Interview

«Ich finde es schön, wenn ich meinen Fans zum jetzigen Zeitpunkt etwas geben kann»: Bligg spricht über sein neues Album

Er zählt zu den beliebtesten Mundart-Künstlern: Bligg hat mit «Okey Dokey II» ein neues Album veröffentlicht, mit dem er zu den Anfängen seiner Rap-Karriere zurückkehrt.

Christoph Sulser
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Bligg hat bereits 15 Alben veröffentlicht; vier davon landeten auf Platz Nr.1 der Charts.

Bligg hat bereits 15 Alben veröffentlicht; vier davon landeten auf Platz Nr.1 der Charts.

(Bild: Adrian Bretscher)

15 Jahre nach dem ersten «Okey Dokey»-Album folgt der Nachfolger. Weshalb gerade jetzt?

Bligg: Den Zeitpunkt einer Veröffentlichung kann man natürlich immer hinterfragen, aber klar, es hat mit dem lang geplanten Nachfolger etwas länger gedauert. Dass ich das Album jetzt während der aktuellen Krise veröffentliche, ist nochmals ein anderes Thema. Für mich ist die Zeit das wertvollste Gut des Menschen. Ich hätte es so machen können, wie der Grossteil der Musikbranche. Dass heisst warten, bis alles vorbei ist. Doch wahrscheinlich kommt dann auf einen Schlag so viel auf einmal heraus, dass die einzelnen Veröffentlichungen fast schon untergehen. Zudem finde ich es eine schöne Sache, wenn ich meinen Fans zum jetzigen Zeitpunkt etwas geben kann.

Musiker brauchen ein Publikum. Neben dem aktuellen Album, wie erreichen Sie dieses in Zeiten von Homeoffice?

Als Musiker gehöre ich zu einer der Berufsgruppen, die es mit der aktuellen Krise und dem Verbot von Grossveranstaltungen als erste erwischt hat. Wahrscheinlich werden wir auch die letzten sein, bei denen wieder Normalität einkehrt. Wirtschaftlich gesehen hat das natürlich für viele von uns verheerende Folgen. Wobei ich sagen muss, dass ich in den vergangenen Jahren das Privileg hatte, gut von meinem Beruf leben zu können. Zurzeit gibt es sicherlich andere Menschen, über die man jetzt reden sollte. Leute, die kurz davor stehen, ihre Existenz zu verlieren. Auch in meinem Umfeld kenne ich viele, die mit dieser Situation konfrontiert sind.

Dann trifft Sie die Krise persönlich nicht ganz so hart?

Wie gesagt, es wird so oder so zu finanziellen Verlusten kommen. Ich veröffentliche ein Produkt, das eigentlich in die Läden gehört. Da diese geschlossen sind, muss ich auf Alternativlösungen ausweichen. Zum Beispiel signiere ich jedes Album, das online bestellt wird, von Hand, um den Fans eine Freude zu machen. Die vergangenen Tage habe ich kaum etwas anderes getan – und deshalb schon eine halbe Sehnenscheidenentzündung entwickelt. (lacht)

In der ersten Single-Auskopplung «B.L.I. Doppel G.» rappen Sie, Ihnen komme der Schweizer Hip-Hop vor, wie ein missratener Sohn. Was passt Ihnen nicht am «Nachwuchs»?

Das darf man ja nicht missverstehen. Ich will damit nicht sagen, dass der Nachwuchs schlecht sei. Im Gegenteil, ich finde ihn sogar super und es gibt viele erfolgreiche junge Künstler. In diesem Song kehre ich zu meinen Wurzeln zurück und spreche mit der Rap-Szene, als wäre es mein Sohn. Ich hätte mir einfach persönlich gewünscht, dass es in den letzten 15 Jahren mehr Künstler gegeben hätte, die das ganze Genre vorantreiben.

In einem anderen Song heisst es: «Ich weiss, woher ich komme, und ich vergesse das nie.» Wie wichtig ist es, im Musikzirkus am Boden zu bleiben?

Grundsätzlich kann ich das nur aus meiner Warte aus beantworten. Es gibt Leute im Musikbusiness, die hoch fliegen und die man nicht unbedingt als bodenständig bezeichnen würde. Dennoch sind sie erfolgreich. Ich persönlich sehe aber keinen Grund, weshalb ich nicht am Boden bleiben sollte. Egal, was man macht, am Ende des Tages sind wir alle nur Menschen. Ich nehme mir nicht heraus, mich über irgendjemand anderen zu stellen.

Die aktuelle Krise dürfte die Digitalisierung in vielen Bereichen vorantreiben. Auch im Musikbusiness?

Absolut. Während wir früher durch die ganze Schweiz gefahren sind, um Interviewtermine zu geben, macht man das heute in einer Stunde am Computer und unterhält sich beispielsweise über die Zoom-App oder Ähnlichem. Ich glaube, in diesen zwei Monaten Lockdown wird die technische Evolution weiter vorangetrieben werden, als in vier Jahren, in denen nichts passiert wäre.

Apropos Lockdown. Sie haben in den vergangenen Wochen sogenannte «Lockdown»- Playlisten auf Spotify erstellt.

Ich wollte meinen Fans etwas geben, das ihnen die Zeit ein bisschen versüsst. Dafür habe ich vier verschiedene Playlists mit unterschiedlichen Musikgenres zusammengestellt. Wenn sich das nun jemand anhört und dadurch einen etwas schöneren Tag erlebt, dann freut mich das.

Zusätzlich erzählen Sie mit den «Rückbligg»-Videos jeden zweiten Dienstag Geschichten aus Ihrer Karriere. Wie viele «Folgen» sind geplant?

Genauso viele wie es Alben von mir gibt, das heisst 15. Zu jeder Platte mache ich ein Zwei-Minuten-Video.

Sie haben sich selbst einmal als «Storyteller» bezeichnet. Was fasziniert Sie am Geschichtenerzählen?

Mit Geschichten kann man den Zuhörer bei sich behalten, ob in der Musik, in der Literatur oder auch in der Werbung. Geschichten begleiten die Menschheit seit jeher. Ich mag das! Schon als junger Bub war ich ein grosser Fan von Mani Matter. Wie kaum ein anderer Künstler konnte er seine Geschichten so erzählen, dass mir Bilder vor meinem geistigen Auge erschienen sind. Wenn man es schafft, bei seinen Zuhörern solche Bilder zu erzeugen, dann bleibt auch etwas von der Erzählung hängen.

Hip-Hop und Volksmusik

Bligg alias Marco Bliggensdorfer (*1976) wuchs in Zürich-Schwamendingen auf. 1995 war er erstmals auf einem Sampler zu hören, und 2001 veröffentlichte er sein Solo-Début «Normal». Zum Mundart-Star avancierte Bligg, als er 2007 mit der Streichmusik Alder für «Die grössten Schweizer Hits» das Lied «Volksmusigg» und anschliessend das Album «0816» herausbrachte, die durch die Kombination von Hip-Hop mit Volksmusik den Nerv der Zeit trafen. Bligg ist Vater eines Sohnes und einer Tochter.

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