Cartoonmuseum Basel
Ich fühle was, was du nicht fühlst: Comiczeichner Andreas Gefe mit erster Schweizer Einzelausstellung

Das Cartoonmuseum Basel zeigt den Comiczeichner Andreas Gefe. Der Künstler legt dabei nicht den Finger auf spezifische Themen, seine Bilder erzählen keine A-bis-Z-Geschichten. Er bleibt in der Schwebe, erzeugt Stimmungen, macht auf und schaut hinaus.

Naomi Gregoris
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«Déjeuner sur l’herbe» anno 2007: Andreas Gefes «Herzrasen» erinnert an den Klassiker von Éduard Manet.

«Déjeuner sur l’herbe» anno 2007: Andreas Gefes «Herzrasen» erinnert an den Klassiker von Éduard Manet.

Ein guter Comic ist wie ein Mikroskop: Er zeigt eine kleine, von blossem Auge unsichtbare Welt. Er taucht in persönliche Geschichten ein, in Einzelschicksale, an denen man die Beschaffenheit der Welt und ihrer Bewohner ablesen kann. So hübsch hatte man sich das zurechtgelegt. Bis Andreas Gefe ins Sichtfeld trat. Plötzlich war da dieser Zeichner, dessen Bilder ein zweites Leben führten. Nicht nur das eines Mikroskops, sondern ein ganz anderes, eigenständiges.

Ein Leben wie geschaffen für eine Ausstellung. Das weiss auch Anette Gehrig, die Leiterin des Cartoonmuseums Basel. Und richtet dem 51-jährigen Schwyzer seine erste Schweizer Einzelausstellung aus. Kein ganz einfaches Unterfangen, denn Gefes Bilder leben vom Widerstand. Nicht unbedingt im politischen Sinn, eher ganz allgemein: Diese Bilder machen einfach, was sie wollen.

Also wie jetzt? Nehmen wir Gefes ersten Comicband, «Madame Lambert», den er knapp 30-jährig mit dem amerikanischen Krimiautor Jerome Charyn herausgegeben hat. Die Geschichte um einen Pariser Künstler und die verführerische Industriellengattin Madame Lambert lebt von Gefes eigensinnigen Bildern.

Das zerlebte Gesicht der Hauptfigur, von dem man nie so recht weiss, was wirklich dahintersteckt. Dichte, schwarze Striche, die über die Seiten hetzen, mindestens so angespannt wie die Protagonisten. Und die Beine der Madame Lambert – selbstbewusst lang, als könnten sie sich jederzeit die Freiheit nehmen, aus der Geschichte hinauszuspazieren.

Dasselbe beim Band «Mein Bruder Flo», den Gefe zusammen mit dem Franzosen José-Luis Bocquet gemacht hat: Zwei Adoptivbrüder mit so schmerzhaft geheimnisvollen Gesichtern, dass man trotz aufregender Story immer nur auf diese beiden Jungs starren muss.

Leichtes und Schweres

Allein diese Publikationen und die im selben Raum gehängten Illustrationen Gefes für das «NZZ Folio», den «Beobachter» oder das «Tagi-Magi» hätten bereits ein gutes Bild vom eigenwilligen Künstler gezeichnet. Aber Anette Gehrig geht noch einen Schritt weiter. Die Arbeit von Andreas Gefe beschränkt sich nämlich nicht aufs «Leichte», wie er das Zeichnen nennt. Mindestens so wichtig ist ihm «das Schwere»: Die Malerei. Und hier holt die Ausstellung weit aus.

Angefangen beim Ausstellungsplakat, das als Bild auch im Cartoonmuseum hängt: Stehender Mann, sitzende Frau. Beide dunkelhäutig. Der Mann so dunkel, dass er fast im Blau der Tapete verschwindet. Die Frau schaut gedankenverloren, freundlich. Zu ihren Füssen liegt ein Golden Retriever, neben ihr auf dem Sofa ein weisser Hase.

Das Bild fühlt sich seltsam an, unheimlich und einladend zugleich. Andreas Gefe sagt dazu: «Da ist der Magier (zeigt auf den Hasen), er hat die beiden hergezaubert. Die sind jetzt hier. Sie sind schwarz, sie sind anders, sie warten auf Auseinandersetzung. Wie meine Bilder.»

Eine Auseinandersetzung, die man diesen Werken noch so gern zollt. Besonders jenen, auf denen Gefe mehrere Menschen untereinander zeigt. Die Situationen unterscheiden sich, mal ist es ein Tanzcafé der 20er-Jahre, mal ein abgewracktes Zimmer, mal eine Küche oder ein Park, der wohlig an Manets «Déjeuner sur l’herbe» erinnert. In all den Räumen treffen Menschen aufeinander, manchmal kennen sie sich, manchmal nicht, manchmal weiss man es nicht.

Gemeinsam einsam

Was zählt, ist das, was zwischen diesen Menschen passiert. Eine Energie, die sich schwer darstellen lässt, ein Zusammenprallen von Stimmungen und Befindlichkeiten, jeder für sich und doch alle beisammen. «Ich fühle was, was du nicht fühlst», scheinen die Figuren zu sagen, «und doch fühlen wir miteinander und füreinander, als gäbe es diese Schranke nicht, das Gefangensein im Eigenen.»

Vielleicht, sagt da der Melancholiker, ist Gefe ja der zeitgenössische Edward Hopper: Chronist einsamer Lebenswelten, der die Sehnsüchte seiner Zeit in scheinbar unaufgeregten Alltagssituationen festhält. Nur sitzen Gefes Figuren nicht wie bei Hopper allein in leeren Restaurants oder Schlafzimmern, sondern sind ständig von anderen Menschen umgeben.

Sie sind es, die die Hopper-Stimmung aufkommen lassen, das Einsame erst unterstreichen. Wenn die Frau im grünen Oberteil vom l’herbe aufschaut, dann ist ihr Blick allein. Nicht trotz, sondern wegen all der Menschen, die sie umgeben.

Hier spätestens wird klar, dass Gefes Instrument nicht das Mikroskop ist, es nie war. Er legt nicht den Finger auf spezifische Themen, seine Bilder erzählen keine A-bis-Z-Geschichten. Er bleibt in der Schwebe, erzeugt Stimmungen, macht auf, schaut hinaus. Andreas Gefes Instrument ist das Teleskop.

«Andreas Gefe. Da sind wir»: 24. März–17. Juni, Cartoonmuseum Basel. www.cartoonmuseum.ch