Holt die Künstlerinnen ans Licht! Das Bild der Kunst stimmt so nicht 

Eine Frauenquote in der Kunst ist nötig – vor allem für die Sammlungen und Ankäufe. Ein Fazit nach 40 Jahren und nach Sichtung der aktuellen Realität. 

Sabine Altorfer
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Die Ausnahme: Alice Bailly ist in mehreren Museen präsent. Im Bild "le thé" .

Die Ausnahme: Alice Bailly ist in mehreren Museen präsent. Im Bild "le thé" .

Bild: Aargauer Kunsthaus

Kein Schweizer Museum wagt es mehr, ein Programm ganz ohne Künstlerinnen zu präsentieren. Doch von Parität sind sie noch weit entfernt. Nur 26 Prozent aller Einzelausstellungen haben in den letzten zehn Jahren Künstlerinnen gegolten, wie eine Auszählung von «swissinfo» belegt. Je grösser und wichtiger ein Haus, desto kleiner ist der Frauenanteil. Magere 13,6 Prozent waren es im Schnitt im Kunsthaus Zürich, in der Fondation Beyeler und im Kunstmuseum Basel. Als die Programme 2020 vorlagen – keine Einzelausstellung einer Frau bei Beyeler, eine einzige, kleine in Zürich –, hagelte es Proteste. Eine Quote muss her, forderten Kunstinteressierte vom Kunsthaus Zürich, eine Debatte brach los.

Der Vergleich zu 1989

Das kommt einem bekannt vor. Leider. In den 1980er-Jahren, als Künstlerinnen selbstbewusster auftraten, der Anteil von Frauen an den Kunstschulen beinahe Parität erreicht hatte, sie aber in den Kunsthäusern lediglich mit 9 bis 14 Prozent ausgestellt wurden (wie meine eigene Auswertung damals ergab), braute sich ein ähnlicher Frauensturm zusammen. Seither sorgten vor allem neu gewählte Direktorinnen für einen etwas offeneren Blick und in der Gegenwartskunst gibt’s heute Lichtblicke. Die Kunsthalle Basel etwa zeigt 53 Prozent Frauen.

Wie aber bringt man Gleichstellung in die Museen? Eine Quote wäre ein probates Mittel. Denn sonst passiert zu wenig, wie die Geschichte der letzten fünfzig Jahre zeigt. Trotzdem wird heftig darüber gestritten – mit den alten Argumenten: Das schafft Gettos! Wer will schon Quotenfrau sein! Und wenn es mit den Subventionen gekoppelt würde, wäre das Einmischung des Staates in die Programmfreiheit! Aber wenn in der Wirtschaft eine Quote für Verwaltungsräte möglich ist und die Verantwortlichen dazu animiert, die Augen bei Anstellungen endlich über ihr bestehendes (männliches) Netzwerk hinaus zu öffnen, warum nicht auch in der Kunst? Allerdings dürfte sich eine Quote nicht auf die aktuellen Programme beschränken.

Die grössten Lücken gibt es in den Sammlungen 

Zappenduster in puncto Gleichstellung sieht es nämlich in den Sammlungen aus. Die Kataloge der Meisterwerke belegen das. In der wohl umfangreichsten Bestenauswahl – jener des Kunsthauses Zürich von 2007 beispielsweise– finden sich neben 210 Künstlern nur gerade acht Künstlerinnen mit je einem einzigen Werk. Die krassen Lücken werden damit begründet, dass es weniger Künstlerinnen gab, weil sie an den Akademien bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht zugelassen waren. Und wenn, wurden sie weniger wertgeschätzt und schnell vergessen. Der Kanon wurde von Männern gesetzt. Von Professoren, Verbandspräsidenten, Kritikern und Museumsdirektoren.

Anna Waser (1678-1714) ist eine der - nur - acht (!) Künstlerinnen, die das Kunsthaus Zürich in seinen 220 Meisterwerken aufgenommen hat.

Anna Waser (1678-1714) ist eine der - nur - acht (!) Künstlerinnen, die das Kunsthaus Zürich in seinen 220 Meisterwerken aufgenommen hat.  

Kunsthaus Zürich

Vergessene Künstlerinnen aufzuspüren, systematisch die Bestände zu durchforsten, Biografien zu recherchieren, Lücken mit Ankäufen zu füllen, ist eine dringende Aufgabe für die Forschung wie für die Museen. Das Bundesamt für Kultur hat die Museen mit Beiträgen ermächtigt, Provenienzforschung wegen Raubkunst und die Digitalisierung der Sammlungen voranzutreiben. Warum nicht Programme für die Erforschung der weiblichen Kunstgeschichte? Solche Projekte sind dünn gesät - oder werden nicht von Kunstmuseen angepackt: In St. Gallen plant das HVM, das Historische und Völkerkundemuseum eine solche Aufarbeitung mit der Ausstellung «Berufswunsch Malerin! Elf Wegbereiterinnen der Schweizer Kunst».   

Noch sind Werke von Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts zu kaufen. 2020 zeigen einige Häuser 80- und 90-jährige Künstlerinnen aus ihrer Region: Erica Pedretti in Chur, Teruko Yokoi in Bern, das ist die Gelegenheit, um über Ankäufe, Schenkungen und Vorlässe zu reden. Bei bereits verstorbenen existieren Nachlässe, aus denen sich Lücken in der Sammlung schliessen lassen.

Eine Ankaufsquote von 80 Prozent  

Damit das wirklich geschieht, sollten die Trägerschaften Quoten festlegen. Warum nicht in den kommenden zehn Jahren 80 Prozent der Ankaufsetats für weibliche Kunst einsetzen? Das würde zumindest eine kleine Korrektur ergeben. Und Museen müssten auch die mit ihnen liierte private Sammler animieren, Werke von Künstlerinnen zu kaufen. Denn in Privatsammlungen liegt der Fokus meist bei denselben Männernamen, die von den Museen als Kanon proklamiert werden.

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