Ich lege den Stein neben der Kirche auf den Boden.
 

Als wir eintreten, hat der Gottesdienst noch nicht begonnen. Doch auf den ­Bänken sitzen die Leute schon Schulter an Schulter und sie stehen auch in den Gängen. Wir bahnen uns der Wand entlang einen Weg durch die Menge. Plötzlich steht unsere Nachbarin Nina mit ihrem Mann vor uns. Du rollst mit den Augen, wir mögen sie nicht. Nina ver­bietet es uns, vor ihrem Haus Ball zu ­spielen. Wir seien zu laut. Wir dürfen auch nicht mit Kreide auf den Asphalt zeichnen, obwohl der Regen alles wieder wegwischt. Ihr Mann steht die ganze Zeit im Garten und schneidet die Hecken, selbst im Winter. Sagen tut er nie etwas, er blickt nur grimmig aus seinen Glubschaugen. Nina kreischt auf, als sie Mutter sieht, küsst sie mit spitzem Mund und kneift mich in die Wange.

«Wie heisst der Mann schon wieder?», flüstere ich dir zu. «Fischkopf», grinst du zurück. Als ich beobachte, wie er ­zwischen der schwafelnden Nina und Mutter steht, wird sein Kopf ganz schmal, seine Augen treten noch mehr hervor als sonst und seine Lippen ­verwandeln sich in ein Fischmaul. Ich versuche, nicht loszulachen. Auch er scheint meinen Namen vergessen zu ­haben. Mit gelangweiltem Blick schüttelt er mir stumm die Hand. Wir finden noch drei freie Plätze am Ende von zwei Bänken. Ninas Mann sagt, er wolle lieber hinten stehen, und verschwindet in die Menge. Mutter und Nina setzen sich in die Bank vor mir. Du hockst dich neben mir im Schneidersitz in die Luft und nimmst deine Kappe vom Kopf. Wir haben nur Sicht auf eine Säule. Mutter sage ich es nie, aber dir flüstere ich es ins Ohr: «Ich mag es an Heiligabend hier.» Es ist schön warm, weil alle so eng beisammensitzen, es riecht gut und überall brennen Lichter.

Die Nachbarin fragt Mutter über dich aus. Ich versuche ihr Gespräch zu übertönen und summe vor mich hin, doch ich höre es trotzdem. Mutter sagt, du müsstest noch ein Weilchen im Spital bleiben und seist immer müde. Heute bräuchtest du Ruhe, doch morgen würden wir dich besuchen gehen. Ich schaue auf die Seite, neben mir schwebt niemand mehr in der Luft. Bist du jetzt bei deinem Körper, der sich immerzu ausruhen und schonen muss? Wenn ich dich besuchen komme, sehe ich deine Venen an der Schläfe. Die Haut um deine Augen ist dunkel geworden. Morgen werde ich dir erzählen, dass du trotzdem bei mir warst. Ich werde dir verraten, was wir alles zusammen erlebt haben. Ich bin sicher, du wirst dich freuen.

Mutter schält sich aus ihrem Mantel und legt den Schal ab. Sie fasst sich ins dunkle Haar und legt es hinter ihre Schultern. Es liegt glatt vor mir. Ich würde ihr gerne über den Kopf streichen und mit den Fingern durch ihr Haar gleiten, doch ich lasse es bleiben. Ihr Haar ist schön, fast so schön wie deine roten ­Locken, die dir um die Schultern fallen.

Die Leute um mich herum sind aufgestanden und blättern im Gesangbuch. Von hinten erklingen Orgeltöne. Auch ich erhebe mich und blättere bis zum Titel Gloria. Jemand brüllt in mein rechtes Ohr. Da bist du ja wieder! Du stehst neben mir, öffnest deinen Mund absichtlich viel zu weit und schreist aus voller Kehle einen falschen Text mit. Ich frage dich nicht, wo du in der Zwischenzeit warst.
 

Während des Gottesdienstes müssen wir andauernd aufstehen und etwas­ sagen. Irgendwann wirst du ungeduldig. «Komm, lass uns nach vorne gehen und zuschauen», sagst du und nickst in ­Richtung Säule. Zusammen laufen wir zu den Stufen, auf denen der Pfarrer steht. Wir stehen an der Seite, an der ­hölzerne Tiere um eine Krippe aufgestellt sind. Nach und nach kommen Kinder auf die ­Bühne, sie führen die Weihnachts­geschichte auf.

Das Mädchen, das Maria spielt, kenne ich. Sie geht mit dir in die Klasse. Ihre Haare sind mit einem Tuch bedeckt und sie trägt ein langes Gewand. Mit einem Buben, den sie Joseph nennt, geht sie von Hütte zu Hütte. Joseph fragt, ob sie dort übernachten könnten, und das Mädchen schaut traurig. Eigentlich hättest du Maria spielen sollen. Du hast in deinem Zimmer schon die Lieder geübt und eine Puppe ganz andächtig an die Brust ­gedrückt. Ich möchte dir zum Trost die Hand halten, doch ich fasse ins Leere. Ich drehe mich nach dir um, du bist ­wieder verschwunden.

Nachdem Jesus zwischen den Holztieren auf die Welt gekommen ist und die ­Hirten und Weisen Geschenke gebracht ­haben, gehen die Kinder von der Bühne. Mit lauter Stimme fordert uns der ­Pfarrer zum Beten auf. Ich schliesse die Augen und denke an dich. Wie du jetzt in­ ­diesem weissen Bett liegen musst und schläfst. Du sollst gesund werden und wieder nach Hause kommen, wünsche ich mir. Ich male mir aus, wie es nächstes Jahr sein wird. Ich werde dann neben Mutter in einer Reihe stehen, und du vorne neben dem Pfarrer, und du wirst singen. So schön klingst du, dass alle ganz still sind. Ich werde lächeln und Mutter wird die eine Hand ans Herz halten, so wie sie es immer macht, wenn sie er­griffen ist.

Der Pfarrer segnet uns und zum Schluss singen wir noch «Stille Nacht, heilige Nacht». Ich brauche kein Buch, ich kenne das Lied aus der Schule, unser Lehrer hat es immer mit uns geübt. Manchmal haben es unsere Klassen auch gemeinsam gesungen. Dann standen wir nebeneinander um sein Klavier herum, mit dem Text in der Hand. Deine ­Stimme hat nie gezittert wie meine. Sie wechselte fest von den tiefen zu den ­hohen Tönen.

Die Messe ist zu Ende, die Leute ­stehen auf, ziehen ihre Mäntel enger und gehen in Richtung Türe. Du stehst plötzlich wieder vor mir, lächelst und sagst: «Weisst du es schon, es schneit draussen.» Du rennst an allen vorbei und ich dir nach, wir springen über die Schwelle des Tors in die kalte Luft. Und tatsächlich ­fallen dicke Flocken aus den dunklen Wolken. Wir laufen auf den Vorplatz, den Kopf im Nacken. Die weissen Flocken schmelzen auf unseren Handflächen, die wir gegen den Himmel halten, und fallen in unsere aufgerissenen Münder.

Zur Person

Die Autorin Maya Olah (1990) absolviert ein Praktikum in der Redaktion der Ostschweiz am Sonntag. Sie studiert deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Ethnologie an der Universität Zürich. Im Mai dieses Jahres gewann sie den Nachwuchs-Schreibwettbewerb Opennet der Solothurner Literaturtage. Am 6. Januar 2017 findet an der Brauerstrasse 25 in St.Gallen die Lesung eines Hörspiels von Maya Olah statt.