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«Ich bin sehr streng mit mir»

Unter den grossen Musikern verfügt die Geigerin Anne-Sophie Mutter über einen besonders langen Atem. Kommende Woche kommt sie in die Schweiz. Ihr fühlt sie sich besonders nah, erklärt sie im Gespräch.
Rolf App
«Lambert ist absolut launenlos»: Anne-Sophie Mutter über ihren Duo-Partner Lambert Orkis, mit dem sie am Dienstag in Zürich auftritt. (Bild: DG/Harald Hoffmann)

«Lambert ist absolut launenlos»: Anne-Sophie Mutter über ihren Duo-Partner Lambert Orkis, mit dem sie am Dienstag in Zürich auftritt. (Bild: DG/Harald Hoffmann)

Letztes Jahr haben Sie mit dem Pianisten Lambert Orkis Ihr «Silver Album» eingespielt, Sie sind also seit mehr als 25 Jahren gemeinsam unterwegs – in der kommenden Woche auch in der Schweiz. Worin liegt denn das Geheimnis dieser aussergewöhnlich langen Zusammenarbeit, Frau Mutter?

Anne-Sophie Mutter: So ganz aussergewöhnlich ist das nicht, auch mit Dirigenten arbeitet man ja zum Teil über lange Zeiträume zusammen. Aber Sie haben schon Recht: In einer Duo-Partnerschaft ist man noch viel feiner aufeinander eingestellt. Auf der einen Seite teilen Lambert und ich die Arbeitsethik: Wir proben sehr akribisch unsere Programme. Auf der andern Seite ergänzen wir uns charakterlich und temperamentsmässig. Auch künstlerisch kommen wir aus verschiedenen Ecken. Lambert ist sehr in der historisch informierten Aufführungspraxis zu Hause, das hat meinem Ansatz Mozart und Beethoven gegenüber wertvolle Impulse verschafft.

Wie muss man sich denn Ihr Leben und Zusammenleben auf Tournée vorstellen?

Mutter: Wir reisen zusammen, wir proben zusammen. Früher war das sehr anstrengend für ihn, weil ich die Angewohnheit hatte, nachts nach München zurückzufahren. Ich wollte zum Frühstück bei meinen Kindern sein. Lambert hätte sagen können, er nehme das Flugzeug oder übernachte am Ort des Konzerts. Das hat er aber nicht gemacht. Angenehm an Lambert ist ausserdem, dass er absolut launenlos ist. Was man von mir leider nicht sagen kann. Ich habe in ihm mit anderen Worten einen tollen Reisekumpan. Was sich auch darin zeigt, dass wir privat schon viel zusammen unternommen haben. Denn wir verstehen uns auch ausserhalb des Bühnenalltags unglaublich gut.

Wenn Sie das nächtliche Zurückfahren erwähnen: Liegt Ihnen dieses Leben auf Reisen eigentlich, das ein Solistinnen-Dasein mit sich bringt? Ihre Kinder sind ja mittlerweile erwachsen, ihretwegen müssen sie also nicht zurückkehren.

Mutter: Nein, ich bin nicht gern weg von zu Hause. Und die Zeit mit meinen Kindern, die beide studieren, ist noch wertvoller geworden – weil noch rarer, als dies früher der Fall war. Deshalb fahre ich auch heute noch oft zurück, wenn es geht.

Was erstaunen muss beim Betrachten Ihres Lebenslaufes: Ihre Eltern sind ja keine Musiker gewesen, ganz autonom haben Sie sich mit fünf Geigenunterricht gewünscht. Warum haben Ihre Eltern dennoch eine wichtige Rolle für Ihre Zukunft gespielt?

Mutter: Ich weiss nicht, ob mein früher Wunsch entstanden wäre ohne die Musik-affine Welt meiner Eltern, mit klassischer Musik und mit Jazz. Vor allem aber haben meine Eltern es geschafft, in diesem kleinen Nest Wehr in der Nähe von Rheinfelden eine Lehrerin für mich zu finden. Nach deren Tod – da war ich neun Jahre alt – haben sie weitergesucht, so bin ich nach Winterthur zu Aida Stucki gekommen. Das war der ganz grosse Glücksfall.

So wurde dann auch schon eine Beziehung zur Schweiz geknüpft.

Mutter: Diese Beziehung war von Anfang an eng. Wehr liegt nicht weit entfernt von der Grenze, und meine Muttersprache ist alemannisch. Sie ähnelt sehr dem Baseldeutsch. Sprachlich fühle ich mich deshalb in der Schweiz total happy, weil ich dann mein Alemannisch auspacken darf. Und in Basel habe ich mein erstes Konzert überhaupt erlebt: Ich war gerade sechs, und David Oistrach spielte im Casinosaal. Durch meine enge Freundschaft zum Dirigenten Paul Sacher hat sich das dann verdichtet und vertieft. Nicht zu vergessen die Studienjahre am Konservatorium Winterthur bei Aida Stucki. Und wenn ich an die Schweiz denke, dann darf ich Sprüngli nicht vergessen: Da geht einem das Herz über.

Ja, die Schokoladen-Schweiz. Aber kommen wir zurück zu Ihrer Karriere. Sie hat rasch Fahrt angenommen, auch dank Herbert von Karajan. 47 Jahre spielen Sie mittlerweile Geige, es hat, zumindest von aussen gesehen, keine Krisen und Brüche gegeben. Wie haben Sie das denn geschafft?

Mutter: Zum einen bin ich natürlich wie jeder Musiker – oder auch jeder Sportler – sehr streng mit mir. Das geht manchmal an die Grenzen der physischen und psychischen Belastbarkeit. Aber auf der andern Seite muss man eine Balance finden im Leben. Ich habe früh geheiratet und früh Kinder bekommen. Dass ich nach sechs Jahren schon Witwe war und zwei kleine Kinder allein aufziehen musste, stellte zwar eine grosse Herausforderung dar. Aber diese sechs Jahre Ehe und meine Kinder haben mir das Menschsein ermöglicht. Meiner Familie ist es geschuldet, dass ich Dinge schultern kann, die nicht unbedingt federleicht sind.

Wenn Sie auftreten: Wann haben Sie als Musikerin das Gefühl, ein Konzert sei geglückt?

Mutter: Es liegt zum einen an mir selber, am schmalen Grat der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Zum andern aber hängt es am Publikum. Ich habe ja in Berlin im Club der Neuen Heimat ein neues Projekt begonnen und dort im kleinen Rahmen in der Yellow Lounge für Menschen gespielt, von denen die meisten noch nie die Philharmonie von innen gesehen haben. Das war für mich, für Lambert und für ein paar meiner Stipendiaten ein wunderbares, intensives Erlebnis. Das Konzert von 2013 wird in Kürze als CD erscheinen.

Was spielt sich denn ab zwischen Ihnen und dem Publikum?

Mutter: Hoffentlich spielt sich etwas ab, aber das ist immer die Frage. Ich sehe, ob Leute schlafen oder ob sie gelangweilt im Programmheft blättern. Und ich spüre, ob ich das Publikum bei mir habe – oder ob es noch nicht bei mir ist. Das sind dann die grossen Herausforderungen.

Und was machen Sie?

Mutter: Ich werfe mich mit besonderer Inbrunst rein – in der Hoffnung, dass es gelingt.

Sie haben Ihre Stipendiaten erwähnt. Vor 17 Jahren haben Sie eine Stiftung ins Leben gerufen, die junge Talente fördert. Wie erkennen Sie deren Potenzial?

Mutter: Das ist gar nicht so schwer. Ich erkenne es an der Eigenständigkeit des musikalischen Denkens und Phrasierens, an der grossen Leidenschaft und Disziplin – und am absoluten Willen, sich musikalisch mitzuteilen. Die Frage bleibt aber immer: Wird sich das Potenzial auch realisieren? Ich habe lernen müssen, dass auch meine Hilfe einen Erfolg nicht garantiert. Einige grosse Begabungen sind ganz andere Wege gegangen, wofür ich natürlich Respekt habe. Wobei man beifügen muss: Neben unbestreitbaren Fähigkeiten spielt auch Glück eine Rolle. Junge Künstler müssen im richtigen Moment am richtigen Ort sein.

Weshalb kommen diese Talente heutzutage überdurchschnittlich oft aus dem Osten – aus Osteuropa und dem Fernen Osten?

Mutter: Zum einen ist Osteuropa schon immer ein sehr fruchtbarer Boden gewesen – für Künstler wie für Sportler. Zum andern geniesst unsere westliche Kultur in Asien eine grosse Wertschätzung, was sich auch auf das Ansehen von Musiklehrern auswirkt, die in China und Japan ernster genommen werden als bei uns. Talente werden im Fernen Osten früh und dezidiert streng gefördert – mit allen Vor- und Nachteilen.

In Ihrem Repertoire spielen moderne Komponisten eine bedeutende Rolle, Sie haben viele Stücke lebender Komponisten aus der Taufe gehoben. Bekommt das moderne Musikschaffen jene Aufmerksamkeit, die es verdient?

Mutter: Es hat sich in den letzten dreissig Jahren unglaublich viel entwickelt. Es gibt mittlerweile ein experimentierfreudiges, sehr offenes Publikum, das die zeitgenössische Musik frenetisch feiert. Wobei auch wir Künstler vor diesen grossen Künstler-Persönlichkeiten nur Anfänger sind.

Sie bezeichnen sich zwar als Optimistin. Trotzdem die Frage: Worüber machen Sie sich Sorgen, als Künstlerin und als Mensch?

Mutter: Als Künstlerin sorge ich mich darüber, dass unsere Kinder zu wenig mit Kunst in Berührung kommen, auch weil viele Eltern zu wenig Zeit haben. Gerade Musik könnte kulturelle Barrieren überwinden. Und als Mensch mache ich mir Gedanken über ökologische Veränderungen des Planeten, die Glaubenskriege – und die Wiederholung der Geschichte. Eines meiner Lieblingsbücher stammt von Simone de Beauvoir. In «Tous les hommes sont mortels» (Alle Menschen sind sterblich) tritt ein unsterblicher Held auf, der über die Jahrhunderte Politikern zur Hand geht. Dabei macht er nicht nur die Erfahrung, dass es schrecklich ist, unsterblich zu sein. Sondern dass der Mensch immer wieder die gleichen Fehler macht. Aber Optimistin bleibe ich – schon für meine Kinder.

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