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Thurgauer Pianistin geehrt:
Ihre Nische ist die Vielfalt

Für ihr breites, unermüdliches Engagement für zeitgenössische Musik hat die Weinfelder Musikerin Simone Keller einen IBK-Förderpreis erhalten. Morgen Abend ist Preisverleihung in der Kartause Ittingen.
Martin Preisser
Die Pianistin Simone Keller nach einem Konzert für Schulklassen in der Tonhalle St.Gallen. Bild: Lisa Jenny

Die Pianistin Simone Keller nach einem Konzert für Schulklassen in der Tonhalle St.Gallen. Bild: Lisa Jenny

Wenn Simone Keller über ihre Musik spricht und darüber, wie sie Musik an die Mitmenschen weitergeben will, wirkt das alles leicht, natürlich, unprätentiös. Auch ihr Faible für zeitgenössische Musik scheint sie wie eine ganz selbstverständliche Gabe zu besitzen. Die 39-jährige Pianistin ist in Weinfelden auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ein «kleines, blasses Mädchen» sei sie gewesen, sagt sie. Die Neue Musik hat sie nach ihrem Klavierstudium sehr autodidaktisch entdeckt, und damit auch ihre Sprache, ihren Ausdruck, ihre Persönlichkeit.

«Für jede Musik ist Leidenschaft wichtig», sagt sie, «ganz besonders für zeitgenössische.» Die sei oft ja auch sehr zugänglich und fürs Publikum interessant. Viele Vorurteile würden sich oft schnell auflösen. Aber Moderne sei immer noch zu wenig in den Konzertsälen präsent.

Klaviermusik mit bandagierten Händen

Sieht man die feingliedrige Simone Keller moderne Musik spielen, wirkt das oft sehr körperlich, mit viel Einsatz.

«Ich muss Musik in den Körper bekommen, sie physisch spüren. Bei den Klaviersonaten der Russin Galina Ustvolskaya etwa spiele ich mit Bandagen, um die ganze Kraft aus dieser Musik ­herauszuholen.»

Leicht wirkt es, wenn Simone Keller komplexe moderne Partituren spielt. Viel zähe Arbeit und Auseinandersetzung steckt aber dahinter. «Die Leichtigkeit kommt vielleicht bei mir auch durch eine unbändige Neugier, meinen ständigen Wunsch, Neuland zu entdecken.» Sie habe schon von Jugend an nie in musikalischen Schubladen gedacht. «Und Noten habe ich als Kind gelesen wie andere Comics», erinnert sie sich. Nächstes Jahr reist sie mit zwei Pianistenkollegen nach Wien, mit zehn Flügeln, die alle verschieden gestimmt sind. Dort soll das gesamte Klavierwerk des Basler Komponisten Edu Haubensak aufgeführt werden, für den Simone Keller sich seit vielen Jahren einsetzt.

Mit der Neuen, auch experimentellen Musik hat die in der Szene gefragte Interpretin ihre Nische entdeckt, bewegt sich aber auch in allen anderen Stilen. «Meine Nische ist die Vielfalt», sagt sie fast bescheiden.

Simone Keller ist nicht die Musikerin im Elfenbeinturm der modernen Musik. Sie geht mit ihrer Musik hinaus, will auch Grenzen bei der Vermittlung von Musik sprengen, Barrieren immer wieder einreissen. Dabei findet sie Vermittlung gar kein so geeignetes Wort. «Es klingt immer, als ginge es um irgendein Problem.» Es gehe aber mehr um Einladung, um Teilhabe. «Musik ist ein Grundnahrungsmittel, sie hat die Kraft, Grundlegendes zu geben. Musik hat etwas mit uns und mit der Welt zu tun.» Das ist es, was Simone Keller unter «vermitteln» versteht. Sie geht mittlerweile auch in Gefängnisse, etwa nach Uitikon und macht dort mit Menschen, die schwerste Straftaten begangen haben, Musik.

Mit Schwerverbrechern Musik weiterentwickeln

«Ich komme da nicht als Therapeutin, ich bringe auch nicht hohe Kunst.» Wenn manch ein Gefangener in seiner Zelle vielleicht schon ein, zwei Akkorde auf einem Keyboard ausprobiert hat, dann entwickelt Simone Keller diese Basis weiter, bietet Raum, eigenes Können zu zeigen und weiterzugehen. «Ganz vieles beruht da auf Vertrauen und Unvoreingenommenheit.»

Dann erzählt sie von Julius Eastman, einem amerikanischen Komponisten, einem heroinsüchtigen Obdachlosen, dessen Musik sie begeistert. Eastman und Edu Haubensak sind zwei Komponisten, die Simone Keller bald in einer vierteiligen Reihe auf vier Flügeln im Zürcher Moods vorstellen wird. Als klassische Pianistin mit zeitgenössischer Ausrichtung hat sie vom berühmten Jazzclub eine Carte blanche bekommen. Die Freude über so viel Grenzensprengen ist ihr ins Gesicht geschrieben.

"Ich mache, was ich möchte"

Viel Zuspruch bekommt auch Kellers Arbeit unter dem Label «ox & öl». Da ist sie auch in der Tonhalle Zürich oder im Schauspielhaus zu Gast. Bringt Profis und Laien, alte und junge Spieler, Menschen mit Beeinträchtigung zusammen. Mit improvisierter oder gemeinsam entwickelter Musik. Das Projekt verpasste 2017 nur knapp den deutschen Junge-Ohren-Preis für Musikvermittlung. Auch hier geht es nicht ums Missionieren mit Musik, auch nicht um irgendeine Schublade.

Sieben Förderpreise - zwei davon an Thurgauerinnen

In der Sparte Interpretation zeitgenössischer Musik hat die Internationale Bodenseekonferenz IBK 2019 sieben Förderpreise vergeben. Zwei davon gingen in den Thurgau. Neben der Pianistin Simone Keller, die zusätzlich einen Preis der Jugendjury erhielt, wurde die in Rumänien geborene Sängerin Irina Ungureanu ausgezeichnet. Auch sie engagiert sich seit langem für zeitgenössische Musik. (map)

Simone Keller findet es wichtig, Menschen lieber zu überschätzen als zu unterschätzen, das ist für sie ein Credo bei der Vermittlung, die sie eben so nicht nennen mag. «Ich mache, was ich möchte», sagt Simone Keller. Und da spürt man ein Stück Glück. Ihre Eltern, die Weinfelder Landwirte, die nie etwas mit Musik zu tun hatten, sind heute begeisterte Konzertgänger, auch in Konzerte, wo sie Neues, Ungewohntes, Experimentelles erwartet. Also das, wofür sich ihre Tochter immer wieder erfolgreich einsetzt.

Preisverleihung: Mi, 6.11., 18.30 Uhr, Kartause Ittingen, Warth

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