«Ich bin kein Rollenspieler»

Im Politthriller «Manipulation» von Pascal Verdosci spielt Klaus Maria Brandauer den Schweizer Bundespolizisten Rapold. Dieser soll im Jahr 1956 einen Schweizer Journalisten als Sowjetspion überführen. Für den erfahrenen Brandauer war die Rolle eine grosse Herausforderung, wie er im Interview ausführt.

Geri Krebs
Drucken
Klaus Maria Brandauer kann sich trotz seiner langen Karriere noch immer für Rollen begeistern. (Bild: ap/Eckehard Schulz)

Klaus Maria Brandauer kann sich trotz seiner langen Karriere noch immer für Rollen begeistern. (Bild: ap/Eckehard Schulz)

«Manipulation» spielt in den Jahren 1956–58, Sie selber haben Jahrgang 1944. Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an jene Zeit, als nach dem Ungarn-Aufstand der Kalte Krieg einen Höhepunkt erlebte?

Klaus Maria Brandauer: In jenem kleinen Dorf, Altaussee in der Steiermark, wo ich aufwuchs, hatte ich schon etwas mitbekommen von jenen Ereignissen.

Ich interessierte mich als Dreizehnjähriger bereits für das Weltgeschehen, hörte Nachrichten, verfolgte mit, was in Ungarn geschah. Ich erinnere mich, dass danach einige Flüchtlinge im Dorf eintrafen und dort blieben. Ich war mir damals auch schon bewusst, dass der Kalte Krieg tobte, und dass dort im Osten das Reich des Bösen, und hier bei uns das Reich des Guten war – das war mehr oder weniger das, was uns in Schule und Elternhaus vermittelt wurde.

Wussten Sie damals schon etwas über die Schweiz?

Brandauer: Uns wurde gesagt, dass die ein unglaublich tolles System haben und dass sie bis an die Zähne bewaffnet sind. Ich hörte auch, dass sie in den Bergen drinnen unterirdische Flugplätze mit phantastischen Flugzeugen haben. Das hat meine Phantasie natürlich beflügelt. Und weil mein Vater einen Cousin in Basel hatte, wusste ich auch, dass dieser seinen Stahlhelm und seinen Karabiner zu Hause im Schrank hatte.

Über den Schutz vor Waffen wird nächstens abgestimmt.

Brandauer: Was? Nein, das ist ja unglaublich, das wusste ich gar nicht.

«Manipulation» handelt von den Bemühungen der Schweiz, die Armee mit Atomwaffen auszurüsten. Um eine Akzeptanz dieses Projektes bei der Bevölkerung zu erreichen, wurden alle Mittel eingesetzt, die Bedrohung aus dem Osten möglichst gross erscheinen zu lassen. Hatten Sie Kenntnis von diesen Machenschaften?

Brandauer: Nein, das erfuhr ich erst im Zuge meiner Beschäftigung mit dem Thema im Hinblick auf die Vorbereitungen auf meine Rolle. Ich war schon ziemlich erstaunt, als ich erfuhr, dass in der Schweiz die Staatsführung seit Ende der 1940er-Jahre neue Wege der Verteidigung suchte und dabei auch zu Raketen kommen wollte, die man mit Atomsprengköpfen hätte versehen können.

Wie das?

Brandauer: Der Ungarn-Aufstand kam für die Militär- und Staatsführung zum genau richtigen Zeitpunkt, um eine Atombewaffnung zu konkretisieren. Davon handelt unsere Geschichte, oder genauer gesagt, jene Geschichte, die Walter Matthias Diggelmann in seinem Roman verarbeitet hat, und unsere Drehbuchautoren Alex Martin und Marion Reichert weiter fiktionalisierten.

Kannten Sie Walter Matthias Diggelmann?

Brandauer: Er war mir aus Erzählungen von Zürcher Freunden ein Begriff. Ich hörte, er sei ein ziemlich verrücktes Huhn gewesen, und ähnlich wie Robert Walser in Irrenhäuser gesteckt worden, nur weil er in der damaligen Gesellschaft störte. Kürzlich habe ich dann Ausschnitte aus dem Film «Die Selbstzerstörung des W. M. Diggelmann» gesehen. Mich hat beeindruckt, wie gut er dort eine Art Hofnarr spielte.

Gleichzeitig sprach aus seinen Augen die vollkommene Hoffnungslosigkeit, sich in seinem Land irgendwie Gehör zu verschaffen.

Er suchte sein Heil dann vermehrt in der DDR, liess sich dort feiern – können Sie das nachvollziehen?

Brandauer: Ich verurteile das nicht. Ich kann verstehen, dass jemand wie Diggelmann sich sagte: «Ich schaue mir jetzt mal an, wie die Leute dort leben.» Aber wenn Sie mich deswegen dazu bringen wollen, dass ich eine Lanze breche für die DDR, dann werde ich mir eher die Zunge abbeissen.

In Ihrer langen Karriere spielen Sie zum ersten Mal einen Beamten.

Brandauer: Und noch dazu noch einen von der Staatspolizei.

Haben Sie sich besonders vorbereitet?

Brandauer: Ich bereite mich auf alle meine Arbeiten, sei es im Film oder Theater, eigentlich wenig vor. Ich lese eine Geschichte, schaue, ob ich damit etwas anfangen kann. Wenn ja, sehe ich diese Figur in der Geschichte. Falls ich mit der Figur etwas anfangen kann, beginne ich mit der Arbeit an ihr.

Ich bin ein Stückespieler im Theater und ein Geschichtenspieler im Kino: Ich bin kein Rollenspieler. Man kann nicht sagen: «Diese Rolle hätte ich gerne und das Drumherum stimmt nicht.» Das Grossartige an der Schauspielkunst ist für mich nicht die Aktion, sondern die Reaktion, ich reagiere gerne auf mein Gegenüber. Diese grosse Chance fand ich in der Figur des Rappold.

Eine Figur, die durch ein Erlebnis ziemlich zerrissen ist.

Brandauer: Dieser Mann, der während 30 Jahren seinem Staat treu gedient, ja sein Leben eingesetzt hat – er sitzt im Rollstuhl, weil er einst angeschossen wurde – bekommt kurz vor seiner Pensionierung ein Dossier zugeschoben, worin ein bekannter Schweizer Radioreporter der Spionage für die Sowjetunion bezichtigt wird. Rappold nimmt sich des Falls an, lässt den Mann verhaften.

Er will mit einem fiesen Trick etwas aus dem Angeschuldigten herauskitzeln, während dieser es schafft, einem Mitarbeiter die Pistole zu entreissen und sich damit vor Rappolds Augen zu erschiessen. Ein derartiger Moment bereitet mir, vom Schauspielerischen her gesehen, eine riesige Freude. Man überlegt sich dabei grosse Dinge – dabei sind solche Momente in Wirklichkeit gar nicht gross, sondern einfach so, als wenn ein Blitz durch den Körper gehen würde.

Aktuelle Nachrichten