«Ich habe wie ein Tier reagiert»

Die Berner Singer-Songwriterin Sophie Hunger (32) über ihr starkes neues Album «Supermoon», den Umzug nach Berlin, ihre animalischen Gefühle und das Duett mit Ex-Fussballstar Eric Cantona.

Reinold Hönle
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Sophie Hunger: Musik zu machen, ist für mich eine natürliche Tätigkeit. (Bild: pd)

Sophie Hunger: Musik zu machen, ist für mich eine natürliche Tätigkeit. (Bild: pd)

Ihr Album heisst «Supermoon». Was für eine Beziehung haben Sie zum Mond?

Sophie Hunger: Der Mond war mir immer egal, bis ich herausfand, dass er vermutlich ein Teil der Erde ist.

Können Sie das ausführen?

Hunger: Eine Theorie besagt, dass bei einem Meteoriteneinschlag ein Teil der Erdmasse ins All geschleudert wurde. Daraus entstand der Mond. Er wäre also gewissermassen etwas, das der Erde verloren gegangen ist. Das ist eine ganz schöne Geschichte.

Sie haben einige der Songs in Kalifornien aufgenommen. Brauchen Sie Abstand von der Heimat für Ihre Kreativität?

Hunger: Vielleicht. In Kalifornien wohnen nur Fremde. Niemand lebt dort mehr als drei Generationen. Wenn man selber fremd ist, trägt eine solche Gesellschaft zum Freiheitsgefühl bei. Dazu kommt, dass die Natur dort so gross und weit ist, dass du keine Spuren hinterlässt. Ich hatte immer das Gefühl, da müsste nur eine Windböe kommen und das bisschen Zivilisation wäre weg!

Sie wirken zurückhaltend. Brauchen Sie Musik, um eine gewisse Scheu überwinden zu können?

Hunger: Ich bin im Alltag eher ruhig und schaue lieber zu, wie jemand anderes den Part des Leaders übernimmt. Ich mag das, wenn man essen geht und einer ist da, der den Affen macht. Ich kann dabei entspannen.

Und Ihre Kräfte für die grosse Bühne sammeln?

Hunger: Ja, ich bin privat eher auf standby. Die Musik löst immer viel mehr in mir aus. Während dem Spielen kommen ganz extreme Emotionen auf. Das Adrenalin schiesst ins Blut und das Herz klopft. Als wäre ich ein Tier im Wald, das im Überlebenskampf all seine Energiereserven anzapft und dann erschöpft ist.

Ist die Single «Love Is Not The Answer» Ihre Antwort auf Lobpreisungen der Liebe in der Popmusik?

Hunger: Der Song ist vor allem eine Reaktion auf die überbordende Liebe, die überall stecken soll. In Büchern, Filmen und Popsongs wird so getan, als wären wir uns total einig, was Liebe ist. Dabei finden Sie nicht zwei Leute, die dasselbe darunter verstehen. Es hat etwas Dümmliches, zu behaupten, dass Liebe die Antwort auf alle Fragen ist. Leider nein! Die meisten Fragen kann man damit nicht beantworten. Und dieses Lied ist mein kleiner Rachefeldzug...

Gegen wen?

Hunger: Zum Beispiel gegen Väter, die sagen, sie lieben ihre Kinder über alles, aber nie zu Hause sind, nie kochen und nicht erziehen. Dann lieber keine Liebe, aber verantwortungsbewusst handeln!

Aber Sie haben Ihr Herz in die Hand genommen und Ihren Traum, eine Künstlerin zu werden, verwirklicht.

Hunger: Wow, das sind grosse Worte. Ich weiss nicht, warum ich Künstlerin geworden bin... vermutlich, weil ich das am besten konnte. Die anderen Sachen konnte ich alle nicht so gut.

Sie haben das Singen und Songschreiben nie als Herausforderung gesehen?

Hunger: Ich hatte immer ein ganz tiefes Vertrauen in mich und habe nie ernsthaft bezweifelt, dass ich eines Tages davon leben kann. Musik machen ist für mich eine natürliche Tätigkeit.

Weshalb sind Sie vor einigen Monaten nach Berlin gezogen?

Hunger: Das Haus, in dem ich gewohnt habe, wurde verkauft. Mir war schnell klar, dass es in Zürich schwierig würde, Ersatz zu finden, da ich viele Instrumente besitze und daheim arbeiten können muss. Als im selben Monat befreundete Musiker aus Kanada und England nach Berlin gezogen sind, sagte ich mir: Die Zeit ist reif. Berlin ruft!

Ist das wortspielerische «Die ganze Welt» von der Stadt beeinflusst?

Hunger: Nein, es ist schon vorher entstanden. Ich wollte ein Lied über eine Obsession machen, jemanden, der in allem nur noch die andere Person sieht und sich selbst dabei verliert. Dabei habe ich über den Beat von Schlagzeuger Alberto Malo improvisiert. Es kamen sehr reduzierte, scharfe deutsche Sätze heraus. Es hat mir Spass gemacht, komplizierte Worte zu singen, die so steinig wie «Terpentin» in der Landschaft liegen. So was singt man sonst nie!

Warum singen Sie «La chanson d'Hélène», im Original ein Filmduett von Romy Schneider und Michel Piccoli, mit Fussballer Eric Cantona?

Hunger: Ich habe überlegt, wer Piccolis Worte zärtlich sagen könnte, ohne dass sie pathetisch klingen, selbstbewusst, aber nicht machomässig. Der einzige, der mir einfiel, war Eric Cantona.

Woher kennen Sie Cantona, den Fussballer, Schauspieler, Autoren, Regisseur, Produzenten?

Hunger: Er hatte Songs von mir in Filmen verwendet und mich nach der Premiere eines Theaterstücks in Lausanne zum Essen eingeladen. Ich habe mit meinem Bruder sehr viel Fussball geschaut. Wir haben ihn verehrt, weil er so krasse Sachen machte.

Sie hatten früher selbst auch den Ruf, ein «Enfant terrible» zu sein...

Hunger: Als junge Musikerin war mein Reflex einfach, dass ich mich mit den Medien nicht anfreunden sollte, um mir Unabhängigkeit zu bewahren und der Gesellschaft eine Alternative bieten zu können. So bewusst machte ich das damals jedoch nicht. Ich habe eher wie ein Tier reagiert, dem man zu nahe kam.

Sophie Hunger: «Supermoon» Universal Music, ab 24. April im Handel. Live: 17. Mai Zürich X-tra, 10.7. Montreux Jazz Festival, 18.7. 31.7. Lustenau Szene Open Air.