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«Ich finde die wirkliche Welt ziemlich klasse»

Damon Albarn kommt nach Bern, plant Ferien in Nordkorea und hat mit «The Now Now» ein tanzbares Gorillaz-Album eingespielt.

Steffen Rüth
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Damon Albarn (50) lebt meist recht geordnet.

Damon Albarn (50) lebt meist recht geordnet.

Tom Jamieson/NYT/Redux/laif

Das ging ja ruckzuck. Zusammen mit dem Produzenten James Ford (Arctic Monkeys) hat Damon Albarn das Gorillaz-Album «The Now Now» eingespielt. Wir treffen den schelmisch und jungenhaft wirkenden Albarn in dessen Dachgeschossbüro im gutbürgerlichen Londoner Westen. In der kleinen Küche wirft er zunächst mal Sellerie, Randen, Karotte, Apfel und Ingwer in ein Gerät, das mit Getöse ein Gebräu fabriziert. Damon Albarn (trinkt einen kräftigen Schluck): Köstlich. Genau das Richtige jetzt. Heute Vormittag brauche ich jedes Vitamin, das ich kriegen kann.

Warum das?

Wegen gestern Nacht! Normalerweise ist mein Leben recht geordnet. Ich stehe zeitig auf, mache Yoga, arbeite, esse, gucke mit der Familie Fernsehen und lege mich um 22 Uhr schlafen. Gestern war ich mit Freunden unterwegs und habe anständig Sake und Wodka getrunken. Muss auch manchmal sein.

Auch wenn Sie nicht so wirken, Sie sind seit März 50. Wie kommen Sie damit zurecht?

Älterwerden ist eine gute Sache, das Leben wird interessanter. Ich hoffe, dass ich mich mit dem Alter nicht zum Clown machen werde. Schauen Sie (zeigt auf ein japanisches Magazin mit Bob Dylan auf dem Cover), da war doch der Chirurg dran!

Die fiktive Band

Die 1998 von Blur-Frontmann Damon Albarn und dessen damaligem WG-Mitbewohner Jamie Hewlett gegründete Cartoonfiguren-Gruppe Gorillaz ist der erfolgreichste «Virtual Reality Act der Welt». Die Band besteht aus 2D, Murdoc Niccals, Noodle und Russel Hobbs.

- Album «The Now Now» (Parlophone/ Warner)

- Konzert: Bern, Gurten Festival, 12. Juli.

Sie glauben, Bob Dylan hat eine Schönheitsoperation gemacht?

Das Foto sieht so aus. So ein Quatsch, ich verstehe das nicht. Werde doch einfach alt, und wenn du irgendwann nicht mehr bist, hinterlässt du dein Werk. Darauf kommt es an.

«The Now Now» ist ein sehr zeitgeistiges Werk. Wieso ist ein älterer Herr wie Sie immer noch die coolste Socke im britischen Pop?

Tja, danke. Ich habe keine Ahnung. Ich liefere einfach mein Zeug ab, bin emsig, an neuen Impulsen interessiert. Ins Studio gehe ich wie andere Menschen zur Arbeit. In diesem Jahr bin ich besonders produktiv. Im Januar habe ich in Südafrika ein Album von Africa Express aufgenommen, und vor kurzem habe ich die nächste Platte von The Good, the Bad & the Queen produziert, die auch noch in diesem Jahr erscheint.

Macht Ihnen die Albumproduktion mit oder ohne Gäste mehr Freude?

Eigentlich mit. Das ist super anstrengend, aber auch super erfüllend. Die Arbeit an «The Now Now» war fast wie ein kleiner Urlaub für mich. Ich habe noch nie ein Album gemacht, das mir so leicht in den Schoss fiel.

Geschrieben haben Sie «The Now Now» überwiegend auf der letztjährigen Tour. Die Songs heissen «Lake Zurich», «Idaho» oder «Kansas». War Ihnen langweilig im Bus?

Ausser schlafen und lesen bleiben dir auf diesen langen Fahrten wenig sinnvolle Tätigkeiten. Ich kann sowieso überall Musik machen, sogar mit einem Kater wie heute. «Lake Zurich» und «One Percent» habe ich tatsächlich in Zürich geschrieben, «Idaho» in Idaho. Vielleicht hätte ich mir bei den Titeln mehr Mühe geben sollen (lacht).

Speziell «Idaho» klingt ziemlich schräg, man könnte sagen: bekifft.

Oh, ich rauche eigentlich vor so gut wie jeder Aktivität Gras. In Idaho war es eher der Mangel an Marihuana, der diesen verrückten Sound hervorgekitzelt hat. Idaho war wunderschön, das war das geheime, unberührte, natürliche Amerika voller Flüsse, Seen. Ich habe auf diesem ganzen Album viel über alltägliche Ereignisse geschrieben und versucht, profane Dinge zu etwas Magischem zu erklären.

Faszinieren Sie Märchen?

Ja, total. Ich liebe es, mir eine etwas andere Welt vorzustellen als jene, in der wir sind. Der menschliche Geist hat einfach Freude daran, sich mit der Unendlichkeit und Unergründlichkeit des Universums auseinanderzusetzen – und doch ratlos staunend zu bleiben.

Halten Sie die ausgedachte Welt für besser als die wirkliche?

Nein. Ich finde die wirkliche Welt ziemlich klasse. Sehr kompliziert, aber wundervoll.

Sind das Internet und soziale Medien für Sie ein Teil des «Now Now»?

Nein. Was du im Netz erlebst, das erlebst du nicht wirklich. Ich benutze einzig Snapchat – aber nur mit meiner Tochter und meinem Neffen.

Ihre Tochter Missy ist 18. Wohnt sie noch zu Hause?

Noch. Missy ist mit der Schule fertig und zieht im September nach New York. Vorher wollte sie unbedingt nach Nordkorea. Meine Frau, meine Tochter und ich fliegen im August hin.

Die Albarns machen Sommerferien in Nordkorea?

Wieso nicht? Ich war früher schon mal dort, faszinierendes Land, faszinierende Leute. Kann sein, dass Trump zum ersten Mal was richtig gemacht hat.

Haben Sie Verbindungen nach Nordkorea?

Ich kenne die Kim-Familie gut. Nein, tue ich nicht (lacht). Missy hatte sich Nordkorea gewünscht. Als ich das Land zum ersten Mal besuchte, war sie acht und stinksauer, dass sie nicht mitdurfte. Seither ist sie total daran interessiert. Das Lebensmodell dort ist wirklich ein radikal anderes als bei uns. Ich hoffe, dass die Wirklichkeit sie nicht enttäuscht.

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