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«Ich hatte das Vertrauen in mich und das Leben verloren»: Wie Sängerin Stefanie Heinzmann nach einer tiefen Krise neuen Mut fasste

Stefanie Heinzmann ist vor drei Jahren in eine Sinnkrise gefallen. Sie hat alles hinterfragt und für ihr neues Album fast alles umgestellt: Nun ist sie ohne Bruder und weiblicher unterwegs.
Stefan Künzli

«Hello, it’s me again. Sorry I took so long», singt Stefanie Heinzmann und entschuldigt sich, dass sie für das neue, fünfte Album «All We Need Is Love» so lang gebraucht hat. Tatsächlich sind seit dem letzten Album, «Chance Of Rain», vier Jahre vergangen. Eine kleine Ewigkeit in diesem schnelllebigen Business, aber die Walliserin brauchte ihre Zeit. Zeit für sich, für ihre Musik, für alles.

Zum Interview erscheint sie im bequemen Alltagslook, ungeschminkt zeigt sie ihre kecken Sommersprossen, ihre Haare sind weiss gefärbt. Will sie damit die Veränderungen markieren? «Unbewusst vielleicht schon», sagt sie. Denn sie hat ihren Look in einer schwierigen Phase geändert, als sie alles und jedes in Frage stellte – vor allem sich selber.

Es sind schon elf Jahre her. Damals, im Januar 2008, gewann Stefanie Heinzmann die Casting-Show von Stefan Raab. Sie war 18 Jahre jung. Heute, im Alter von 30 Jahren, blickt sie auf eine Karriere mit anhaltendem Erfolg in Deutschland, Österreich und der Schweiz zurück. Das ist bemerkenswert, denn nur wenige Schweizer Popmusiker haben das erreicht. Und sowieso, für Casting-Gewinner ist anhaltender Erfolg alles andere als selbstverständlich. Nur die wenigsten Casting-Stars können wie die Walliserin den Anfangserfolg konservieren und konsolidieren. Respekt!

Der Auslöser

Trotzdem ist sie vor rund drei Jahren in eine Sinnkrise geraten. Heinzmann spricht von «permanentem Druck», von «Erwartungen von allen Seiten», die sie auf sich projizierte. Sie sagt:

«Ich musste immer gut aufgelegt sein, immer lächeln, immer perfekt singen und gute Songs liefern.»

Heinzmann begann zu zweifeln. Die Unsicherheit wurde immer grösser. «Ich fühlte mich nicht gut genug», sagt sie, «ich hatte das Vertrauen in mich und das Leben verloren.» Seit ihrem Durchbruch kannte Heinzmann kein Privatleben mehr. Klar, sie hat das Wallis, wo sie sich wohlfühlt. Ihr Zuhause in Eyholz, dort, wo sie aufgewachsen ist, wo ihre Familie und Freunde leben und wo sie nun in der ehemaligen Wohnung ihrer Oma wohnt. «Aber wenn ich dort war, habe ich eigentlich nur geschlafen. Koffer ausgepackt, ein kurzer Besuch bei der besten Freundin, Koffer eingepackt und wieder weg», sagt sie.

«Ich fühlte mich nicht gut genug. Ich hatte das Vertrauen in mich und das Leben verloren.»

Diese beste Freundin, zehn Jahre älter, Mutter von zwei Kindern, hat ihr die Augen geöffnet. «Was? Du musst schon wieder weg? Schon wieder neue Songs?», fragte sie, als ihre singende Freundin gerade die lange Tournee abgeschlossen hatte. Und: «Geht das jetzt immer so weiter?» Heinzmann wurde bewusst, dass sie in einem Trott, in einem ewigen Zyklus gefangen war. Album, Promo-Tour, Album-Tour, Festival-Sommer. Und alles wieder von vorne. Das löste Fragen und Zweifel aus: «Das kann es doch nicht sein? Es muss doch noch eine Stefanie neben dem Singen geben? Eine, die ihr eigenes Leben lebt?»

Das Schlimmste: Der permanente Druck hat Heinzmann verändert. «Ich fühlte mich müde und gereizt, war nur noch genervt, dünnhäutig und ungeduldig. Das hat mir Angst gemacht, denn so kenn ich mich nicht. So bin ich nicht. Ich kam zur Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann, dass etwas passieren muss». Sie nahm eine Auszeit.

Die Auszeit

Doch zunächst fiel es ihr schwer, einfach nichts zu tun. Sie erledigte die Buchhaltung, räumte ihre Wohnung auf und stellte sie um. Nach drei Monaten war sie so müde und ausgelaugt wie zuvor. Im zweiten Anlauf klappte es dann. Heinzmann:

«Ich war zu Hause und habe wirklich einfach nichts gemacht, habe keinen Ton gesungen und sogar das Natel ausgeschaltet. Spazieren, Sport treiben, lesen, aus- und entspannen. Ich habe Freunde getroffen und vor allem: viel nachgedacht.»

Sie hat alles hinterfragt: «Was bin ich für ein Mensch? Was will ich für ein Mensch sein? Mache ich wirklich das Richtige? Will ich dieses Leben? Was wäre, wenn ich mich gegen dieses Leben entscheiden würde. Wenn ich nicht mehr in der Öffentlichkeit stehen wollte?» Heinzmann konnte sich vorstellen, eine Schreinerlehre zu machen oder sich zur Hebamme ausbilden zu lassen.

Die Erlösung

Wirkliche Klarheit verschaffte aber erst eine Bandprobe nach der Auszeit. Es war die Erlösung, ein Glücksmoment, ein Aha-Erlebnis. «Plötzlich wusste ich wieder, weshalb ich überhaupt Musik mache. All meine Fragen und Zweifel lösten sich in Luft auf», sagt sie, «mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Die Bandprobe hat mir meine Lebensgeister zurückgebracht.» Heinzmann hat die Band behalten. Sonst hat sie fast alles geändert und auf den Kopf gestellt. Neues Label, neues Management. «Als erste Massnahme hat mich mein neues Management in die Ferien geschickt», sagt Heinzmann.

Vor allem der Wechsel von Bruder Claudio zu einem Hamburger Management ist ihr schwergefallen, denn Claudio war von Anfang an ihr persönlicher Manager. «Wir haben alles zusammen gemacht», sagt Heinzmann, «er hat mich immer begleitet, alle Termine und Deals aufgegleist und abgeschlossen.» Bruder Claudio war es auch, der seine Schwester damals beim Casting angemeldet hatte. «Ich wäre ja nie auf die Idee gekommen und habe auch nie gedacht, dass ich Sängerin werden würde», sagt Heinzmann, «ich bin da viel zu einfach gestrickt.». Und sie fügt an:

«Ich bin in diesem Wallis aufgewachsen und hatte nie das Bedürfnis, berühmt zu werden. Ich hatte mich auf ein gemütliches Leben eingestellt. Mit Job, Familie und meiner Band am Feierabend.»

Der Sieg bei Raab hat alles verändert. «Ich war ja völlig überfordert. Ich hatte immer Angst, Entscheidungen zu treffen. Am Freitag noch Schülerin, am Montag schon Sängerin. Man hat mich ins kalte Wasser geworfen und ich musste schwimmen lernen», sagt sie. In dieser Situation kam der ältere Bruder gerade recht.

Im Haifischbecken Musikbusiness gab er ihr Sicherheit und Vertrauen. «Ich war immer der Teamplayer», sagt sie, «hatte nie das Bedürfnis, alles selber zu machen. Claudio hat mir immer Rückendeckung gegeben und ich konnte mich hundertprozentig auf ihn verlassen. Er hat dafür gesorgt, dass ich nicht verheizt wurde, und hat nur das aufgegleist, was ich wirklich wollte. Er hat mich insofern auch geschützt.»

Die neue Stefanie Heinzmann

Im Laufe der Jahre haben sich die Geschwister in gegenseitige Abhängigkeit begeben, die jetzt, im Moment der Krise, durchbrochen werden musste. «Ich musste lernen, Eigenverantwortung zu übernehmen. Nicht nur immer meinen Bruder vorausschicken und die Entscheidung ihm überlassen. Das geht nicht auf die Dauer», sagt sie. Umgekehrt musste auch der Bruder lernen, für sich selber zu schauen. «Claudio hat seine Sachen immer zurückgestellt, weil er mir helfen wollte. Aber er kann nicht sein Leben lang nur auf die kleine Schwester aufpassen. Wir mussten uns voneinander emanzipieren.»

Stefanie Heinzmann will ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. «Ich liebe es, Musik zu machen, und werde es so lange machen, wie ich kann und Lust habe», sagt sie, «ich werde mich aber nicht verkaufen und weiss, dass ich ein Leben daneben brauche. Ich muss dafür sorgen, dass ich Pausen habe, einen Ausgleich zum Leben ‹On the Road›.» Dieses neue Selbstverständnis wird heute auch in ihrem Gesang deutlich. «Als ich mit 18 anfing, habe ich immer laut gesungen. Meine Kopfstimme war mir peinlich, zu zart, zu fragil, zu feminin. Ich hatte Probleme mit meiner Weiblichkeit und wollte die Leute mit einer kräftigen, selbstbewussten Stimme beeindrucken.»

Und Heinzmann fügt an:

«Ich musste lernen, dass meine Weiblichkeit nichts mit meiner Brust- und Hüftgrösse zu tun hat. Dass vielmehr zählt, was ich daraus mache und spüre. Ähnlich verhält es sich mit meiner Stimme: Ich musste lernen, wie reizvoll es ist, leise und fein zu singen und alle Facetten von mir zu zeigen. Sie widerspiegeln die Stimmungen des Lebens.»

Die neue Stefanie Heinzmann hat das Vertrauen in sich und das Leben wiedergefunden. «Es ist ein Privileg, dass ich singen und meine Musik mit Leuten teilen darf», sagt sie, «ihnen will ich nur Liebe und Vertrauen schenken. Vertrauen in den eigenen Weg. Egal, welchen Weg man einschlägt, die Sonne geht jeden Tag auf. Dieses Grundvertrauen habe ich wieder gefunden, und das will ich weitergeben.» «All We Need Is Love» ist deshalb mehr als ein Albumtitel, er ist auch Überzeugung, Bekenntnis und Losung. Die Liebe als bewusste Entscheidung, als Kraft und Energiequelle des Lebens.

Stefanie Heinzmann: All We Need Is Love (BMG/TBA). Erscheint am 22. März. Live: 31. 10.: Bierhübeli Bern; 2. 11.: Volkshaus Basel; 7. 11.: Casino Herisau; 8. 11.: Schüür Luzern; 24. 11.: Kaufleuten Zürich; 29. 11.: Kofmehl Solothurn.

Nun auch zerbrechlich

Im Lauf ihrer Karriere hat sich Stefanie Heinzmann stilistisch vom Soul zu Pop bewegt. «Ich bin eine Popkünstlerin mit Leidenschaft für Soul und Funk», sagt sie. Jetzt ist sie definitiv im Pop angekommen und präsentiert auf ihrem fünften Album «All We Need Is Love» Songs in den verschiedensten Facetten des Pop. International produzierte Songs, die sie mit professionellen Songschreibern in Hamburg, Stockholm und London komponiert hat. «All We Need Is Love» ist denn auch ein vielfältiges, abwechslungsreiches Album. Die grösste musikalische Neuerung betrifft aber Heinzmanns Gesang, der nicht nur strahlt und powert, sondern auch die zarte, intime und zerbrechliche Seite der Walliserin zeigt. (sk)

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