Interview
«Ich habe gerade die beste Zeit meines Lebens» schwärmt Gary Barlow von Take That

Gary Barlow, der Chefsongschreiber von Take That, realisiert mit «Music Played By Humans» ein süffiges Soloprojekt. Für die gute Laune. Und ja, er tanzt auch. Gut, findet er.

Steffen Rüth
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Gary Barlow: «Ich wollte was richtig Grosses.»

Gary Barlow: «Ich wollte was richtig Grosses.»

Universal Music

Was ist mit dem denn los? Gary Barlow ist geradezu unverschämt gut drauf, als wir mit ihm zum Videointerview in seinem Heimstudio verabredet sind. Aber nicht nur die Laune des fast 50-jährigen Take-That-Chefsongschreibers ist prächtig und ungestüm, sein neues Solo-Album «Music Played By Humans», das erste seit 7 Jahren, ist es auch. Mit zahlreichen ­Gästen wie Michael Bublé oder Chilly Gonzales sowie einem 60-köpfigen Orchester fährt Barlow so richtig gross auf. In «Who’s Driving This Thing» entdeckt er den Rock’n’Roller in sich, «Before We Get Too Old» bietet die Art von derbem Witz, die man sonst bei seinem Bandkumpel Robbie Williams findet, und «Supernatural» wildert im Gehege Ricky Martins.

«Music Played By Humans» ist ein extrem gutgelauntes und rasant klingendes Album. Aufgenommen haben Sie es – im Februar – in den Londoner Abbey Road Studios zusammen mit einem 60-köpfigen Orchester und einer Big Band. Was hat Sie dabei geritten?

Gary Barlow: Ich bin kein cooler Kerl, aber ich wollte unbedingt ein cooles Album machen. Mein Ziel war es, Songs aufzunehmen wie meine grossen Helden, wie Dean Martin, Frank Sinatra und Barry Manilow.

Wie viel Spass hat die Arbeit an den Songs gemacht?

Unbeschreiblich viel Spass. Die Idee hatte ich 2019 kurz vor dem Ende unserer «Odyssey»-Tour mit Take That, auf der wir unsere grössten Hits spielten. Ich dachte, wäre es nicht fantastisch, mal so richtig gross aufzufahren. Wir hatten Glück, dass wir die Aufnahmen beenden konnten. Gleichzeitig mit sechzig Musikern im Studio zu sein, das hört sich heute so an wie ein Ding aus einer anderen Welt.

Was ist für Sie das Besondere an «Music Played By Humans»?

Ich singe Latin! Und Rock’n’Roll. Es ist das extrovertierteste Album meiner Karriere. Wenn du seit dreissig Jahren Musik machst, ist es gar nicht so einfach, dir noch was einfallen zu lassen, was frisch ist und wozu du auch selber Lust hast. Aber diese Idee hat mich vom ersten Moment an elektrisiert. Ein bisschen altmodisch, ein bisschen sexy, mit sehr viel Humor, irgendwie zeitlos, so habe ich mich selbst in diesem Projekt gesehen. Es ist eine Herausforderung (lacht).

Warum?

Weil ich keiner dieser geborenen Showmen bin. Ich fühle mich wohl auf der Bühne, aber als Boss von sechzig Musikern im Rücken? Da brauchst du richtig viel Charisma und auch Mut. Für die Live-Shows nächstes Jahr werde ich meinen Rücken gewaltig strecken und in diese verdammt grossen Schuhe hineinsteigen müssen.

Sie haben eine Tournee für Juni 2021 angekündigt. Das zeugt ja schon mal von Mut.

Ich bin ein schrecklicher Optimist. Und ganz offen gesprochen, ich bin es so leid mit diesem Virus. Mir wird allmählich echt langweilig. Wenn das klappt mit den Shows, hoffe ich, so viele Musiker wie nur möglich mit auf die Bühne zu bringen. Die haben alle nichts zu tun, verdienen auch nichts. Das halten die nicht mehr lange durch.

Was ist «Music Played By Humans» eigentlich? Ein Swing-Album? Ein Big-Band- oder Orchester-Album?

Nichts von alledem. Das führt die Leute aufs Glatteis. Bei Orchester denken alle an «Piano, Streicher und Balladen», und liegen damit krass falsch. Für mich ist das hier: Ein Album voller Menschen.

Lustig ist es auch. In «Bad Libran» behaupten Sie, ein Typ wie Sie würde ohne die Hilfe von Online-Portalen niemals die Liebe finden.

Was ist daran lustig? (lacht) Ich sage in dem Song: Heute wäre das so. Heute stände ein schüchterner Vogel wie ich auf verlorenem Posten. Aber ich kenne meine Frau zum Glück schon seit 25 Jahren – länger, als es das Internet überhaupt gibt.

Die erste Single, das Salsa-artige „Elita“, ist eine Zusammenarbeit mit Michael Bublé sowie dem kolumbianischen Sänger Sebastián Yatra. Kennen Sie den Kollegen Bublé schon lange?

Wir sind uns bei TV-Shows und dergleichen immer wieder über den Weg gelaufen und in Kontakt geblieben. Ein absolut grossartiger Kerl. Ich dachte, wenn jemand weiss, wie es ist, im Zentrum eines Orchesters zu stehen, dann ist das Michael.

Im Video seid ihr am Tanzen, jeder für sich zu Hause. Können Sie mit den beiden mithalten?

Mithalten? Ich bin der begabteste Tänzer von allen, ein echtes Naturtalent (lacht). Im Ernst: Michael hat seine Tanzeinlage zuerst aufgenommen, ich habe mir seine Schritte einfach angeguckt und nachgemacht.

«Before We Get Too Old» hat einen sehr ironischen, fast schon sarkastischen Text. So locker und entspannt kannte man Sie bisher nicht.

Ich habe gerade die beste Zeit meines Lebens. Ich bin seit 1990 in Take That, wir hatten Erfolge, die kannst du dir nicht erträumen, ich bin ein glücklicher Ehemann und Vater von drei Kindern und einem Hund. Mehr geht nicht. Und deshalb kann ich mir erlauben, lässig zu sein, sehr positive und sehr helle Musik zu machen.

Freuen Sie sich auf Ihren 50. Geburtstag im Januar?

Ich hatte mich sogar sehr gefreut. Bis der Coronawahnsinn begann. Ich habe das London Palladium im West End gebucht, ich wollte ein bisschen auftreten und mit 2000 lieben Menschen feiern. Das kann ich jetzt knicken.

Wie sehen die Pläne mit Take That aus?

Die Band ruht im Moment. Wir waren 13 oder 14 Jahre in einer dauernden Mühle aus Alben und Tourneen, jetzt kümmert sich mal jeder um seinen eigenen Kram. 2023 könnte das Jahr sein, in dem wir wieder was machen. Auch, weil dann hoffentlich der Musical-Film «Greatest Days» rauskommt. Eine Tournee mit dem Film im Rücken wäre eine sinnvolle Sache.

«Music Played By Humans» ab 27. November