«Ich bin ich, das langet»

Nachruf Sie war spielfreudig, lebenslustig und neugierig – sogar auf den eigenen Tod. In der Nacht auf Samstag ist die wohl beliebteste Volksschauspielerin Stephanie Glaser («Die Herbstzeitlosen») 90jährig gestorben. Ihr Erfolg kam spät, umso mehr hat sie ihn genossen – ihren letzten Film drehte sie vor drei Monaten. Hans Jürg Zinsli

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Im Alter «umehöckle» war nicht ihre Sache: Stephanie Glaser 2006 vor ihrem Haus in Zürich. (Bild: ky/Ayse Yavas)

Im Alter «umehöckle» war nicht ihre Sache: Stephanie Glaser 2006 vor ihrem Haus in Zürich. (Bild: ky/Ayse Yavas)

Zu Beginn des Films legt sie sich zum Sterben nieder. Dann erinnert sich Stephanie Glaser an einen Jugendtraum, steht wieder auf und eröffnet schliesslich gegen alle Widerstände im Dorf einen eigenen Dessous-Shop: «Die Herbstzeitlosen» (2006), ursprünglich nur fürs Fernsehen gedreht, war mit 600 000 Zuschauern nicht nur einer der erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten.

Die Komödie von Bettina Oberli widerspiegelte auch exakt die Karriere von Stephanie Glaser, die erst im Alter von 86 Jahren ihre erste Filmhauptrolle erhielt und sich damit einen zweiten Frühling bescherte.

«Sterben ist nichts Schlimmes»

«Sterben ist nichts Schlimmes», sagte Stephanie Glaser nach der «Herbstzeitlosen»-Premiere am Filmfestival Locarno im Gespräch. «Ich bin eher neugierig darauf, ob noch was kommt. Manchmal sage ich: Der Traugottli schwaderet ja auch schon lange im Himmel herum.

» Sie wolle wissen, wie es dort aussehe und ob es Geister gebe oder nicht. Dieser unverkrampft-forsche Tonfall war charakteristisch für die bodenständige Schauspielerin und Kabarettistin, der es höchstens vor zu viel «Chichi» graute und deren einzige Sorge beim Interview war, dass sie fürs Foto «zu gschläckt» aussehen könnte.

Glaser, 1920 als Tochter eines Hotelierpaars in Neuenburg geboren, wuchs in Bern auf und ging dort zur Schule. Sie liess sich am Reinhardt-Seminar in Wien zur Schauspielerin ausbilden, kehrte in die Heimat zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg tourte Glaser auf Schweizer Kleinbühnen mit dem Cabaret Fédéral (Walter Roderer, César Keiser, Zarli Carigiet und andere). Und sie entdeckte den Film: Ihre ersten Nebenrollen bekam sie von Franz Schnyder, der sie in den Gotthelf-Verfilmungen «Uli, der Knecht» (1954) und «Uli, der Pächter» (1955) besetzte.

Die grantige Tante Elise

Zum Publikumsliebling avancierte Glaser erst mit der Fernsehshow «Teleboy» (1974–81). Die Rolle der grantigen Tante Elise, die mit ihrem Goldfisch Traugottli spricht, sei ihr Durchbruch gewesen. «Mit dieser Sendung kam ich endlich in die Stuben hinein», sagte Glaser, die sich mit Stolz als Volksschauspielerin verstand. «Früher hatte dieser Begriff den Beigeschmack von Laientheater. Aber das ist vorbei. Ich sage immer: Volksschauspielerin ist man, wenn einen das Volk akzeptiert.

Das ist doch wunderbar!»

Nach kleineren Rollen in den Filmkomödien «Komiker» (2000), «Sternenberg» (2004) und «Mein Name ist Eugen» (2005) folgte 2006 schliesslich die Paraderolle in «Die Herbstzeitlosen». An die Dreharbeiten im emmentalischen Trub erinnerte sich Glaser mit der ihr eigenen Verschmitztheit: «Die Begrüssung im Dorf war eher reserviert, so nach dem Motto: Zeigt erst mal, was ihr könnt. Zuletzt hatten sie aber so den Plausch, dass sie uns fast nicht gehen lassen wollten.

» Auch die Regisseurin Bettina Oberli wollte Glaser fast nicht gehen lassen – die beiden verband eine tiefe Freundschaft und die feste Absicht, im Herbst 2011 einen weiteren Film zu drehen.

Mit 86 endlich den Prix Walo

Glaser, die 2006 den Swiss Award, den Prix Walo und am Filmfestival Locarno einen Spezial-Leoparden für ihr Lebenswerk erhielt, blieb bis zuletzt dem Film treu. Erst vor zehn Tagen stand sie laut «Sonntags-Zeitung» für einen Kurzfilm vor der Kamera.

Im November 2010 drehte sie ihren letzten Langspielfilm – die TV-Krimikomödie «Mord hinterm Vorhang» unter der Regie von Sabine Boss. Glaser spielt darin eine schweizerische Miss Marple, die zusammen mit ihrem Enkel einem Mörder auf die Schliche kommt. Bei den Dreharbeiten in einem Steinbruch gab sich die Schauspielerin gewohnt unkompliziert: «Ob die Arbeit anstrengend ist? Ach, wissen Sie, Drehen ist immer anstrengend. Die kalte Luft hält eher wach.

» Auf die Frage, ob sie sich als Star fühle, meinte sie lapidar: «Ach was, ich bin Schauspielerin, das langt.»

Immer energisch unterwegs

Regisseurin Sabine Boss bestätigt, dass die Schauspielerin während der Dreharbeiten zu «Mord hinterm Vorhang» zwar Kniebeschwerden hatte, geistig aber topfit gewesen sei. Glaser selbst wehrte sich am Set energisch gegen zu viel «Pipäpele».

«Bemuttert werden will ich auf keinen Fall!» Und sie hatte noch Zukunftspläne: «Ich war zum Beispiel noch nie im neuen Bärengraben oder im Klee-Museum in Bern. Alles Sachen, die ich noch machen will.» Nun wird «Mord hinterm Vorhang» zu Stephanie Glasers Vermächtnis. Der Film, der derzeit fertiggestellt wird, soll im Herbst 2011 am Schweizer Fernsehen ausgestrahlt werden. Regisseurin Sabine Boss verspricht: «Glaser ist in dieser Rolle absolut hinreissend. Sie hat sich selbst ein Denkmal gesetzt.»

SF 1: Das volle Leben – Menschen über 80 – mit Stephanie Glaser, heute Mo, 18.15 Uhr

Hanspeter Müller-Drossaart Schauspieler: Lange Jahre habe ich sie nur als Zuschauer gekannt, erst spät, bei den «Herbstzeitlosen», konnte ich auch mit ihr zusammenarbeiten. Was ich immer grossartig bei ihr fand, neben ihren schauspielerischen Fähigkeiten, war ihr neugieriger Blick auf die Welt, den sie bis ins hohe Alter nie verloren hat.

Äusserlich war sie gezeichnet von ihrem langen, erfüllten Leben, zugleich sah man in ihren Augen stets einen jugendlichen Schalk. Dieser Gegensatz hat mich beeindruckt.

Heidi Maria Glössner, Schauspielerin: Ihre authentische, unverstellte Art hat mir immer gefallen. Sie war patent, witzig und handfest, sie hat immer gesagt, was sie denkt, aber immer mit Respekt gegenüber andern.

Und sie war ein Vollprofi, das konnte ich auf dem Filmset feststellen: Nie hat sie gejammert und gemeckert, obwohl sie schon 85 war und jede Menge Text lernen musste. Dabei hat sie ihr Gedächtnis nie im Stich gelassen. Noch vor zwei Wochen sagte sie, sie freue sich auf den nächsten Film.

Bettina Oberli, Filmregisseurin: Stephanie Glaser und ich hatten ein sehr familiäres Verhältnis. Wir wollten nochmals einen Film zusammen drehen, aber im Moment mag ich gar nicht daran denken.

Ich bin einfach nur traurig. Das Schönste, was mir von ihr in Erinnerung bleibt, sind die gemeinsamen Reisen in die USA, nach Spanien und Japan, wo wir «Die Herbstzeitlosen» vorstellten. Sie hat diese Reisen enorm genossen.

Walter Roderer, Schauspieler: Sie war eine enorm humorvolle Kabarettistin mit Mut zur Komik und sogar zur Hässlichkeit. Das ist bei Schauspielern nicht selbstverständlich. Ich konnte immer sehr über sie lachen.

Ich erinnere mich, wie wir in Bern in den Fünfzigerjahren im «Schweizerbund» in der Länggasse auftraten und sie zuvor im Bahnhofbuffet wie der Blitz einen Ochsenmaulsalat ass. Vor einiger Zeit stand im «Blick», dass eine Unstimmigkeit zwischen uns bestehe. Aber das stimmt nicht.

Sabine Boss, Filmregisseurin: Letzten Donnerstag habe ich noch mit Stephanie Glaser telefoniert. Erst vor zwei Monaten stand sie in meinem Film «Mord hinterm Vorhang» vor der Kamera.

Wir schneiden den Film zurzeit, und es ist für mich schwierig, Stephanie jeden Tag vor Augen zu haben. Aber ich werde weiterarbeiten. Sie hätte das auch so gewollt. (zas/mei)

Der späte Durchbruch: 2006 mit dem Film «Die Herbstzeitlosen». (Bild: SF DRS)

Der späte Durchbruch: 2006 mit dem Film «Die Herbstzeitlosen». (Bild: SF DRS)

Jung und noch fast unbekannt: Glaser 1957 in «Taxichauffeur Bänz». (Bild: SF/DRS)

Jung und noch fast unbekannt: Glaser 1957 in «Taxichauffeur Bänz». (Bild: SF/DRS)

Stephanie Glaser mit Regisseurin Bettina Oberli: Eine tiefe Freundschaft. (Bild: ky/Martial Trezzini)

Stephanie Glaser mit Regisseurin Bettina Oberli: Eine tiefe Freundschaft. (Bild: ky/Martial Trezzini)