«Ich habe Angst, zur Arbeit zu gehen»: Theater St.Gallen in der Coronakrise – Abstandhalten bei der Arbeit ist ein Problem

Mitarbeitende und Theaterdirektor Werner Signer sind sich nicht einig, ob an allen Arbeitsplätzen «Social Distance» möglich ist. Am Mittwoch wird entschieden, ob in der Verwaltung und in den technischen Abteilungen weitergearbeitet wird.

Christina Genova
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Beengte Platzverhältnisse: Die Damenschneiderei des Theaters St.Gallen.

Beengte Platzverhältnisse: Die Damenschneiderei des Theaters St.Gallen.

Bild: Benjamin Manser

«Ich habe Angst, zur Arbeit zu gehen», sagt eine Mitarbeiterin des Theaters St.Gallen, die anonym bleiben möchte. Zwar ruht im grössten Kulturbetrieb der Ostschweiz seit Freitag, dem 13. März, wegen der Coronakrise der gesamte Probenbetrieb. Doch im Hintergrund, in den Werkstätten, der Schneiderei, der Schreinerei oder im Malsaal wird weitergearbeitet.

«Weiterarbeiten wie bisher, wurde uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschieden. Wir waren alle ziemlich perplex», sagt die Angestellte, deren Name der Redaktion bekannt ist. Sie liebe ihre Arbeit, aber in ihrem Bereich sei es nicht möglich, Abstand zu halten: «Ich finde es verantwortungslos, weiterzuarbeiten.» Alle Kolleginnen und Kollegen in ihrer Abteilung seien sich diesbezüglich einig. Es gäbe zudem momentan nichts Wichtiges zu tun, da alle Vorstellungen bis im Mai ausgesetzt seien.

Die Gesundheit der Mitarbeitenden als höchstes Gut

Werner Signer, geschäftsführender Direktor des Theaters St.Gallen.

Werner Signer, geschäftsführender Direktor des Theaters St.Gallen.

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

Werner Signer, geschäftsführender Direktor des Theaters St.Gallen, schätzt die Arbeitssituation anders ein: «Im Theater St.Gallen gibt es keine Orte, wo man zu nahe aufeinander arbeitet.» Da nicht alle Räumlichkeiten belegt seien, sei es durch Verschiebung von Arbeitsplätzen möglich, den Abstand einzuhalten. «Die Gesundheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist das höchste Gut.»

An einer Sitzung vergangenen Donnerstag, an welcher Signer, der technische Leiter Georges Hanimann und die Personalvertreter der Gewerkschaft Unia, Stephan Otremba und Peter König, teilnahmen, wurde einstimmig beschlossen, dass der Betrieb in den Werkstätten aufrechterhalten werden kann.

Otremba, der am Theater St.Gallen als Techniker arbeitet, erachtet die damalige Entscheidung aus heutiger Sicht als falsch. Momentan ändere sich die Lage in der Coronakrise täglich, alles sei unglaublich dynamisch. Die Situation sei für alle enorm belastend gewesen. Bereits am Donnerstagnachmittag habe er gesehen, dass sich die Abstandsregeln nicht einhalten liessen. Der 36-Jährige sagt:

«Im Nachhinein hätten wir vor der Entscheidung genauer abklären sollen, ob unter diesen Umständen die Arbeit am Theater noch möglich ist.»

Otremba sagt, dass er und seine Kollegen sich die ganze letzte Woche nicht an die Abstandsvorgaben hätten halten können: «Ich arbeite zurzeit nur mit Maske: Einerseits wegen des Staubs, andererseits, weil es nicht möglich ist, die Distanzen einzuhalten.» In der Bühnentechnik, wenn sie schwere Sachen heben müssten, kämen sie sich näher als zwei Meter.

«Social Distance» ist in der Schreinerei des Theaters St.Gallen schwierig.

«Social Distance» ist in der Schreinerei des Theaters St.Gallen schwierig.

(Bild: Michel Canonica)

Dramatischer Appell an den Theaterdirektor

Weil zahlreiche Kolleginnen und Kollegen mit ihren Bedenken und Ängsten an ihn gelangten, entschloss sich Otremba am Wochenende zusammen mit dem Beleuchtungsmeister Andreas Enzler, im Namen aller einen Brief an Werner Signer zu verfassen. Es ist ein dramatischer Appell:

«Wir sind in einer sehr schwierigen Zeit. Jeder Freund muss als potenzieller ‹Feind› angesehen werden. (...) Die Verwaltungsangestellten und technischen Abteilungen sind aber noch bei der Arbeit. Viele Tätigkeiten sind aber mit dem Mindestabstand von 2 Metern leider nicht machbar. Die MitarbeiterInnen gefährden sich und andere durch den mangelnden Abstand und durch das Berühren von Kontaktflächen im ganzen Haus. (...) Wenn wir zwei Wochen nicht zur Arbeit kommen, bricht die Welt nicht zusammen. Wenn die Ansteckungskurve wieder sinkt und wir die Arbeit wieder aufnehmen, können wir alles wieder aufholen. Wir möchten keine Freunde, Kollegen, ‹Familienmitglieder› sterben sehen und dafür sagen können, unser Keller sei aufgeräumt.»

Aufgrund dieses Schreibens kam es am Dienstag zu einem Gespräch mit Werner Signer: «Bei diesem Treffen hat er die Ängste von uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ernst genommen», sagt Otremba.

Werner Signers Beurteilung der Lage hat sich diese Woche zumindest teilweise verändert. Er sagt, dass sich in Rücksprache mit den Personalvertretern und den Abteilungsleitern eine neue Einschätzung ergeben habe. Der Umzug in die provisorischen Räumlichkeiten wegen des Theaterumbaus sei unter Einhaltung der Abstandsvorschriften nicht möglich: «Die Zügelarbeiten, die jetzt anstehen, verlangen ein näheres Miteinander.» Am Mittwoch wird definitiv entschieden, wie es weitergeht.

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