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Neuer St.Galler Chefdirigent:
«Ich freue mich auf den Ehealltag»

Modestas Pitrenas ist seit acht Jahren in St.Gallen immer wieder präsent. Jetzt startet offiziell seine erste Saison als Leiter des Sinfonieorchesters St. Gallen. Leidenschaft und menschliche Konflikte interessieren ihn an der Musik besonders.
Interview: Martin Preisser
Als Litauer ist Dirigent Modestas Pitrenas das spezielle Gefühl der Melancholie nicht unbekannt. (Bild: Ralph Ribi)

Als Litauer ist Dirigent Modestas Pitrenas das spezielle Gefühl der Melancholie nicht unbekannt. (Bild: Ralph Ribi)

Die nächsten fünf Jahre leitet der 1974 in Litauen geborene Modestas Pitrenas das Sinfonieorchester St.Gallen. Seine Frau und die beiden Kinder wollen in einem halben Jahr nach St.Gallen ziehen.

Modestas Pitrenas, es habe gefunkt zwischen Ihnen und dem Orchester, hiess es in dieser Zeitung über Ihr Open-Air-Konzert vor drei Wochen.

Es ist wie bei einer frischen Ehe mit frischen, starken Gefühlen. Wir geniessen jetzt unsere Honeymoon-Zeit. Später kommt dann der Ehealltag, auf den ich mich ebenfalls sehr freue.

Vor einem Jahr flog Ihnen in der Tonhalle in hohem Bogen Ihre Brille ins Publikum. Man erlebte sie als Dirigent mit grossem Körpereinsatz.

Die Brille hat überlebt. Es ist mir nicht das erste Mal passiert. Aber zum Glück kann ich die Partituren ja auswendig. Schlimmer war es, als ich mir einmal mit dem Taktstock den Finger verletzt habe. Die Blutspuren waren am Schluss des Konzerts auf allen ersten Pulten zu sehen.

Sie wirken am Dirigentenpult sehr impulsiv.

Mein Lehrer hat immer gesagt, ein Dirigent müsse wie ein Balletttänzer wirken. Als gross gewachsener Mensch muss ich mehr daran arbeiten, in meinen Gesten homogen zu wirken. Der Vorteil der Grösse sind dafür meine fast fliegenden Hände, die helfen, die Musik kräftig atmen zu lassen.

Wie wollen Sie das Sinfonieorchester St.Gallen in den nächsten fünf Jahren prägen?

Ich habe kein spezielles Programm für irgendwelche Veränderungen. Das Orchester ist technisch sehr gut. Ich wünsche mir, dass die Musiker von mir etwas Inspirierendes aufnehmen. Mit jedem neuen Werk will ich Routine in kreative Zeit verwandeln. Das Orchester wächst an jedem neuen Werk. Oder anders gesagt: Ich möchte unseren Ehealltag immer wieder zum Fest machen.

Sie sind Litauer. Mit Ihnen scheint wieder stärker Leidenschaft in die Tonhalle einzukehren.

Es geht in der Musik nicht nur um äussere Leidenschaft. Mich interessiert die innere Leidenschaft, die Bedeutung der Gefühle. Warum sie da sind, wie sie entstehen und wie sie sich entwickeln. In der Musik spiegeln sich ja immer wieder auch die Konflikte des Alltags sowie die Wege sie zu akzeptieren und zu lösen.

Ihre Heimat liegt an der Schnittstelle zwischen Ost und West. Hat Sie das geprägt?

Die Lage Litauens hat mich natürlich geprägt. Als Sechzehnjähriger war ich wie jeder Teenager auf der Suche nach meiner eigenen Freiheit. Gleichzeitig erlebte ich den Befreiungskampf Litauens, der ja als die "singende Revolution" in die Geschichte einging. Mit Liedern auf der Strasse haben wir die Unabhängigkeit erreicht.

Das neue Saisonprogramm präsentiert viel nordische und östliche Musik, die oft viel Melancholie ausstrahlt.

Litauen ist ein Land mit einer sehr hohen Selbstmordrate. Die Melancholie ist natürlich ein Thema. Und die Musik der baltischen Länder spiegelt diese wider, genau wie auch die Musik des Finnen Sibelius oder des Russen Tschaikowsky. In Litauen sagen wir: «Bei uns ist der Himmel sehr nah». Es gibt viele Wolken, nur wenig Sonne. Unsere Lieder sind in Moll gehalten. Und dennoch sagen wir: «Wir sind am Leben.»

Mit Ihnen wird ein Musiker Chefdirigent, dem die Oper wirklich am Herzen liegt.

Unbedingt. Ich komme vom Gesang her und habe schon als Sechsjähriger in einem Kinderchor gesungen. Und später Chorleitung studiert. Das Baltikum ist bekannt für seine reiche Chortradition. Hier wird überall gesungen. Und in der Oper muss das Orchester singen. Umgekehrt sollten die Sänger auch instrumental denken. Gesanglichkeit ist für mich in der Musik etwas Essenzielles. Ich glaube nicht an die reine Musik.

Ihre erste Saison ist von spätromantischer Musik geprägt. Sie dirigieren nur gerade eine klassische Sinfonie.

Spätromantik ist eine Epoche, die mir sehr liegt. Zum Einstand präsentiere ich mich mit dieser Zeit, mit Musik voll Emotion und Passion. Damit gebe ich quasi meine Visitenkarte ab. Nach dem Beethoven-Zyklus meines Vorgängers Otto Tausk passt der Sprung ins Spätromantische gut. Aber klar, gibt es natürlich später auch wieder Klassik.

Wie stark können Sie das Programm, das in dieser Saison recht abwechslungsreich ist, eigentlich mitgestalten?

Ich kann da sehr viel mitgestalten. Ich bin Teil einer vierköpfigen Programmkommission, in der auch ein Orchestervertreter und natürlich Konzertdirektor Florian Scheiber vertreten sind, den ich mit seinen Programmideen und seiner Fantasie als sehr kreativen Partner erlebe.

Was sind die Kriterien für die Programmgestaltung?

Es geht darum zu schauen, was dem Orchester gut tut, welche Stücke es weiterbringen. Und darum, dies abzugleichen mit dem, was ich mir wünsche, was ich an gemeinsamer Energie mit dem Orchester entwickeln möchte.

In Zürich ist mit Paavo Järvi ebenfalls ein baltischer Musiker zum Chef des Tonhalle Orchesters berufen worden. Die Balten sind gefragt.

Ja, vielleicht haben wir davon profitiert, aus Ländern zu kommen, die eine kulturelle Schnittstelle sind. Ich selbst liebe ja die feinen Sachen. Technik und Bravour sind wichtig, aber dahinter steckt viel mehr. Die Noten müssen ins Leben kommen, jede musikalische Phrase muss mit Alltag gefüllt werden, die Konflikte der Musik müssen als unsere eigenen täglichen Konflikte spürbar werden. Viele Balten kennen das sehr genau.

In der Oper starten Sie Ende Oktober mit Verdis «Don Carlos».

Das ist geniale Konfliktmusik, eine Oper, die eine genaue, hervorragende Anatomie menschlicher Konflikte herausarbeitet. Und die Schnittstellen zwischen Gut und Böse, etwas, das auch jeder von uns jeden Tag neu austarieren muss. Die Musik mit ihren gegensätzlichen Leidenschaften ist da der beste Spiegel.

Start mit Dvořák

Zum Auftakt von Modestas Pitrenas’ erster Saison in St. Gallen steht Dvořáks berühmte neunte Sinfonie, «Aus der Neuen Welt», im Zentrum des ersten Tonhallekonzerts (Do, 27. 9., 19.30 Uhr). Im Opernbereich ist der neue Chefdirigent mit Verdis «Don Carlos» zu erleben (Sa, 27. 10., 19.30 Uhr). Zwei spezielle Opern gibt es dann an einem Abend hintereinander zu hören: Igor Strawinskys «Nachtigall» und eine Rarität von Nikolai Rimski-Korsakow, seine Oper «Der unsterbliche Kaschtschei» (Sa, 2. 2. 19, 19.30 Uhr) (map)

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