«Ich habe zehn Minuten gelacht»

Mit seinem neuen Programm «Mediengeil» kommt der Kabarettist Michael Elsener auch in die Ostschweiz. Ein Gespräch über seine Heimat Zug und ihre Villen, über seltsame Reiseerfahrungen – und über ein Leben ohne Medien.

Annette Wirthlin
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Michael Elsener überrascht gerne. (Bild: Stefan Kaiser)

Michael Elsener überrascht gerne. (Bild: Stefan Kaiser)

Herr Elsener, Sie haben für unser Treffen eine Crêperie gewählt. Sind Sie ein Omeletten-Fan?

Michael Elsener: Oh, ja. Immer, wenn ich in eine Apfelomelette beisse, kommen Erinnerungen an damals hoch, als ich als kleiner Junge nach der Schule nach Hause kam und mich über beide Ohren freute, weil es schon von der Strasse her so fein duftete.

Als wir uns zum letztenmal zum Interview trafen, waren Sie gerade 23 und zogen von zu Hause aus. Wir sprachen von Ihren Haushalt-, Koch- und Schwiegersohn-Qualitäten. Heute sind Sie 30. Was hat sich getan in den sieben Jahren?

Elsener: Ausgezogen bin ich ja schon früher, weil ich in Florenz gelebt habe. Aber in der Zwischenzeit, hmmm, ich würde sagen, ich habe die Pubertät überstanden, und meine Locken sind ein bisschen länger geworden. Was ich gelernt habe ist, dass ich glücklicher bin, wenn ich weniger mache.

In der Sendung «Aeschbacher» sagten Sie vor ein paar Wochen, dass Sie seit neustem beim Alkoholkauf nicht mehr nach Ihrer ID gefragt werden.

Elsener: Genau. Das war, als ich aus Südamerika zurückkam und einen Caipirinha-Abend machen wollte. Sonst musste ich immer meine ID zeigen, aber diesmal wurde ich einfach durchgewinkt. Einen Moment lang war ich ziemlich irritiert. Andererseits hat es mich gefreut, denn sonst heisst es immer, ich sei noch ein halber Teenie. Kürzlich sagte sogar mein Göttimeitli zu mir: «Götti, jetzt hör emal uf, Seich mache.»

Immerhin können Sie unterdessen vollumfänglich von der Comedy leben.

Elsener: Ja, das kann ich. Es löst bei mir bisweilen richtiggehende Glücksgefühle aus, dass ich mit dem, was ich am allerliebsten mache, auch tatsächlich meinen Lebensunterhalt verdienen kann.

Wohnen Sie bereits in einem Reihenhäuschen am Zuger Villenhang?

Elsener: Nein, der Hang ist mir zu steil. Wenn ich auch noch so viel Geld hätte, das wäre es mir nicht wert, wenn ich jedesmal bis zuoberst am Hang hinaufpedalen müsste, denn ich will alles mit dem Velo machen.

In der Zuger «Galvanik» haben Sie monatlich eine eigene Late-Night-Show. Ist Talkmastersein ein heimlicher Wunschtraum von Ihnen?

Elsener: Ich verwickle einfach gerne andere Leute ins Gespräch und stelle ihnen Fragen, die sie so nicht erwarten. Dabei kommt meistens sehr Aufschlussreiches heraus. Wenn ich mich so in der Szene umsehe, gibt es den einfühlsamen Talk à la Aeschbacher, den kontroversen Talk à la Schawinski, aber was es nicht gibt, ist ein lustiger Talk. Das ist genau mein Ding.

Sie reisten diesen Frühling ein paar Monate mit dem Rucksack durch Südamerika. Wo waren Sie genau?

Elsener: Zuerst etwas längere Zeit in Buenos Aires und dann dort, wo es mich gerade hinverschlagen hat: Chile, Bolivien, Peru, Kolumbien. Manchmal hatte ich ein bestimmtes Reiseziel, aber dann kam es doch anders. Einmal kam ich abends um 9 Uhr in einer argentinischen Jugendherberge an. Da fragten mich drei Schwedinnen, ob ich am Morgen auf eine dreitägige Bergtour mitkäme. Ich sagte zuerst Nein, denn ich hatte vor, am nächsten Tag nach Salta weiterzureisen. Doch wer sagte denn, dass ich nach Salta muss? Am nächsten Morgen um 6 Uhr brach ich mit ihnen auf die Bergtour auf. Ich mag dieses Lebensgefühl, dieses Spontane. In der Schweiz ist mein Leben sehr durchgeplant.

Oft sind ja die Dinge, die schief laufen, die besten Ferienerlebnisse.

Elsener: Wie wahr. An den Busbahnhöfen konnte man jeweils aussuchen, mit welcher Busfirma man reist. Am Anfang fragte ich immer nach der zuverlässigsten. Mit der Zeit sagte ich mir: «Ach, Michi, jetzt sei doch nicht so schweizerisch» und begann, einfach die erstbeste zu nehmen. Ich kaufte am Schalter ein Ticket und wartete… eine Stunde… zwei Stunden… Als ich dann an einem anderen Schalter nachfragte, sagte man mir, dass es dieses Busunternehmen gar nicht mehr gebe. Da sagte ich: «Ich hab von denen aber eben ein Ticket gekauft.» – Sagt sie mir: «Ja, Tickets kann man schon noch kaufen.» – Etwas verkaufen, das es gar nicht gibt. Was ist denn das für eine geile Geschäftsidee? Ich habe zehn Minuten lang einfach laut gelacht.

Ihr neues Programm heisst «Mediengeil». Ist das ein persönliches Geständnis?

Elsener: Klar. Ich bin mediengeil, und ich würde sagen, wir alle sind in einem gewissen Mass mediengeil. Es löst ja schon Glücksgefühle aus, wenn das Smartphone in der Hosentasche vibriert und uns so sagt, dass wir wichtig sind.

Wie käme es heraus, wenn man Ihnen einen Monat lang den Medienkonsum verbieten würde?

Elsener: Das habe ich mir in Südamerika selbst verordnet. Abgesehen davon hatte man in der Pampa draussen eh keinen Empfang. Am Anfang war da immer das Gefühl, ich verpasse etwas. Aber dann ging das plötzlich weg. Mir fiel beispielsweise auf, wie wir normalerweise auf dem Perron nur schon wegen zwei Minuten Verspätung des Zuges das Smartphone hervorholen. Und wie viel Zeit damit flöten geht, in der man auch einfach nur warten, über sich selbst nachdenken oder mal kurz entspannen könnte.

Und solche Tatsachen nehmen Sie in Ihrer Show auf die Schippe?

Elsener: Genau. Oder die grossen Medienkonzerne, die mehr und mehr Medien unter ihrem Dach vereinen und damit die Meinungsvielfalt immer gleichförmiger machen. Oder die privaten Radiosender, wo man das Gefühl hat, dass überall der gleiche Moderator redet. Oder auch das Ausmass, in dem Google mitbestimmt, in welchem Hotel wir unsere Ferien verbringen.

Sie treten auch in Deutschland auf. Funktioniert der Humor dort gleich?

Elsener: Hochdeutsch ist einfach eine temporeichere Sprache. Es gibt eine Nummer, die ich sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland spiele. Es ist die identische Nummer, aber in Deutschland bin ich 45 Sekunden schneller damit fertig.

Apropos Kulturunterschiede: Den Song Ihrer Kunstfigur Bostic Besic, «La din Jugo use», den Sie diesen Sommer auf YouTube stellten, hat ja einigen Wirbel ausgelöst.

Elsener: Für mich war das eine spannende Medienerfahrung. Ein Lehrstück dazu, was im Sommerloch so alles aus einem Thema werden kann. Der Song war nämlich schon sechs Wochen lang auf YouTube veröffentlicht, und ich habe während dieser Zeit nur positives Feedback bekommen, etwa von Lehrern, die sagten, sie hören den Song mit ihren Schülern an. Dann kam eine Gratiszeitung und sagte: «Dieser Song provoziert», und schon kamen die Leute auf den Plan, die nebenberuflich Kommentarschreiber im Internet sind, und sonderten ein paar empörte Posts ab.

Was haben jene falsch verstanden, die sich empörten?

Elsener: Die Grundidee des Songs – welche von den allermeisten auch richtig verstanden wurde – war die folgende: Den Secondos aus Balkanländern werden von uns Schweizern bestimmte Klischees nachgesagt. Ich dachte, o. k., ich suche diese Klischees bei den Schweizern und drehe den Spiess um. Damit wollte ich zeigen, dass wir eigentlich viel ähnlicher sind, als wir denken.

Viele Comedians sagen, erfolgreich könne nur sein, wer auch Kritiker habe. Aber will man nicht doch von allen gemocht werden?

Elsener: Wenn ich merke, dass viele Menschen den gleichen Humor haben wie ich und deshalb in meine Vorstellung kommen, freut mich das. Das heisst aber nicht, dass ich das Bedürfnis habe, allen zu gefallen. Wenn ich allen gefallen würde, wär's irgendwie nichts. Ich mache einfach ein Humorangebot. Das ist das Schöne am Kabarettisten: Das Publikum sucht einen aus, nicht umgekehrt.