«Ich hätte das Fenster geräumt oder den Puppen etwas angezogen»: Ein Kunstwerk der St.Gallerin Anita Zimmermann provoziert

Eine Installation in der Kunstvitrine Hiltibold an der St.Galler Goliathgasse löst zahlreiche Reaktionen aus, vom Pädophilievorwurf bis zum Plädoyer für Toleranz.

Christina Genova
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Die sechs Kinderschaufensterpuppen in der Kunstvitrine erhitzen die Gemüter.

Die sechs Kinderschaufensterpuppen in der Kunstvitrine erhitzen die Gemüter.

Bild: Michel Canonica

«Fuck Popo» hat da jemand quer über die Kunstvitrine Hiltibold an der Goliathgasse gesprayt. Der Vandalenakt ist ein Kommentar zur Kunstinstallation Anita Zimmermanns, die in der Vitrine zu sehen ist. Sechs unbekleidete Schaufensterpuppen, alles Buben, kehren dem Betrachter den Rücken zu und machen sich mit Putzschwämmen am Mauerwerk zu schaffen.

Künstlerin Anita Zimmermann.

Künstlerin Anita Zimmermann.

Benjamin Manser

Die Sprayerei ist nicht die erste Reaktion auf das Kunstwerk, das seit Anfang Juli dort zu sehen ist, die Ausstellung endet am Dienstag. «Schon am zweiten Tag klebten Zettel an der Vitrine», erzählt Dany Stucki und Werner Haltiner von der benachbarten Time-Out-Bar. Es habe noch nie so viele Reaktionen auf ein Kunstwerk gegeben und alle seien durchweg negativ, sagt Haltiner. «Ich hätte das Fenster geräumt oder den Puppen etwas angezogen.» Die Leute brächten das Kunstwerk in Zusammenhang mit Pädophilie, sagt Stucki.

Anita Zimmermann, von welcher das Kunstwerk stammt und welche den Hiltibold seit vier Jahren zusammen mit der Künstlerin Marianne Rinderknecht als Kunstplattform betreibt, sagt:

«Ich hätte nicht erwartet, dass meine Installation derart provoziert. Aber ich finde es gut, dass sie eine Debatte auslöst.»

Doch die Sachbeschädigung toleriert sie nicht, sie hat deswegen Anzeige erstattet. Bei ihrem Kunstwerk geht es Zimmermann um die Verabschiedung des 20. Jahrhunderts. Die Schaufensterpuppen aus den 1950er-Jahren putzten die alten analogen Zeiten weg. Sie beobachte, dass der Digitalisierungsschub, den der Lockdown mit sich gebracht habe, ältere Menschen verunsichere.

Die Künstlerin hat zwei der angeklebten Zettel aufbewahrt: «Keiner will nackte Kinderpuppenärsche sehen», schreibt ein «besorgter Bürger St.Gallens». Darauf haben zwei junge Frauen, die mit ihrem vollen Namen zeichnen, reagiert: «Ihr Problem, und das der Gesellschaft, ist nicht die Nacktheit, sondern die Sexualisierung dahinter (...). Ihre Reaktion gehört nicht in eine Stadt, die liberal, fortschrittlich und tolerant sein möchte (...).»

Mit dem Rücken zur Kunst

Kristin Schmidt, Co-Leiterin Kulturförderung Stadt. St.Gallen.

Kristin Schmidt, Co-Leiterin Kulturförderung Stadt. St.Gallen.

Ralph Ribi

Auch bei Kristin Schmidt, Co-Leiterin Kulturförderung der Stadt St.Gallen, sind sechs bis sieben Reaktionen zu Zimmermanns Kunstwerk eingetroffen. Sie werfen ihr Kinderpornografie vor. Die Hiltibold-Vitrinen gehören der Stadt und werden mit Förderbeiträgen unterstützt. Die Kulturförderung greife bei den von ihr unterstützten Institutionen inhaltlich nicht ein, solange sie sich im legalen Bereich bewegten, sagt Schmidt. Das sei bei Zimmermanns Kunst der Fall: «Es sind unbekleidete Puppen, wie man sie bei jedem Schaufensterumbau sehen kann.» Sie könne aber nachvollziehen, dass manche Menschen sensibel reagierten. Doch für Schmidt ist klar:

«Kunst darf und muss zu Diskussionen anregen.»
Regine Rust, Geschäftsführerin Stiftung Suchthilfe.

Regine Rust, Geschäftsführerin Stiftung Suchthilfe.

Michel Canonica

Gleich gegenüber des Hiltibolds befindet sich der Katharinenhof, eine Institution der Stiftung Suchthilfe. Laut deren Geschäftsführerin Regine Rust lösten die Puppen auch dort teilweise heftige Reaktionen aus. Die androgyne Nacktheit habe bei manchen Klienten als Trigger gewirkt: «Je nachdem, welche Erfahrungen sie gemacht haben, kann man das nachvollziehen.» Rust hat sich persönlich eingeschaltet und es kam zu einem direkten Austausch zwischen ihr, den Klienten und der Künstlerin: «Das war sehr konstruktiv und hat zum gegenseitigen Verständnis beigetragen.» Mit einem Klienten, der von besonders starken Gefühlen überflutet wurde, hat sie eine einfache, aber effektive Lösung gefunden. Er setzt sich nun im Aufenthaltsraum jeweils mit dem Rücken zur Kunst hin.

Unter Pädophilieverdacht: Anita Zimmermann Kunstwerk in der Stützmauer bei St. Mangen.

Unter Pädophilieverdacht: Anita Zimmermann Kunstwerk in der Stützmauer bei St. Mangen.

Michel Canonica

Anita Zimmermann tun die negativen Reaktionen leid, sie sagt aber auch:

«Ich habe nicht das Gefühl, dass ich bei meiner Kunst etwas hätte anders machen sollen.»
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