Eurovision Song Contest
Gjon zum Doppeladler: «‹20 Minuten› hat mir nicht mal gratuliert – das ist respektlos und inkompetent»

Der Schweizer Sänger ist enttäuscht darüber, dass man aus seiner Dankesgeste einen Skandal machen will: «Ich bin Sänger, keine politische Person.»

Stefan Künzli
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Gjon Muharremaj, alias Gjon's Tears, gibt Interviews bei der Ankunft am Flughafen Zürich.

Gjon Muharremaj, alias Gjon's Tears, gibt Interviews bei der Ankunft am Flughafen Zürich.

Alexandra Wey / KEYSTONE

Herzliche Gratulation. Wie fühlen Sie sich zwei Tage nach dem Finale?

Gjon’s Tears: Ich bin sehr, sehr glücklich. Es war die verrückteste Erfahrung, die ich je erlebte, und kann es immer noch nicht ganz fassen.

Sie waren ganz nah am Sieg. Sind Sie vielleicht doch etwas enttäuscht, dass Sie noch auf der Ziellinie überholt wurden?

Überhaupt nicht. Ich habe fast zwei Jahre auf dieses Erlebnis gewartet. Ich hatte die perfekten Bedingungen, um es zu feiern. Meine Eltern waren im Publikum, ich hatte das beste Team um mich.

Konnten Sie Ihren Auftritt geniessen?

Definitiv. Ich habe noch nie eine Performance so geniessen können, wie jene im Finale. Ich hatte das Gefühl, den schönsten Tag in meinem Leben zu erleben. Ich bin ja ein Perfektionist und bin sonst nie ganz zufrieden mit mir. Aber im Finalauftritt war ich einfach nur glücklich.

Ihr Finalauftritt war grossartig, aber ich hatte das Gefühl, dass Ihr Halbfinale noch besser war?

Das mag Ihr Eindruck sein. Meiner ist ganz anders. Ich hatte im Halbfinale technische Probleme, hatte dauernd Angst, von der Bühne zu fallen. Ich habe mich einfach darauf konzentriert, alles richtig abzuspulen, damit die Jury meine Unsicherheiten nicht bemerkt. Auch danach war ich von mir und meinem Auftritt nicht voll überzeugt. Trotzdem hat mich die Jury auf den ersten Platz gesetzt. Mein Gefühl war im Finale viel besser und meine Energie grösser.

Wie geht es mit Ihnen jetzt weiter?

Ich will Musik machen und ein Album produzieren, das spätestens in einem Jahr erscheinen soll.

Nach dem Albanien-Voting haben Sie das Zeichen des Doppeladlers gemacht. Was wollten Sie damit ausdrücken?

Albanien hat mir zwölf Punkte gegeben, meine Single war auf Platz 1 der albanischen Hitparade ohne jegliche Promotion. Die Albaner haben mich immer unterstützt und sind stolz auf mich. Es war eine Geste, um Danke zu sagen. Das ist eine albanische Tradition.

Sie kennen die Diskussion, die der Doppeladler im Schweizer Fussballteam ausgelöst hat. Hatten Sie negative Reaktionen?

Nein, ich kannte die Debatte nicht. Mich interessieren Musik, Film und Kunst, Fussball lässt mich ziemlich kalt. Erst als «20 Minuten» das Thema aufgriff, habe ich von dieser Kontroverse erfahren. «20 Minuten» hat mir nicht mal gratuliert. Es war die erste Frage, die sie mir gestellt haben. Das ist respektlos und inkompetent. Ich bin Schweizer und habe die Schweiz am ESC mit voller Überzeugung vertreten. Als Kind von Immigranten war es nicht immer leicht, aber ich habe hier eine grossartige Ausbildung erhalten und habe meinen Platz gefunden. Wenn das jemandem nicht passt, dann ist das nicht mein Problem. Es macht mich aber schon etwas traurig, dass gewisse Medien daraus einen Skandal machen wollen. Ich bin Sänger, keine politische Person und habe auch kein Problem mit Serbien.

Welche Werte sind Ihnen besonders wichtig?

In meinem Leben und auf der Bühne möchte ich Aufrichtigkeit und Unschuld unterstützen. Unschuld bedeutet für mich, Offenheit gegenüber Neuem. Ich möchte diese glänzenden Augen, diese kindliche Neugierde bewahren, wenn ich etwas Neues lerne und erfahre.

Was ist Ihr Traum?

Zuerst möchte ich ein Album machen, das mich wirklich repräsentiert. Ich habe aber auch einen verrückten Traum: Ich möchte in einem Film oder im Theater spielen.

Neben Ihrem eigenen Song, welches war Ihr Lieblingslied im Finale?

Ich hätte auf Litauen gewettet. Ihre Show hat mich beeindruckt. Aber ich mochte die Ukraine am meisten. Das Lied war anders als alles andere. Dabei hat die Sängerin einfach versucht, sich selbst zu sein. Ich habe für sie gevotet.

Wie halten Sie es mit dem Siegersong?

Mir gefällt, dass die Band gar keinen Eurovision-Song machen wollte und es trotzdem gepackt hat. Die Italiener haben den Sieg verdient.