Hommage an die Mutter

Der im Tessin lebende Ostschweizer Autor Leo Koch schildert in «Hinterkirch» eine berührende Mutter-Sohn-Beziehung – mit viel Fürstenländer Lokalkolorit. Beda Hanimann

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Leo Koch: Hinterkirch, Erzählung, 110 Seiten. Eigenverlag www.leokoch.ch.

Leo Koch: Hinterkirch, Erzählung, 110 Seiten. Eigenverlag www.leokoch.ch.

Die Szene wiederholt sich mehrfach. Der Sohn besucht die betagte Mutter im Pflegeheim, er fährt sie im Rollstuhl durchs Quartier: «Die Strasse beginnt zu steigen (…), und wie immer, wenn wir hier hochfahren, sagt die Mutter, das ist aber streng hier, und ich antworte, für dich doch nicht, du kannst ja fahren, und wir lachen beide.»

Das kleine Ritual eines stillen Einvernehmens ist eine feine Charakterisierung dieser Mutter-Sohn-Beziehung, und es steht beispielhaft für den Ton von Leo Kochs Erzählung «Hinterkirch», für den Schwebezustand zwischen leiser Trauer angesichts des nahenden Endes und einer lebensweisen Heiterkeit.

Divergierende Wirklichkeiten

Es ist eine denkbar unspektakuläre Geschichte, die Leo Koch erzählt. Sie beginnt mit dem Anruf der Mutter aus dem Pflegeheim, mit ihrer aufgeregten Stimme, als sie dem Sohn offenbart, sie komme nicht mehr draus. Der Ich-Erzähler versucht, sich in die zunehmende Orientierungslosigkeit der Mutter hineinzudenken. Er realisiert, dass ihm «all diese stumpfen Begriffe» wie Parkinson, Altersdemenz und Alzheimer nicht weiterhelfen. Und dass es keine allgemeingültige Wirklichkeit gibt, weil sich die seine und die seiner Mutter immer weniger decken.

Die Besuche im Pflegeheim und im Heimatdorf werden für den Erzähler zu ausgedehnten Erkundungsgängen in der eigenen Vergangenheit. Erinnerungen tauchen auf, und daraus entsteht ein mosaikartiges Bild nicht nur der eigenen Kindheit, sondern auch des Mutterlebens.

Präzise Beobachtungen

Wie schon in seiner überzeugenden Erzählung «Miguel» vor zwei Jahren zieht Koch mit präzisen Beobachtungen und Schilderungen in Bann. Er beschreibt die frühen depressiven Phasen der Mutter als «Angst, die über die Seele schwappt wie schwarze Tinte, wie schwarze Tinte, und die Seele saugt alles auf». Und er stellt sich vor, «dass das Leben, das vergangene und das gegenwärtige, für die Mutter ein verhangener See geworden ist, in dem sie langsam untergeht».

Werden und Vergehen

Und wie in «Miguel» schafft Koch eine Schwerelosigkeit, die auch Tragisches und Bedrückendes relativiert. Die Schilderung von Ritualen und den Veränderungen im Dorf – «Hinterkirch» spielt in Gossau und Bernhardzell, wo der im Tessin als Deutschlehrer tätige Koch aufgewachsen ist – öffnet ein Zeitfenster über zwei Generationen. Dieser weite Bogen hat etwas zutiefst Versöhnliches, weil er die Selbstverständlichkeit von Werden und Vergehen spürbar macht. «Hinterkirch» ist ein sehr persönliches, zartes Buch, eine Hommage des Sohnes an die Mutter – und an das Leben. Geschrieben in einer berauschend schönen Sprache.

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