Ich bin auch ein bisschen Buch

Eveline Haslers neues Werk handelt von einem Zürcher Theaterdirektor und seiner mondänen Gattin. Es basiert auf der wissenschaftlichen Arbeit von Peter Exinger, leitendem Redaktor der Thurgauer Zeitung. Er schreibt, was ihn daran freut.

Peter Exinger
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Marianne Rieser Dramaturgin, Autorin, Malerin (1899 Prag – 1965 Pomona/USA) (Bild: pd)

Marianne Rieser Dramaturgin, Autorin, Malerin (1899 Prag – 1965 Pomona/USA) (Bild: pd)

Wir haben alle eine Vergangenheit. Und meine trage ich in der Hosentasche. Es ist ein Schlüsselanhänger in Form eines kleinen Buches, und darauf hat es eine gravierte Unterschrift. Es ist die von Theaterdirektor Ferdinand Rieser. Dieser hatte nicht nur einen sturen Grind und war eine widersprüchliche Persönlichkeit, sondern auch der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Das werden ab Montag alle im neuesten Buch von Eveline Hasler nachlesen können. Denn die Schweizer Autorin nimmt uns in «Stürmische Jahre» mit auf eine Reise ins Zürich der 30er-Jahre.

Eine detektivische Arbeit

Für die Leser wird die Lektüre ein Eintauchen in längst vergangene und unbekannte Zeiten sein. Für mich indes wird sich eine Geschichte wiederholen. Als Student habe ich vier lange Jahre in fremden und längst gelebten Leben herumgestochert und versucht, alles über Ferdinand Rieser herauszufinden. Und über seine Gattin Marianne. Zu Beginn meiner Nachforschungen wusste ich weder Geburts- noch Todesdatum. Die Arbeit zu meiner Dissertation kam also einer archäologischen Ausgrabung gleich. Beide Protagonisten waren schon längst verstorben.

In keinem Archiv fanden sich gebündelt Dokumente – niemand vor mir hatte sich systematisch mit den beiden beschäftigt. Meine detektivischen Schnüffeleien führten mich sogar in eine stillgelegte Pappmaché-Fabrik im österreichischen Steyr. Durch Zufall habe ich dort in der Waschküche ein Gemälde entdeckt. Es war das Selbstporträt von Marianne Rieser. Es hängt seitdem über meinem Esstisch und erinnert mich täglich an eine andere Zeit.

Eine Frau strampelt sich frei

Wovon das Buch erzählt? Von einem jüdischen Buben aus Zürich – er hatte aus Deutschland eingewanderte Eltern. Als Erwachsener übernahm er folgsam den Familienbetrieb, eine Weinhandlung und Likörfabrikation: Rieser & Co. Marianne kam hingegen aus einer deutschsprachigen Familie in Prag. Ihr Bruder war der einst weltberühmte und erfolgreiche Literat Franz Werfel. Marianne war nicht folgsam, sondern strampelte sich von Konventionen frei, pflegte unstatthafte Bekanntschaften zu Männern, versuchte sich selber durchzubringen, bevor Ferdinand Rieser geschäftliche Beziehungen mit der Werfel'schen Handschuh-Manufaktur aufnahm. Bald ging eins ins andere: Ferdinand Rieser gab den elterlichen Betrieb auf – und kaufte das Theater am Zürcher Heimplatz, den Pfauen. Brachte das von ihm renovierte Schmuckstück in die Ehe mit Marianne ein, die literarisch sehr ambitioniert gewesen sein muss.

Der Einbruch der Zeit

Jahrelang führte er mit Hilfe und Unterstützung seiner weltgewandten Gattin das Schauspielhaus Zürich als reines Privattheater: mit Gewinn. 1933 erfolgte – wie man es gerne nennt – der Einbruch der Zeit in die Welt des Theaters. In Deutschland kam Hitler an die Macht, und die Nationalsozialisten räumten rasch mit missliebigen Zuständen und Personen auf. Kommunisten und Juden hatten an den Theatern nichts verloren und binnen weniger Tage und Wochen keine Arbeit mehr. Im Sommer 1933 engagierte Ferdinand Rieser mehr als eine Hand voll dieser Menschen – der Kern des später gerühmten Ensembles, das für eine «Goldene Ära» während der dunklen Jahre des Krieges und der Vernichtung in Zürich sorgen sollte: Leopold Lindtberg, Kurt Hirschfeld, Therese Giehse, Leonard Steckel, Ernst Ginsberg – um nur einige zu nennen.

Freilich auch Wolfgang Langhoff – er kam illegal im Kofferraum eines Autos direkt aus dem KZ Börgermoor über die Grenze, mit ausgeschlagenen Zähnen. Ferdinand Rieser päppelte ihn wieder auf, zahlte Gebiss und Arztrechnungen – und engagierte ihn im Fach des jugendlichen Liebhabers. Mit solchen Künstlern konnte Rieser nun nicht nur Klassiker hochkarätig besetzen, sondern auch politisch relevantes Theater machen, das vor allem eines war: antifaschistisch und die bösen Vorgänge in Deutschland nicht ignorierend. Davon zeugen etwa die Uraufführung von Ferdinand Bruckners «Die Rassen» oder Friedrich Wolfs «Professor Mannheim».

Kein Wunder, rief das auch die Schweizer Nazis auf den Plan. Die Frontisten demonstrierten mehr als einmal lautstark vor dem Theater – es kam sogar zu einem Bombenanschlag. Wobei zum Glück nicht mehr zerstört worden ist als ein Teil der Herrentoilette. All das hat mich vor eineinhalb Jahren eingeholt, als sich Eveline Hasler meldete. Sie habe von meiner Dissertation gehört. Ob ich ihr meine Forschungsarbeit zur Lektüre borgen würde? Selbstverständlich.

Mit Witz und Leichtigkeit

Schon bald kündigte sie mir ihr neues Buch an: «Sie haben den Stein von Riesers Grab gerollt und nun dürfte es Zeit sein, dass die Erinnerungen an ihn da und dort weitergehen. Auch beeindruckt hat seine Gattin wohl mit ihrer eigenen Kreativität, ich spüre da viel Witz und Leichtigkeit, nötig und beinah exotisch im zwinglianischen Zürich. Meine Arbeit würde, zwar die Riesers im Mittelpunkt, sich auch auf die Pfeffermühle ausdehnen mit den Manns und den Schwarzenbachs.» Und genauso ist ihr literarisches Gemälde geworden.

Es bedeutet mir tatsächlich etwas: Meine langjährige Arbeit an einem guten Stück Schweizer Geschichte war nicht vergebens.

Am 13. September (20 Uhr) liest die Autorin Eveline Hasler im Schauspielhaus Zürich aus ihrem Buch «Stürmische Jahre».

Ferdinand Rieser Direktor Schauspielhaus Zürich (1886 Zürich – 1947 Rüschlikon) (Bild: pd)

Ferdinand Rieser Direktor Schauspielhaus Zürich (1886 Zürich – 1947 Rüschlikon) (Bild: pd)

Eveline Hasler Autorin von «Stürmische Jahre» Verlag Nagel & Kimche (Bild: Ayse Yavas)

Eveline Hasler Autorin von «Stürmische Jahre» Verlag Nagel & Kimche (Bild: Ayse Yavas)

Journalist und Theaterwissenschafter Peter Exinger an seinem Esstisch mit dem neuesten Buch von Eveline Hasler, «Stürmische Jahre». Über ihm: Ein Selbstporträt von Marianne Rieser. (Bild: Reto Martin)

Journalist und Theaterwissenschafter Peter Exinger an seinem Esstisch mit dem neuesten Buch von Eveline Hasler, «Stürmische Jahre». Über ihm: Ein Selbstporträt von Marianne Rieser. (Bild: Reto Martin)

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